Randale in Hamburg 2017 Was wurde aus G20-Polizeichef Dudde?

Beim G20-Gipfel ließ Polizeichef Dudde seine Beamten rigoros einschreiten - und konnte schwere Krawalle in Hamburg trotzdem nicht verhindern. Heute ist er mächtiger denn je.
Hartmut Dudde

Hartmut Dudde

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa

Vor gut einem Jahr brachte es Hartmut Dudde für kurze Zeit zum Promi. Trump, Merkel, Dudde, so klang das damals. Der Mann mit der Brille und dem schütteren Haar dirigierte den größten Polizeieinsatz in der deutschen Geschichte. G20, Hamburg, ein Gipfel, auf den die Welt sah.

Dudde hatte ein bisschen gewarnt vorher, nicht ganz leise, aber auch nicht laut. Eine Großstadt wie Hamburg sei nicht der ideale Ort für solch ein Treffen der mächtigsten Regierungschefs. Die Polizei, so verstanden ihn Gesprächspartner, könne nicht immer überall sein.

Insgesamt aber, so Dudde kurz vor den zwei Gipfeltagen im Juli, sei das machbar: Staatsgäste schützen, Terror verhindern, Randale bekämpfen. "Natürlich kriegen wir das hin." Man sei gut gerüstet. Das gesamte Equipment der deutschen Polizei sei da. "Und wenn wir es brauchen, packen wir alles aus."

Dudde musste dann eine ganze Menge auspacken. Und doch konnten 31.000 Polizisten die Bilder schwerer Krawalle nicht verhindern, die vom Gipfel an der Elbe vor allem bleiben. Vermummte Horden, die eine halbe Stunde unbehelligt in der noblen Elbchaussee wüten. Brennende Barrikaden im Schanzenviertel, geplünderte Geschäfte, Rauchsäulen über der Stadt.

An Dudde entzündete sich Kritik - auch weil mancher Beamte als Prügelpolizist auffiel und friedliche Demonstranten überzogene Härte der Staatsmacht beklagten. Dudde persönlich unterliefen bei der Demo "Welcome to Hell" taktische Fehler, als er seine Beamten an der falschen Stelle einschreiten ließ und die Lage dadurch anheizte.

Fotostrecke

Randale bei G20-Gipfel: Spur der Verwüstung

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa

All das hat ihm nicht geschadet. Im März stieg er auf zum Leiter der Schutzpolizei, zum Chef aller 5000 uniformierten Polizisten an der Elbe. Die Innenbehörde genehmigte ihm die Besoldung B3 auf Lebenszeit: mehr als 7600 Euro brutto im Monat. Dudde ist nun der drittmächtigste Polizist der Stadt.

Signal vermeiden

Aus dem Präsidium ist zu hören, man habe schon überlegt, ob Dudde konkurrenzlos sei für den neuen Posten. Ohne Zweifel aber besitze er die größte Erfahrung als Einsatzleiter. Und Dudde zu übergehen, hätte als Signal missverstanden werden können, man wolle ihn für G20 bestrafen.

Eine SPIEGEL-Anfrage zu einem Gespräch mit Dudde lehnte die Polizei ab. Der Abschlussbericht des G20-Ausschusses im Rathaus stehe noch aus. Dudde werde ihm nicht vorgreifen. Und so bleibt einstweilen offen, welche Schlüsse er für sich aus G20 zieht.

Ein Insider aus dem Präsidium sagt, für die Polizei sei der Einsatz erfolgreich gewesen - aller Kritik zum Trotz. "Dudde hat das Beste rausgeholt." Der Gipfel habe stattfinden können, und die Teilnehmer seien sicher gewesen. "Das war Duddes primärer Auftrag, und den hat er erledigt."

Rafael Behr, Professor an der Akademie der Polizei in Hamburg, sieht das ähnlich. "Jeder Polizist wusste, es würde Schäden geben." Für die Polizei entscheidend sei gewesen, dass die möglichen Horrorszenarien nicht Realität wurden - etwa ein Terroranschlag, ein Attentat auf einen Politiker oder Tote bei Straßenschlachten.

"Führen durch Stärke"

Bei den meisten Untergebenen kommt Dudde nach wie vor an. Er gilt als hemdsärmelig, als Anführer, der Entscheidungen trifft und keine Selbstzweifel kennt. Mit der harten Hamburger Linie bei Demonstrationen hat sich Dudde als Law-and-Order-Mann etabliert. "Führen durch Stärke" nennt das einer, der den Leitenden Polizeidirektor gut kennt.

Hartmut Dudde (l.), Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer am 30. Juni 2017 im G20-Führungsstab

Hartmut Dudde (l.), Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer am 30. Juni 2017 im G20-Führungsstab

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa

"Hartmut Dudde hat nach wie vor einen tadellosen Ruf", sagt Joachim Lenders, Vize der Deutschen Polizeigewerkschaft und CDU-Parlamentarier im Rathaus. "Mit Dudde hätte es eine Unterzahl der Polizei wie in Chemnitz nicht gegeben." In Chemnitz war eine Demo von Rechten jüngst eskaliert. Die Polizei räumte ein, man habe zu wenig Beamte im Einsatz gehabt.

Nichts deutet darauf hin, dass Dudde seine Linie überdenken könnte. Er wird wohl auch künftig Demos sprengen lassen, sobald Leute sich vermummen. Seine Rolle als Feindbild der Linken weit über Hamburg hinaus dürfte er damit weiter pflegen. Für Radikale ist er gar eine Art Hassfigur. Jüngst beschlagnahmte die Polizei in einem Leipziger Szenetreff Fahndungsplakate im Stile der RAF - mit Dudde als "Terrorist".

Rechter Hardliner

Große Einsätze führt der 56-Jährige weiterhin gern selbst, zum Beispiel bei der jüngsten "Merkel muss weg"-Demo in der City. Es kamen 10.000 Gegendemonstranten, die Lage blieb überwiegend friedlich.

Und auch PR-Termine gehören zum Jobprofil des gebürtigen Karlsruhers, der unter dem rechten Innensenator Ronald Schill Karriere machte. Vor Kurzem präsentierte Dudde den Medien neue Streifenwagen mit Hybridantrieb.

Was nicht zu Duddes Image als Hardliner passen mag, ist seine Position in einer großen Streitfrage. Hamburg will eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten einführen, das teilte Innensenator Andy Grote (SPD) vor wenigen Wochen mit. Damit sollen sie im Einsatz klar identifizierbar sein. Und Dudde findet das gut.

Es heißt, er sei davon überzeugt, die Polizei habe nichts zu verbergen.

Im Video: G20-Ausschreitungen - Als Hamburg brannte

SPIEGEL TV