Gewalt bei G20 Wie Frau Mazkouri, 72, ihr Auto verlor

Ulla Mazkouri hatte ihr Auto extra abseits geparkt. Trotzdem zündeten Randalierer den Wagen an. Was danach geschah, brachte die pensionierte Hamburgerin an den Rand ihrer Kräfte.

Die Überreste von Ulla Mazkouris Auto, einem silbergrauen Audi A2 (r.)
DPA

Die Überreste von Ulla Mazkouris Auto, einem silbergrauen Audi A2 (r.)

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Während des G20-Gipfels brannten in Hamburg viele Autos. Eins davon gehörte Ulla Mazkouri. Die 72-Jährige lebt in einem Seniorenheim in der Bernstorffstraße, die an den Stadtteil St. Pauli grenzt. Dort hatten Autonome am Donnerstagabend nach der Demonstration "Welcome to Hell" stundenlang randaliert.

Ulla Mazkouri
Privat

Ulla Mazkouri

Gegen halb sieben Uhr abends war Ulla Mazkouri an dem Tag nach Hause gekommen, hatte ihren silbergrauen Audi etwas abseits geparkt, damit er nichts abbekommt.

Die Rentnerin ruhte sich in ihrer Wohnung aus, als sie etwas rumpeln hörte, wie an Silvester. Sie dachte sich nicht viel dabei. Um kurz vor zehn klingelte eine Polizistin an ihrer Tür. Ulla Mazkouri erzählt, was dann geschah:

"Die Polizistin sagte: 'Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Auto abgebrannt ist.' Ich war so fassungslos, ich habe das erst gar nicht realisiert. Es standen schon ein paar Anwohner draußen. Von meinem Auto war gar nichts mehr da, das müssen sie zum Teil von der Straße abkratzen."

Mazkouris Sohn Pascal hatte ihr das Auto gegeben, damit sie mobil ist. Vor rund vier Jahren hatte er sie damit überrascht. Der Audi war ein Unfallwagen, den er von einer Bekannten bekommen hatte.

"Ich musste immer an Pascal denken und daran, wie er den Wagen monatelang peu à peu in der Werkstatt eines Freundes hergerichtet hat. Er war da noch in der Ausbildung und hat sich jedes Ersatzteil zusammengespart.

Als ich vor dem ausgebrannten Wagen stand, hatte ich das Gefühl, ich bekomme keine Luft. Ich wollte nicht zurück in meine Wohnung, deshalb saß ich mit ein paar Nachbarn und meinen Söhnen bis nach Mitternacht vor dem Hauseingang, wie bei einer Mahnwache. Wir haben gescherzt, dass wir jetzt den Luftdruck nicht mehr nachgucken brauchen."

Ulla Mazkouri mit ihrem Sohn Pascal
Privat

Ulla Mazkouri mit ihrem Sohn Pascal

Im Auto lag ein Spielekoffer mit Memory und Autoquartett, für die Kinder von Freunden, wenn sie dort zu Besuch war. Mazkouri hatte andere Senioren aus dem Altersheim, die auch nicht mehr so gut laufen können, manchmal in den Zirkus oder ins Kino mitgenommen.

"Sie haben gesagt: 'Du fährst so schön, du lässt dich gar nicht aus der Ruhe bringen.' Ich habe auch manchmal meine Söhne oder Freunde von Partys abgeholt, damit sie ein Bierchen trinken konnten. Ich bin eher eine Eule als eine Nachtigall und Nachtfahrten durch Hamburg sind schön, die Straßen sind leer und man hat auch mal eine grüne Welle."

Das Laufen fällt Mazkouri schwer, sie hat eine künstliche Hüfte, die andere sollte auch operiert werden. Doch vor zwei Jahren erkrankte sie an Brustkrebs, es folgten Chemotherapie und Bestrahlung. Deshalb schob sie die zweite Hüft-OP immer wieder auf.

"Jetzt tut es so weh, dass ich kaum noch stehen kann. Ich war so dankbar, dass ich einen Sessel auf Rädern hatte. Ich musste nur Pedale und Lenkrad bedienen. Das Auto war mein Rückzugsraum. Ich bin Elvis-Fan und hatte viele CDs darin, auch von Hildegard Knef und afrikanischen Chören.

Manchmal habe ich auf dem Parkplatz im Auto gesessen und noch etwas Musik gehört, wenn ich schon zu Hause war, und bin dabei weggeschlummert. Wäre das am Donnerstag passiert, wäre ich vielleicht mit abgefackelt. Man kann ja von außen nicht sehen, ob jemand im Wagen sitzt."

Mazkouri hatte jahrelang als Erzieherin gearbeitet, bis sie 2004 einen Herzinfarkt bekam. Der Job hatte sie oft angestrengt, weil sie allen Kindern gerecht werden wollte.

"Wenn etwas passiert, bin ich nach außen immer recht ruhig und sondiere die Lage, weil ich weiß, dass Panik meinem Körper schadet. Und den Kindern hilft sie auch nicht. Hinterher klappe ich zusammen und muss furchtbar weinen. Am Samstag war so ein Tag. Da rollte mir ständig was aus den Augen."

Mein Auto ist abgebrannt - wer zahlt?

Die Stadt Hamburg und die Bundesregierung haben angekündigt, alle Besitzer abgefackelter Autos bald zu entschädigen. Der Hamburger Verkehrsverbund HVV bietet Betroffenen eine kostenlose Monatskarte an. Eine Bekannte Mazkouris hat außerdem einen Spendenaufruf gestartet, mehr als 1900 Euro sind bis Montagmittag zusammengekommen.

"Auch aus Neuseeland hat einer geschrieben. Ich bin ganz platt davon. Sonst helfe ich immer, wenn es irgendwo brennt. Es ist das erste Mal, dass mir so sehr geholfen wird. Es ist kolossal, das zu erleben.

Ich kann die Proteste gegen den Gipfel verstehen, ich war früher selbst bei Greenpeace. Ich habe dort die Kinderpost beantwortet. Aber die Gewalt in den letzten Tagen verstehe ich nicht. Es war einfach gemein, den Gipfel hier in Hamburg zu machen."

Die Aufregung nach dem Brandanschlag auf ihr Auto hat Ulla Mazkouri sehr mitgenommen. Am Sonntagabend wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert, Verdacht auf Schlaganfall. Er hat sich nicht bestätigt. Am Montag durfte sie wieder nach Hause.

Wer ihren Wagen angezündet hat, weiß die Rentnerin nicht. Ihr Sohn Pascal hat bei der Versicherung angerufen. Die Scheiben könne man ersetzen, habe es dort geheißen.

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