Tod Fritz von Weizsäckers Attentat aus dem Nichts

Ein mutmaßlich psychisch kranker Mann tötete den Mediziner Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten - offenbar im Wahn. Für die Polizei war er ein unbeschriebenes Blatt.

Thomas Frey/dpa

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Am Tag danach ist der Schock überall spürbar. Das Entsetzen über ein schreckliches Verbrechen, eine Attacke, die aus dem Nichts kam. Fritz von Weizsäcker, renommierter Chefarzt an der Berliner Schlosspark-Klinik, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist tot. Erstochen von einem offenbar psychisch kranken Täter, der für die Ermittlungsbehörden bis dato ein unbeschriebenes Blatt war.

"Es ist ein entsetzlicher Schlag für die Familie von Weizsäcker", sagt Regierungssprecher Steffen Seibert im Namen der Kanzlerin. Der Bundespräsident kondoliert. FDP-Chef Christian Lindner twittert, der Verstorbene sei "ein passionierter Arzt und feiner Mensch" gewesen. "Einmal mehr fragt man sich, in welcher Welt wir leben." In der Klinik liegt ein Kondolenzbuch aus.

Täter aus Andernach

Fritz von Weizsäcker hat mit seinem Leben dafür bezahlt, dass sich mehr als 600 Kilometer von Berlin entfernt ein Mann offenbar in einen krankhaften Wahn gesteigert hat. Im rheinland-pfälzischen Andernach plante der 57-jährige Gregor S. nach eigenen Angaben schon seit Längerem die Bluttat.

Apartmentkomplex in Andernach: Hier soll der mutmaßliche Angreifer gewohnt haben
Thomas Frey/dpa

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Es ist Dienstagabend um kurz vor sieben, als aus den Plänen tragischer Ernst wird.

Fritz von Weizsäcker referiert an der Klinik nahe dem Charlottenburger Schloss zum Thema "Fettleber - (K)ein Grund zur Sorge". Etwa 20 Zuhörer haben sich in einem Tagungsraum der Abteilung für Psychiatrie eingefunden. Weizsäcker ist fast am Ende mit seinem Vortrag, als Gregor S. sich aus der Schar der Zuhörer löst und zum Podium geht.

Der Mann sticht seinem Opfer gezielt in den Hals. Und er attackiert einen Polizisten, der privat dem Vortrag zugehört hat und nun zu Hilfe eilt. Dann können mehrere Zuhörer den Angreifer festhalten. Weizsäcker stirbt am Tatort, der Polizist kommt schwer verletzt ins Krankenhaus.

Noch am Abend vernehmen Ermittler den Mann aus Rheinland-Pfalz. Gregor S., das berichtet später eine Polizeisprecherin dem SPIEGEL, wirkt aufnahmebereit und macht keinen verwirrten Eindruck. Aber was er erzählt, das wirkt krank.

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Er habe den Mediziner gezielt getötet, um sich an der Familie von Weizsäcker zu rächen. Eigentlich habe er den Vater von Fritz treffen wollen: Richard von Weizsäcker, Bundespräsident von 1984 bis 1994, in den Sechzigern Geschäftsführer der Chemiefirma Boehringer Ingelheim. Richard von Weizsäcker aber ist seit fast fünf Jahren tot. Deshalb, so sagt S., habe er den Sohn ausgewählt.

Richard von Weizsäcker sei dafür verantwortlich gewesen, dass Boehringer Giftstoffe geliefert habe, mit denen die USA Menschen im Vietnamkrieg gequält hätten. Es geht konkret um Wissen zur Herstellung von Vorprodukten des Entlaubungsmittels "Agent Orange". Richard von Weizsäcker hatte 1991 dem SPIEGEL gesagt: "Mit großer Betroffenheit" habe er erst Jahre nach seinem Ausscheiden von "Agent Orange" erfahren.

"Wahnbedingte allgemeine Abneigung"

Die Details der Aussage von S. wollte ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft weder bestätigen noch dementieren. Die Behörde teilte mit, das Tatmotiv liege in einer "wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung des Beschuldigten" gegen die Familie.

S. hatte, so zumindest sagte er der Polizei, den Vortragstermin im Internet gefunden. Erst am Dienstag stieg er demnach in den Zug nach Berlin. Noch in Rheinland-Pfalz kaufte er das spätere Tatmesser.

Am Mittwoch ließen die Ermittler Gregor S. von einem Arzt untersuchen. Aufgrund des Ergebnisses gehe man von einer "akuten psychischen Erkrankung" des Täters aus. Die Ermittler beantragten daher, ihn wegen Mordes und versuchten Mordes in die Psychiatrie einzuliefern. Am Abend erließ das zuständige Gericht einen entsprechenden Unterbringungsbeschluss. Anders als bei gesunden Tätern geht es nicht um einen Haftbefehl.

Verbundenheit zum vietnamesischen Volk?

Der "Bild"-Zeitung zufolge arbeitete Gregor S. als Lagerist bei einem großen Versandhändler. Demnach soll S. regelmäßig nach Thailand gereist sein. Er habe außerdem eine Verbundenheit zum vietnamesischen Volk.

Die öffentliche Anteilnahme an dem Fall ist auch deshalb groß, weil die Weizsäckers zu den bekanntesten deutschen Familien zählen. Sie seien, so ihr Biograf Hans-Joachim Noack gegenüber dem SPIEGEL, "auf den Gebieten des Geistes und der Macht seit den Fünfzigerjahren zur Avantgarde geworden".

Der Verstorbene sei "aufgeschlossen und lebenslustig" gewesen, "von Irdischem gefesselt". Der Mediziner sei "glühender Anhänger" von künstlicher Intelligenz gewesen. "Mir erschien er als einer der Modernsten in dieser Großfamilie."

Fritz von Weizsäcker hinterlässt eine Frau und vier Kinder.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, Fritz von Weizsäcker hinterlasse drei Kinder. Tatsächlich sind es vier Kinder. Wir haben die Angaben korrigiert.

Mitarbeit: Jean-Pierre Ziegler

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