Gedenkfeier für die Opfer "Wir haben uns den Frust von der Seele gebrüllt"

Der deutsche Student Christoph Ramöller hat das Massaker von Blacksburg überlebt. SPIEGEL ONLINE erzählt er vom Entsetzen am Tag danach - und wie die ganze Universität bei der Trauerfeier um neuen Mut rang.


Ich bin schon zwei Stunden vor Beginn der Trauerfeier zum Kolosseum aufgebrochen, denn ich ahnte: Vor der Halle wird die Hölle los sein. Im Kolosseum trägt sonst unsere Basketball-Mannschaft ihre Heimspiele aus. Schon da ist es richtig voll.

Heute Mittag war es noch heftiger. Tausende Studenten, Professoren, Angehörige hatten nur ein Ziel: Sie wollten in die Halle zur Gedenkfeier. Von unserer Universität sollte ein Zeichen ausgehen: der Geschlossenheit und des Zusammenhalts.

Studenten der Virginia Tech bei der Trauerfeier: "Wir alle sind Hokies!"
REUTERS

Studenten der Virginia Tech bei der Trauerfeier: "Wir alle sind Hokies!"

Vor den Eingängen zum Kolosseum hatte sich eine Hunderte Meter lange Schlange gebildet. Die Menschen standen in der Reihe und warteten.

Es war merkwürdig ruhig. Ich hatte es zuvor nicht für möglich gehalten, dass eine solche Masse an Menschen so ruhig sein kann. Nur wenige Leute sprachen miteinander; und jene die miteinander sprachen, flüsterten. Die meisten aber blieben still und starrten zu Boden.

"Ich weiß nicht, was ich überhaupt noch sagen soll"

Das Gelände um die Norris Hall, wo sich das Massaker ereignete, war auch heute noch von der Polizei abgesperrt. Immer wieder kamen Studenten zur Absperrung, legten Blumen nieder, weinten. Die, mit denen ich sprach, sagten, sie könnten noch immer nicht fassen, was hier passiert war. Sie sagten, dass sie froh seien, überlebt zu haben, und erschüttert über das Verbrechen.

Die meisten waren sehr in sich gekehrt und wortkarg. "Ich weiß nicht, was ich überhaupt noch sagen soll", hieß es ganz oft. Die Fahnen unserer Universität hingen auf Halbmast; Kadetten in blau-weißen Uniformen marschierten über den Campus, einer schlug eine Trommel – nur dreimal, ganz langsam, ganz bedächtig.

Ich selbst trug einen Pullover der Virginia Tech – in orange und kastanienbraun, den Farben der Universität. Ich stand erst wenige Minuten in der Schlange, als von einem der Organisatoren die Durchsage kam, dass das Kolosseum schon bis auf den letzen Platz gefüllt sei. Das muss etwa eineinhalb Stunden vor Beginn der Trauerfeier gewesen sein.

Leute von der Uni-Verwaltung haben uns dann zum Football-Stadion geschleust. Das Football-Stadion ist bedeutend größer als das Kolosseum, hier haben nicht Tausende, sondern Zehntausende Platz. Ich war einer der ersten, die auf dem Rasen standen, etwa ziemlich genau an der 50-Yard-Linie.

Hier wartete ich nun neben meinen Kommilitonen und starrte auf die Video-Leinwand, auf der die Trauerfeier übertragen werden sollte. Die Stimmung war nicht depressiv, aber sehr gedrückt. Im Fernsehen debattieren Experten über ein schärferes Waffengesetz und Fehler der Polizei. Auf solche Diskussionen hat hier im Moment kaum jemand Lust. Wir alle müssen erst einmal mit dem Schock fertig werden.

"Wir sind Virginia Tech!"

Als die Zeremonie begann, erhob sich das ganze Stadion. Die Nationalhymne ertönte. "God bless America", sangen meine Kommilitonen, die rechte Hand am Herz. Ihre Blicke waren leer, viele hatten Tränen in den Augen. Im Kolosseum hatten die Organisatoren eine Bühne aufgebaut, darauf stand ein schlichtes Stehpult aus Holz für die Redner. Die Tonanlage im Stadion war schlecht, so dass wir uns sehr konzentrieren mussten, um die Reden zu verstehen. Charles Steger, der Direktor unserer Universität sprach zu uns, Tim Kaine, der Gouverneur von Virginia und US-Präsident George Bush.

Viele Studenten umarmten sich, einige vergruben ihr Gesicht hinter ihren Händen; immer wieder brandete aber auch Beifall auf. Vor allem als ein Professor des English Departments die Bühne betrat. "Wir sind Virginia Tech! Wir alle sind Hokies!", rief er. Und plötzlich brüllten Tausende Menschen: "Let's go Hokies! Let's go!" Hokie ist das Maskottchen unserer Universität.

Es war ein besonderer Moment. Dem Professor war es gelungen, für eine Sekunde die Trauer zu durchbrechen. Er machte uns Hoffnung. Nach seiner Rede war die Stimmung im Stadion eine andere. Man spürte, wie die Menschen neuen Mut schöpften. Wir haben uns den Frust von der Seele gebrüllt.

"Wir sind Hokies!", riefen die Studenten noch einmal. "Let's go!"

Christoph Ramöller, 23, studiert Wirtschaftsmathematik an der Universität Karlsruhe und ist derzeit als Austauschstudent in Blacksburg

Protokoll: Maximilian Popp



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