Tödlicher Unfall in Hessen Mädchen von Zug überrollt - vier Männer angeklagt

Eine 16-Jährige rutschte 2010 auf einem schneebedeckten Bahnsteig aus, fiel ins Gleis und wurde von einer Bahn überfahren: Nun stehen in Fulda vier Männer vor Gericht - sie sollen ihren Dienst nicht ordnungsgemäß erledigt haben.

Angeklagte beim Prozessauftakt: Das Landgericht Fulda geht von einem langwierigen Verfahren aus
Arne Dedert/DPA

Angeklagte beim Prozessauftakt: Das Landgericht Fulda geht von einem langwierigen Verfahren aus


Wer hat Schuld am Unfalltod einer 16-Jährigen auf einem winterlichen Bahnsteig im hessischen Neuhof? Neuneinhalb Jahre danach müssen sich vor dem Landgericht Fulda vier Angeklagte verantworten.

Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft vor, in ihrer Funktion bei der Deutschen Bahn und einer Gebäudemanagement-Firma nicht dafür gesorgt zu haben, dass der Bahnsteig ausreichend von Schnee und Eis geräumt und gestreut war. Im Februar 2010 war die Schülerin ausgerutscht. Sie stürzte ins Gleisbett und wurde von einem einfahrenden Zug erfasst und getötet.

Der Bahnsteig sei nicht verkehrssicher gewesen, zitierte die Staatsanwältin zu Beginn des Prozesses aus der Anklageschrift. Die 16-Jährige könnte demnach "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" noch leben, wenn die Männer ihren Dienst ordnungsgemäß erledigt hätten.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten fahrlässige Tötung durch Unterlassen vor. Die Verteidigung hält den Fall und die Verantwortlichkeiten nicht für eindeutig: Es gehe um einen "schrecklichen Unfall" - an dem aber "kein denkbares Verhalten unserer Mandanten, anders als die Anklageschrift suggeriert, irgendetwas hätte ändern können".

Prozess wird wohl bis Januar 2020 laufen

Das Landgericht geht von einem langwierigen Prozess aus: Bislang sind rund 30 Verhandlungstage bis Januar 2020 geplant. Die Staatsanwaltschaft spricht ebenfalls von einem umfangreichen Verfahren.

Dazu gehört auch ein jahrelanges juristisches Tauziehen im Vorfeld: Die Ermittlungen waren zwischenzeitlich aus Mangel an Beweisen eingestellt worden. Dagegen legte die Mutter der Getöteten mit Erfolg Beschwerde ein. Beinahe wäre es aber nicht zur Verhandlung gekommen, denn das Landgericht Fulda lehnte die Eröffnung zunächst ab. Erst nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main konnte der Prozess doch noch beginnen.

Die Verteidigung hat ihre Zweifel, dass der Fall angesichts der verstrichenen Zeit aufgeklärt werden kann: Das Verfahren stütze sich im Wesentlichen auf Aussagen von Zeugen, die sich an ein neuneinhalb Jahre zurückliegendes Geschehen erinnern müssten. Das sei ein "erschwerender Faktor", der an vielen Stellen Probleme machen werde.

Mutter hat "furchtbaren Verlust" erlitten

Der Rechtsanwalt der Mutter, die als Nebenklägerin auftritt, wollte das so nicht stehen lassen: Die Frau habe einen "furchtbaren Verlust" erlitten. Auch nach Jahren müsse man noch versuchen, das Geschehen aufzuklären. Ob es sich so zugetragen habe wie in der Anklageschrift beschrieben - "dazu haben wir das Verfahren".

Kurzzeitig drohte die Stimmung im Gerichtssaal zu kippen, weil der Nebenklagevertreter einen Vergleich zu den Auschwitz-Prozessen zog: Diese hätten auch noch nach Jahren Erkenntnisse ans Licht gebracht. Dieser Vergleich sei "absurd", kritisierte die Verteidigung. Doch es wurde rasch wieder sachlich am Landgericht. Drei der vier Angeklagten im Alter zwischen 41 und 67 Jahren kündigten für den nächsten Verhandlungstag am 23. August Aussagen an.

Die Mutter erhofft sich von dem Verfahren, "dass die Gerechtigkeit siegt und die Schuld von meiner Tochter genommen wird". Im Fall einer Verurteilung droht den Angeklagten bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe.

sen/dpa

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