Prozess um mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg Die These von der Schockstarre

Mehrere Männer sollen in Freiburg eine 18-Jährige vergewaltigt haben. Vor Gericht ist eine Frage von zentraler Bedeutung: Wie wirkte die Ecstasy-Pille auf die junge Frau? Über das Gutachten ist nun Streit entbrannt.
Von Wiebke Ramm
Angeklagte im Freiburger Landgericht (Juni 2019): Verteidigung hält Gutachter für befangen

Angeklagte im Freiburger Landgericht (Juni 2019): Verteidigung hält Gutachter für befangen

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Patrick Seeger/DPA

Eigentlich hat der Richter Urlaub. Doch die Corona-Pandemie hat bereits zu mehreren Terminausfällen geführt. Und so hat der Vorsitzende Richter am Mittwoch seinen Urlaub unterbrochen, um den Prozess um die mutmaßliche Vergewaltigung einer 18-Jährigen in Freiburg fortzusetzen. Um die Abstandsregeln einzuhalten, wird nicht mehr im Landgericht Freiburg, sondern im Paulussaal der Stadt verhandelt. Wo sonst Künstler auftreten, sitzen nun elf junge Männer vor der Großen Jugendkammer auf der Anklagebank. 

Es geht um die Nacht auf den 14. Oktober 2018. Eine 18-Jährige wollte mit einer Freundin in einem Freiburger Klub feiern. Gegen kurz nach Mitternacht schluckten die beiden jeweils eine Ecstasy-Tablette. Wenig später soll die 18-Jährige in einem Gebüsch neben der Diskothek von einem der Angeklagten vergewaltigt worden sein. Laut Anklage sollen weitere Angeklagte sie in den Folgestunden ebenfalls vergewaltigt haben. 

Die Angeklagten bestreiten eine Vergewaltigung. Zum Beispiel Timo P. Er sagt, es sei die junge Frau gewesen, die nach Sex verlangt habe. Weder er noch die Mitangeklagten seien wie "Monster" über sie hergefallen. Die 18-Jährige hätte jederzeit aufstehen und gehen können. Hätte sie? Es ist eine der Fragen, die Professor Torsten Passie, Psychiater aus Hannover, dem Gericht beantworten soll. Seine Antwort stößt auf Widerstand bei der Verteidigung. 

Die Frau war unerfahren im Umgang mit Ecstasy

Die Verteidigung hält den Psychiater für befangen. Sie wirft Passie vor, ein widersprüchliches und fehlerhaftes Gutachten vorgelegt zu haben. Die Verteidigerinnen Kerstin Oetjen und Hanna Palm fordern, das Gericht möge einen anderen Sachverständigen mit einem neuen Gutachten beauftragen. 

Psychiater Passie kommt in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass die junge Frau in jener Nacht etwa 50 Minuten nach Einnahme der Ecstasy-Tablette, also etwa zwischen 0.50 Uhr und 4 Uhr, aller Wahrscheinlichkeit nach die Realität nicht mehr voll erfassen konnte. Sie habe zu dem Zeitpunkt weder zielgerichtet handeln noch sich koordiniert bewegen können. Auf Außenstehende werde sie einen verwirrten und hilflosen Eindruck gemacht haben. Sie sei nicht mehr in der Lage gewesen, sich zu wehren. So stellte Passie es im Mai vor Gericht dar.

Die Frau war unerfahren im Umgang mit Ecstasy. Die Tablette, die sie nahm, sei mit etwa 160 Milligramm des Wirkstoffes Methylendioxymethamphetamin (MDMA) überdosiert gewesen. Eine übliche Dosis seien 100 Milligramm. Ihr Blutalkoholspiegel soll zudem bei etwa 1,2 Promille gelegen haben. 

Dass sie von den Männern Sex eingefordert habe, hält Passie für Quatsch. Die Einnahme von Ecstasy führe zu Euphorie, Entspannung und einem gesteigerten Nähebedürfnis. Doch das Verlangen nach Sex wachse nicht. Im Gegenteil: Ecstasy stelle ein postorgasmisches Gefühl sexueller Sättigung her. "Ein exzessiver sexueller Erregungszustand", wie ihn einige Angeklagte und Zeugen bei der Frau behaupteten, sei "aus psychophysiologischer Sicht nicht möglich". Passie selbst weist in seinem Gutachten allerdings darauf hin, dass es bisher keine Studien zur Wirkung sehr hoher MDMA-Dosierungen gebe. Auch fehlten Studien dazu, wie sich Alkohol mit Ecstasy vertrage.

Nach Ansicht der Verteidigung ist Psychiater Passie erst durch Nachfrage in der Hauptverhandlung aufgefallen, dass die mutmaßliche Vergewaltigung durch Timo P. bereits gegen 0.30 Uhr erfolgt ist. Sie lag damit vor dem Zeitpunkt, ab dem die Frau laut Gutachten hilflos gewesen sei. Die Unfähigkeit, sich zu wehren, soll laut Passie gegen 0.50 Uhr vorgelegen haben. 

In ihrem Ablehnungsantrag stellt Verteidigerin Oetjen fest, dass der Gutachter seine Feststellungen daraufhin plötzlich "in eklatanter Weise" geändert habe, was "erhebliche Zweifel an der Neutralität des Gutachters" wecke. Nun habe er ein psychisches Trauma betont, das bei der Frau durch die erste Vergewaltigung schon gegen kurz vor 0.30 Uhr ausgelöst worden sei. Dieser Schock habe dazu geführt, dass sie sich schon da nicht mehr habe wehren können. Der Gutachter hatte seine Darstellungen auf Nachfragen im Gericht verteidigt und von einem komplexen Geschehen gesprochen.

"Ein Sachverständiger, der seine Beurteilungen nach dem gewünschten Ergebnis verändert, ist nach Auffassung meines Mandanten befangen und nimmt seine Aufgabe nicht objektiv und neutral vor", sagte Oetjen. 

Diverse Erinnerungssplitter

Sie kritisiert weiter, dass der Gutachter von einer Art Schockstarre nach der ersten Vergewaltigung ausgegangen sei. Sie zitiert Passie mit den Worten: "Ein Totstellreflex wie im Tierreich ist aus meiner fachlichen Sicht hier möglich." Die Verteidigerin fragt, wie das dazu passe, dass die Frau selbst berichtet habe, dass sie diverse Erinnerungssplitter an das Geschehen im Gebüsch habe. Die Frau soll sich an einen Geschmack, an Positionswechsel, an einzelne Sätze, an Sand und Zweige in ihren Händen erinnert haben. Oetjen: "Eine Schreckstarre ist der Zustand einer vollständigen Bewegungsunfähigkeit. Dieser hat nachweislich nicht vorgelegen." Verteidigerin Hanna Palm schließt sich dem Befangenheitsantrag und dem Antrag auf Einholung eines neuen Gutachtens an. 

Torsten Passie fehlt an diesem Tag vor Gericht. Am nächsten Verhandlungstag Ende Juni erhalten er, die Staatsanwaltschaft und die Nebenklagevertreterin Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen der Verteidigung zu äußern. Dann muss das Gericht über die Anträge entscheiden.

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