Angeklagter Hussein K. "Ich hatte kein Ziel mehr in meinem Leben"

Hussein K. hat die Tötung der Freiburger Studentin Maria L. zugegeben. Vor Gericht erzählte er, wie er auf die 19-Jährige traf, wie er sie umbrachte - und warum er nicht mehr leben will.

Hussein K.
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Hussein K.

Von , Freiburg


Bevor Hussein K. schildert, wie er die Medizinstudentin Maria L. tötete, wendet er sich an deren Familie und Freunde. Er hat seine Worte auf einem Blatt Papier notiert, er räuspert sich, das rote Lämpchen an dem Mikrofon vor ihm leuchtet auf.

"Ich heiße Hussein, ich bin 19 Jahre alt und aus Afghanistan." Er entschuldigt sich dafür, dass er die junge Frau tötete. "Wenn es mir möglich wäre, sie wieder ins Leben zurückzurufen, hätte ich es gemacht. Aber ich habe nicht die Macht, sie wieder auferstehen zu lassen. Ich bete täglich für sie. Es ist das Einzige, was ich machen kann."

Seine Worte richten sich nicht nur an die Familie, die Freunde seines Opfers, sie sollen auch die Zuschauer in Sitzungssaal IV des Landgerichts Freiburg erreichen, die wütend sind, aufgebracht, enttäuscht. "Ich verstehe Sie alle, ich weiß, wie es ist, wenn man seinen Liebsten verliert", sagt Hussein K. "Sie leben von Ihrer Erinnerung, aber ich lebe in den Qualen von Maria. Das zerstört mein Leben nach und nach."

Hussein K. hat die Worte selbst gewählt, selbst formuliert, selbst aufgeschrieben. Das ist seinem Verteidiger an diesem Tag wichtig, es handle sich um keine "anwaltlich vorgeprüfte" Einlassung.

Hussein K. ist angeklagt wegen Mordes. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat er in der Nacht zum 16. Oktober 2016 Maria L. auf dem Nachhauseweg überfallen und "heimtückisch" und "zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs" getötet.

Hussein K. selbst sagt an diesem Montag, er wisse nicht, wie lange er noch leben könne. "Wenn es Sie glücklich macht, dass ich sterbe, dann würde ich Sie glücklich machen. Ich bitte Sie nur, mir zu verzeihen." Es ist still im Saal.

Staatsanwalt Eckart Berger, Verteidiger Sebastian Glathe
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Staatsanwalt Eckart Berger, Verteidiger Sebastian Glathe

Hussein K. sagt, er leide seit Marias Tod "täglich Qualen", er träume jede Nacht davon, die Träume machten ihn verrückt. "Ich lebe im Gefängnis nicht wie ein normaler Mensch. Mehr wie eine Leiche, die in Bewegung ist."

Vor Gericht räumt Hussein K. die Vorwürfe ein, aber er wehrt sich gegen das Motiv. Seine Erinnerungen an den Abend des 15. Oktober sollen beweisen, wie wenig Herr seiner Sinne er gewesen sein will, wie ferngesteuert, wie berauscht. Demnach traf er drei Kumpel, mit denen er Wodka trank und Haschisch rauchte. "Ich war sehr besoffen, sehr high." Irgendwann seien seine Freunde nach Hause, er sei allein weitergezogen.

In einer Bar habe er Bier und Wein getrunken, vor der Tür noch einmal gekifft. Er habe mit einer Frau getanzt und einen Mann angesprochen, der ihm zehn Euro geschenkt habe; doch der Barkeeper habe ihn rausgeschmissen. Hussein K. sagt, er sei zu einer Diskothek, mit dem Türsteher dort sei er aneinandergeraten. "Weil ich ein Flüchtling bin, willst du mich nicht reinlassen!", habe er ihn angebrüllt. Der Türsteher habe ihn geschubst, er sei hingefallen. Ein Dealer, bei dem er das Marihuana gekauft hatte, habe ihm geraten, das Weite zu suchen, bevor die Polizei alarmiert werde.

Er habe einen deutschen Jungen gebeten, ihm von den zehn Euro in einem Dönerladen Bier zu kaufen; der Junge tat ihm den Gefallen. Hussein K. sagt, er habe es getrunken, sei währenddessen herumgelaufen, mit der Straßenbahn nach Freiburg-Littenweiler gefahren, an der Endhaltestelle ausgestiegen und habe dort auf der Bank sitzend einen weiteren Joint geraucht. Eine Frau habe ihn angesprochen, warum er kiffe, da sei er weggelaufen.

"Ich sah jemanden auf einem Fahrrad"

An einer Tankstelle habe er ein Fahrrad geklaut, doch er sei damit gestürzt, habe sich verletzt. Er sagt, er habe nach Hause gewollt, am Uferweg des Flusses Dreisam sei ihm dann übel geworden; er sei zu Boden gefallen, habe versucht zu erbrechen.

"Als ich nach vorne schaute, sah ich jemanden auf einem Fahrrad." Es war Maria L. Die 19-Jährige war auf dem Weg ins Studentenwohnheim. "Ich stand auf", erinnert sich Hussein K. "Die Person wollte schnellstmöglich an mir vorbeifahren." Als sie ihn passierte, "trat ich gegen das Fahrrad". Maria L. flog vom Rad. Erst da habe er gesehen, dass es eine junge Frau war.

Maria L. habe geschrien, er habe ihr den Mund zugehalten und mit der anderen Hand den Hals zugedrückt. "Ich war gezwungen, sie mit dem Schal zu erwürgen." Gezwungen? "Weil meine Hand keine Kraft mehr hatte, aber sie weiter schrie." Er habe Angst gehabt. Wovor? "Dass noch jemand dazukommt, das hört und ich ins Gefängnis komme, weil ich gegen ihr Fahrrad getreten habe."

Richterin Kathrin Schenk: "Sie dachten, dass man dafür ins Gefängnis kommt?"

Hussein K.: "Ja."

"Wissen Sie, ob Haschischrauchen in Deutschland erlaubt ist?"

"Ich weiß, dass es nicht erlaubt ist."

"Hatten Sie nie Angst, deshalb ins Gefängnis zu kommen?"

"Doch, deshalb habe ich nie draußen geraucht, meistens bei mir oder meinem Freund."

Richterin Schenk erwähnt noch, dass Hussein K. eigenen Angaben zufolge an jenem Abend des 15. Oktober durchaus im Freien Marihuana konsumiert habe. Es bleibt nicht die einzige Ungereimtheit in seinem Geständnis.

Duschen, Klamotten waschen, schlafen

Nach dem Würgen mit seinem Schal habe sich Maria L. nicht mehr bewegt, sagt Hussein K. "Ich habe gesehen, dass es ein hübsches Mädchen ist. Ich habe überlegt, komm, mach mal mit ihr Sex."

Er habe Maria L. ausgezogen, sich an ihr vergangen. Er habe sie für tot gehalten. "Sie hat nicht mehr geatmet, ihr Brustkorb hat sich nicht mehr bewegt." Laut Staatsanwalt Eckart Berger starb Maria L. erst später durch Ertrinken, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben.

Fußfesseln des Angeklagten Hussein K.
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Fußfesseln des Angeklagten Hussein K.

Nur um sein Blut auf ihrem Körper, das von seinem Sturz vom Fahrrad stammte, abzuwaschen, habe er Maria L. ins Wasser gezogen. Danach sei er nach Hause, habe unterwegs noch den restlichen Joint aufgeraucht, zu Hause habe er dann geduscht, seine Klamotten in die Waschmaschine gesteckt und sei schlafen gegangen.

"Ich habe nicht geglaubt, dass ich so etwas gemacht habe", sagt Hussein K. "Bis ich es am nächsten Tag in den Nachrichten gesehen habe." Er habe mit niemandem über seine Tat gesprochen.

Er ließ sich von einem Freund seine grell blondierten Haare schneiden. Eines davon konnte die Spurensicherung der Kriminalpolizei am Tatort sichern. Nur deshalb und anhand eines Überwachungsvideos konnte Hussein K. letztendlich ermittelt werden.

Eine Woche vor Maria L.s Tod habe er sich das Leben nehmen wollen, sagt Hussein K. vor Gericht. Er habe Schlaftabletten und einen schlaffördernden Saft zu sich genommen, beides habe ihm ein Psychiater verschrieben. Warum er nicht mehr habe leben wollen, fragt die Vorsitzende Richterin. "Ich war müde", sagt Hussein K. "Ich hatte kein Ziel mehr in meinem Leben."

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