Gedenkfeier für NSU-Opfer "Einer muss die Kraft haben"

Semiya Simsek war 14 Jahre alt, als die Neonazis Böhnhardt und Mundlos ihren Vater an einem Blumenstand erschossen haben. Jetzt hält sie auf der Gedenkveranstaltung zum braunen Terror eine Rede. Es wird ihre letzte in Deutschland sein.
Opfer des Neonazi-Trios: Hinterbliebene Semiya Simsek will emotionale Worte sprechen

Opfer des Neonazi-Trios: Hinterbliebene Semiya Simsek will emotionale Worte sprechen

Foto: Bernd Thissen/ picture-alliance/ dpa/dpaweb

Hamburg - Semiya Simsek hat vier Minuten und 45 Sekunden Zeit - für die Erinnerung an ihren Vater, die Trauer über seinen Tod und die Wut auf seine Mörder. Semiya Simsek wird in wenigen Minuten bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) eine Rede halten. Im Berliner Konzerthaus wird sie vor etwa 1400 Menschen stehen, die der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff geladen hat, per Live-Übertragung werden ihr Tausende zuhören, vielleicht Millionen.

Elf Jahre lang hat Semiya Simsek auf diese vier Minuten und 45 Sekunden gewartet. "Zum ersten Mal kann ich die ganze Welt erreichen", sagt die heute 25-Jährige. In ihrer Stimme schwingt Courage mit. Semiya Simsek wird als einzige Angehörige eine Rede halten, die Tochter eines weiteren Opfers will ein Gedicht vortragen. Andere Angehörige haben ihre Zusage, vom Podium aus zu sprechen, wieder zurückgezogen.

"Es bringt nichts, wenn wir uns in die Ecke stellen", sagt Semiya Simsek, "einer muss die Kraft haben, Impulse zu setzen." Semiya Simsek hat die Kraft. "Mein Vater wäre stolz auf mich, dass ich mir das zutraue." Die Opfer müssen Akteure werden, sagt Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung. Und wenn es nur darum gehe, zu sagen, was sie empfinden.

Semiya Simsek wird für sich sprechen, für ihre Mutter, ihren Bruder, ihre gesamte Familie, die den Tod des Vaters, Ehemanns, Sohns, Bruders bis heute nicht verwunden hat. Sie wird auch sprechen für die Familien Özdogru, Tasköprü, Turgut, Kilic, Yasar, Kubasik, Yozgat und Boulgarides, die ebenso Väter, Ehemänner, Söhne, Brüder verloren haben, weil sie einem neonazistischen Killerkommando zum Opfer fielen. Sie alle wurden erschossen mit einer Ceska vom Typ 83, Kaliber 7,65, aus nächster Nähe, am helllichten Tag.

Haben wir das verdient?

Ein ungeklärter Todesfall in der Familie ist für Angehörige oft unerträglich, die Gewissheit über die genauen Todesumstände kann eine Erleichterung auslösen, die der Verarbeitung zuträglich ist. Bei Semiya Simsek ist das Gegenteil eingetreten. Seit sie weiß, dass ihr Vater Enver sterben musste, weil er kein Deutscher war, geht es ihr zunehmend schlechter.

Semiya Simsek ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie hat hier studiert, arbeitet heute als Erzieherin in Frankfurt am Main, ihr Bruder studiert noch. Die Frage der Integration hat sie sich nie gestellt. Semiya Simsek ist integriert. Seitdem der Mord an ihrem Vater geklärt ist, stellt sie sich Fragen, die ihr zuvor nicht in den Sinn kamen: Was bin ich? Deutsche? Türkin? Deutschtürkin? Dass mein Vater in Deutschland umgebracht wurde, haben wir das verdient?

Mit ihrem Vater Enver starb ein Mann, der in den Bergen Ispartas, seiner türkischen Heimat, Schafe hütete, bis er sich in Adile verliebte, Semiyas Mutter. Ihr folgte er nach Deutschland, als Einziger aus seiner Familie verließ er die Türkei. Isparta ist berühmt für seine Teppiche und den Anbau prächtiger Rosen. Enver Simsek versuchte sich in seiner neuen Heimat als Blumenhändler und fuhr jeden Montag von Hessen nach Holland, marschierte auf den Blumenmärkten durch die Gänge duftender Blüten und gab seine Bestellungen auf.

Enver Simsek hielt das Geld zusammen, sparte für ein Häuschen an einem Hang Ispartas. Bei jedem Besuch in der Heimat baute er an seinem Traum, schleppte Steine, setzte sie aufeinander. Hier wollte er seinen Lebensabend verbringen.

"Besaß dein Vater Waffen?"

Dann kam der 9. September 2000. Enver Simsek, 38 Jahre alt, Vater zweier Kinder, war vom südhessischen Schlüchtern nach Nürnberg gefahren. Er sprang für einen kranken Kollegen ein, baute an einer dicht befahrenen Straße einen Stand mit Blumen auf. Gegen 12.45 Uhr trafen ihn acht Kugeln aus zwei Pistolen, Enver Simsek brach zusammen, kam auf die Intensivstation eines Krankenhauses.

Semiya Simsek ist damals 14 Jahre alt. Sie darf erst ans Krankenbett ihres Vaters, nachdem sie einem Polizeibeamten Fragen beantwortet hat, merkwürdige Fragen, die sie als Teenager verwirren, und über die sie sich noch heute ärgert. "Besaß dein Vater Waffen? Wurde er bedroht?"

Als sie den Vater mit den schweren Kopfverletzungen sieht, verliert sie das Bewusstsein. Zwei Tage später schalten Ärzte die lebenserhaltende Herz-Lungen-Maschine ab. Semiya Simsek muss der Familie in der Türkei die Botschaft überbringen.

Die Polizei vermutet eine Familientragödie, Enver Simseks Ehefrau und deren Bruder stehen unter Verdacht. Erst die Morde an Abdurrahim Özdogru und Süleyman Tasköprü im Juni 2001 mit derselben Waffe lenken die Ermittler auf eine andere Fährte, doch die beispiellose Mordserie bleibt ein Rätsel - und das Vertrauen innerhalb der Familie Simsek zerrüttet. Bis heute geht ein tiefer Riss durch die Verwandtschaft.

Sie will öffentlich keine Tränen vergießen

Semiya Simsek will in ihrer Rede an diesem Donnerstag zum Ausdruck bringen, wie unermesslich groß die Trauer bei den Angehörigen ist; erst recht, wenn sie sich mit Wut vermengt, weil verletzende Verdächtigungen ausgesprochen wurden. Die Erschütterung darüber, dass die Täter aus rassistischen Motiven gehandelt haben, ist nur schwer in Worte zu fassen. Semiya Simsek will auch das versuchen.

"Sie wird sagen, was sie will", betont ihr Rechtsanwalt Jens Rabe, der Semiya Simsek gemeinsam mit seinem Kollegen Stephan Lucas vertritt und ihr seit Wochen beisteht. Keiner habe ihr beim Verfassen der Ansprache reingeredet, besonders die indirekte Kritik an den Ermittlungen sei ihr wichtig. "Sie will zeigen, wie man sich fühlt, wenn der Vater im Sterben liegt und die Mutter verdächtigt wird."

Semiya Simsek sagt, sie habe sich für emotionale Worte entschieden - und dafür, keine Tränen in der Öffentlichkeit zu vergießen.

Ihre Rede im Berliner Konzerthaus wird ihre letzte in Deutschland sein. Im Juni verlässt Semiya Simsek das Land, von dem sie glaubte, es sei ihre Heimat. Sie wagt den Schritt in die Fremde, in die Heimat ihres Vaters: Sie zieht nach Isparta, wo ihre Verwandten das Haus des Ermordeten fertig gebaut haben. Dann blühen im Garten auch die Rosen, die ihr Vater gesetzt hat.

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