Gefährliche Modedroge Justiz will Meth-Dealer strenger bestrafen

Schon der Handel mit mehr als fünf Gramm ist wohl bald ein Verbrechen: Die Justiz hat die Gefährlichkeit der Partydroge Crystal Speed lange unterschätzt - der Bundesgerichtshof könnte das jetzt korrigieren. Drogenhersteller und Dealer müssen sich auf drastischere Strafen einstellen.

Karlsruhe - Die Literatur schien seine große Leidenschaft zu sein: Gleich fünfmal ließ sich der in Frankfurt am Main lebende Philippiner Baltazar R. 2006 per Luftfracht Bücher aus seiner Heimat schicken. Zwischen den Deckeln befand sich ein ganz brisanter Stoff: jeweils rund 20 Gramm Methamphetaminhydrochlorid, kurz: "Meth", im Szene-Jargon auch "Crystal", "Crystal Speed" oder "Ice" genannt.

Für den ebenfalls süchtigen Dealer ging bei den ersten Sendungen alles gut: Ein paar Gramm verbrauchte er selbst, den Rest verkaufte er gewinnbringend weiter. Schon bald lief das Geschäft so gut, dass er einen "Läufer" einsetzte. Den Nachschub besorgte Kontaktmann Toto auf den Philippinen, den Stoff orderte er direkt im Herstellerlabor. Bei der fünften Lieferung aber schlug die deutsche Polizei zu. Sie beschlagnahmte knapp 22 Gramm, bevor R. sie verticken konnte.

Das Landgericht Frankfurt am Main verurteilte den heute 43-Jährigen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten. Begründung: unerlaubte Einfuhr und Handel mit Betäubungsmitteln in "nicht geringer Menge", davon in zwei Fällen als Mitglied einer Bande.

Gravierender Irrtum

Jetzt muss der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe über den Fall entscheiden. Er könnte nicht nur einen gravierenden Irrtum in seiner bisherigen Rechtsprechung korrigieren, sondern en passant auch schärfere Strafen festsetzen. Und so dabei helfen, dem zunehmenden Handel mit Methamphetamin wenigstens etwas Einhalt zu gebieten.

Nach der bisherigen BGH-Rechtsprechung hätte R. eigentlich mit einer deutlich milderen Strafe rechnen können: Die sogenannte "nicht geringe Menge", die im Betäubungsmittelrecht einen Sprung vom Vergehen zum Verbrechen darstellt, lag für Methamphetamin nach den bisherigen Maßstäben bei 30 Gramm. R. hätte also nur nach dem milderen Vergehenstatbestand bestraft werden können.

Doch das Landgericht Frankfurt am Main wich, gestützt auf eine Gutachterin, davon ab - und setzte die Grenze bereits bei fünf Gramm an. R. lag mit seinen jeweils 20 Gramm weit darüber. Der Zweite Strafsenat des BGH, bei dem der Fall inzwischen anhängig ist, will den Frankfurter Richtern folgen. Er hat deshalb bei den anderen vier Strafsenaten förmlich angefragt, ob auch sie bereit wären, auf diese Linie einzuschwenken.

Bisherige Grenze absenken

Die Richterinnen und Richter des BGH-Senates ließen sich gleich von zwei Sachverständigen umfassend informieren, dem Pharmakologen Reinhard Dahlenburg, Kriminaltechniker beim Bundeskriminalamt, und dem Toxikologen Gerold Kauert von der Uniklinik Frankfurt. Beide Experten sprachen sich dafür aus, die bisherige Grenze deutlich abzusenken.

Das rasch süchtig machende Methamphetamin hat nach Kauerts Angaben eine stark aufputschende, enthemmende Wirkung und führt zu Nachwirkungen wie Depressionen, Panik, Wahnvorstellungen bis hin zur Schizophrenie.

Bei Amphetamin liegt die Schwelle zur "nicht geringen Menge" bei zehn Gramm. Der Amphetamin-Ableger "Meth" aber, das machten beide Sachverständige deutlich, ist etwa doppelt so toxisch und gefährlich. Bei Inhalation der kristallinen Form - beim Schnupfen oder Rauchen - ist die Wirksamkeit gegenüber Amphetamin, das sich nicht inhalieren lässt, sogar nochmals mindestens um den Faktor zwei erhöht.

Dennoch wurde Meth bislang von der Justiz mit anderen Amphetamin-Derivaten gleichgestellt, bei denen die Grenze zur "nicht-geringen Menge" bei 30 Gramm liegt. Nun teilte der BGH mit, die Gleichstellung von Meth mit anderen Amphetamin-Derivaten halte man "für nicht sachgerecht". Denn die Wirkung und Gefährlichkeit von Meth gleiche "eher derjenigen der Kokainzubereitung 'Crack'".

Genauestens erforscht

Es ist eigentlich erstaunlich, dass Meth in der Rechtsprechung als weit weniger gefährlich eingestuft wurde als Amphetamin. Denn beide Stoffe sind - vor allem in Deutschland - schon sehr lange bekannt und in ihrer Wirksamkeit klinisch genauestens erforscht. Bislang wurden die Erkenntnisse nicht genügend gewürdigt.

Im Durchschnitt beginnt die Gesundheitsgefahr bei einem Konsum von 25 Milligramm reinem Meth-Ausgangsstoff. 30 Gramm reichen für 1200 solcher "Konsumeinheiten". Zum Vergleich: Bei Haschisch liegt die Schwelle zur "nicht geringen Menge" bei umgerechnet 600 Konsumeinheiten.

Dabei müssten für Methamphetamin schon allein deswegen weit strengere Grenzen gelten, weil es stark abhängig macht. Bei ungünstiger Konstitution des Konsumenten können schon rund hundert Milligramm tödlich sein. Der Zweite Strafsenat des BGH will deshalb davon ausgehen, dass bereits 200 Konsumeinheiten Meth eine "nicht geringe Menge" darstellen - umgerechnet fünf Gramm des reinen Wirkstoffs.

Bereits 1878 wurde Amphetamin weltweit zum ersten Mal synthetisch hergestellt - in Deutschland. Amphetamin war damit, so Dahlenburg, "praktisch die erste Designerdroge" und wurde zunächst etwa als Appetitzügler eingesetzt. Das Amphetamin-Derivat Meth wurde 1919 in Japan entwickelt, 1937 auch von einem deutschen Hersteller synthetisiert und 1938 unter dem Namen "Pervitin" auf den Markt gebracht.

Wegen seiner aufputschenden Wirkung wurde Pervitin im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite millionenfach verwendet. Unter den Spitznamen "Panzerschokolade", "Stuka-Tabletten" oder "Hermann-Göring-Pillen" diente das Mittel zur Dämpfung des Angstgefühls und zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit.

Ab 1941 waren die Pillen wegen der Suchtgefahr nur noch auf Rezept zu bekommen. Der spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll bat seine Eltern in Briefen von der Front, ihm Pervitin zu schicken - nach dem Krieg blieb Böll abhängig davon.

Nach 1945 kam der Wirkstoff auch außerhalb von Krankenhäusern zum Einsatz: Bei den deutschen Rudermeistermeisterschaften 1952 soll dem später siegreichen Achter Pervitin verabreicht worden sein. Der österreichische Bergsteiger Hermann Buhl benutzte die Droge 1953 bei seiner Erstbesteigung des Nanga Parbat.

Nimmermüde deutsche Beine

Pervitin steht im Verdacht, in den fünfziger und sechziger Jahren - womöglich sogar beim sogenannten Wunder von Bern 1954 - deutschen Fußballern nimmermüde Beine gemacht zu haben. Pervitin wurde 1988 vom Markt genommen. Auf besonderes Rezept kann Methylamphetamin aber immer noch als Stimulationsmittel verabreicht werden.

In Japan wurde Meth während des Zweiten Weltkrieges vor allem in der Rüstungsproduktion fast umsonst verabreicht. Die Droge wurde in solchen Mengen produziert, dass sie nach Kriegsende in den freien Handel gelangte. In den Folgejahren kam es in Japan zu einer regelrechten Meth-Epidemie. Auch heute noch, so BKA-Experte Dahlenburg, sei Meth in Japan "die am häufigsten illegal missbrauchte Droge".

Den Siegeszug als Partydroge trat Crystal Speed erst relativ spät in den USA an. Dann aber war die Nutzung kaum zu stoppen, weil die Droge relativ leicht in Heimlaboren - sogenannten Kitchenettes - hergestellt werden kann. Als Ausgangsstoff dient Ephedrin, ein Wirkstoff, der sich vielerorts in frei erhältlichen Hustenmedikamenten befindet. Mithilfe von Ammoniak und einer relativ einfachen Laboranordnung kann er umgewandelt werden.

In den USA wurden nach Angaben Dahlenburgs bereits rund 6000 Kitchenettes ausgehoben. Mehr als 1,5 Millionen Amerikaner sind von dem Stoff abhängig. Nun droht offenbar die Verbreitung in Europa - perfiderweise auch in Tablettenform, oft sogar als Ecstasy-Tablette. Diese kann neben dem eigentlichen Ecstasy-Wirkstoff MDMA teilweise oder überwiegend andere verwandte Stoffe enthalten - wie auch Methylamphetamin.

Der Stoff kommt aus Tschechien

Dass R. seinen Stoff von den Philippinen bezog, ist ungewöhnlich. Hauptherkunftsland der in Deutschland konsumierten Droge ist nach Auskunft Dahlenburgs Tschechien. Dort wurde Ephedrin bis vor kurzem offiziell hergestellt - Teile dieser Produktion landeten über illegale Kanäle in kleinen Drogenküchen.

Inzwischen wurde die Ephedrin-Produktion in Tschechien eingestellt. Die dortigen Drogenlabore bedienen sich nun aber offenbar auf dem freien Arzneimittelmarkt - etwa in der Schweiz, wo Ephedrin als Tierarznei verwendet wird. Der Großteil des tschechischen Meth wird grenznah in Thüringen, Sachsen und Bayern verkauft; dort macht die Polizei wesentlich mehr Crystal-Funde als in den übrigen Bundesländern.

Doch künftig können die illegalen Labore den Ausgangsstoff wohl auch in Deutschland beschaffen. Seit kurzem ist auch hierzulande wieder ein frei verkäufliches Ephedrinpräparat auf dem Markt.

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