Tödliche Geiselnahme in Karlsruhe "Er hat den Ablauf bis hin zum Mord geplant"

Die tödliche Geiselnahme erschüttert Karlsruhe: Als seine Wohnung zwangsgeräumt werden sollte, nahm ein 53-Jähriger mehrere Geiseln, erschoss vier Menschen und sich selbst. Den Ermittlern zufolge hatte der Arbeitslose das Verbrechen geplant. Rekonstruktion einer Verzweiflungstat.

dapd

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Hamburg - Für den Gerichtsvollzieher ist es ein Routineeinsatz. Er klingelt am Mittwoch, 8 Uhr, an der Tür einer Dachgeschosswohnung im Kanalweg 115 in Karlsruhe. Die Zwangsräumung steht an, vor dem Haus wartet bereits ein Transporter mit vier Möbelpackern.

Niemand öffnet. Auch das gehört im Beruf eines Gerichtsvollziehers zur Routine. Deshalb begleitet ihn der Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes, der sich am Türschloss zu schaffen macht. Da öffnet der Mann, der mit der Eigentümerin der Wohnung seit 15 Jahren liiert ist und dessen Name mit am Klingelschild steht. Er bittet die Herren herein. Auch ein Sozialarbeiter ist gekommen.

Der Mann führt die drei Besucher ins Wohnzimmer, da klingelt es erneut. Es ist der neue Eigentümer, der die Zwangsräumung beantragt hat, weil er selbst einziehen will. Die Besitzerin der Wohnung war mit Zahlungen an die Hausgemeinschaft so immens im Rückstand gewesen, dass die Hausverwaltung die Wohnung hatte zwangsversteigern lassen.

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Baden-Württemberg: Tödliches Geiseldrama in Karlsruhe
Ihr Lebensgefährte bittet nun die vier Männer, die im Wohnzimmer stehen, Platz zu nehmen. Der Gerichtsvollzieher lehnt ab. Da marschiert der 53-Jährige aus dem Raum, kehrt bewaffnet zurück und befiehlt dem Gerichtsvollzieher, sich unverzüglich hinzusetzen. Dieser versucht, den Mann zu beruhigen - doch dieser schießt dem Gerichtsvollzieher zweimal in den Oberschenkel.

Ab jetzt ist nichts mehr Routine. Ab jetzt ist es eine Geiselnahme, mitten in einem Mehrfamilienhaus auf dem ehemaligen Kasernengelände der amerikanischen Streitkräfte in der Nordstadt, dem jüngsten Stadtteil von Karlsruhe. Ein Viertel, in dem sich Normalverdiener Mitte der Neunziger eine Eigentumswohnung leisten und selbst beziehen konnten. So wie im Kanalweg 115.

Der 53-Jährige zwingt den Mitarbeiter des Schlüsseldienstes, den verletzten Gerichtsvollzieher, den Sozialarbeiter und den neuen Eigentümer zu fesseln. Die Hände auf den Rücken gebunden müssen sie sich auf das Sofa setzen. Als der Geiselnehmer den Schlosser fesseln will, versucht dieser, ihm die Waffe zu entreißen. Die Befreiungsaktion scheitert, der 53-Jährige schießt fünfmal auf den 33-Jährigen und verletzt ihn schwer.

Den Sozialarbeiter lässt er laufen

Etwa 40 Minuten sind inzwischen vergangen, noch immer ahnt keiner im Haus, was sich im fünften Stockwerk abspielt. Der Sozialarbeiter redet dem Mann zu, der schwer bewaffnet zwischen Wohnzimmer und Küche hin- und herläuft, Zigaretten raucht und Bier trinkt. "Ich bin doch hier, um Ihnen zu helfen!", sagt er.

Gegen 8.53 Uhr erlaubt der Geiselnehmer dem Sozialarbeiter, die Wohnung zu verlassen. "Schau mich noch mal an!", ruft er ihm zu und zeigt auf seine Waffensammlung: Ein Schrotgewehr, ein Gewehr mit langem Magazin, zwei Pistolen, eine sogenannte Übungshandgranate, die täuschend echt aussieht - und reichlich Munition. Der Mann verlässt die Wohnung, alarmiert den Notruf. Auf seine Aussagen stützt sich die Rekonstruktion, die die Ermittler auf einer Pressekonferenz in Karlsruhe mitteilten.

Was sich danach ereignet, können die Ermittler bislang nur vage rekonstruieren. Das Prahlen des Geiselnehmers mit seiner "Wehrkraft", wie es der Stellvertreter der Polizeipräsidentin, Roland Lay, formuliert, werten die Einsatzkräfte als Hinweis für eine "dauerhafte Geiselnahme". Mit der Ausstattung hätte sich der Täter "ein heftiges Gefecht mit uns liefern können".

Tatsächlich tötet der 53-Jährige Minuten später alle Geiseln, sitzend auf der Couch, mit einem Kopfschuss: Den Gerichtsvollzieher, 47 Jahre alt und Familienvater; den 33-jährigen Schlosser, ebenfalls Vater kleiner Kinder und Ehemann einer schwangeren Frau; den neuen Eigentümer der Wohnung, ein 49-Jähriger, der eine Lebensgefährtin hinterlässt. Alle drei wohnten im Raum Karlsruhe.

Die Lebensgefährtin des Täters lag - getötet durch einen aufgesetzten Brustschuss - im Bett im Schlafzimmer. Noch ist unklar, ob die 55-Jährige bereits tot war, als der Gerichtsvollzieher klingelte. Der Sozialarbeiter gab zu Protokoll, der Täter habe ihnen gesagt, die Frau sei krank und liege im Bett. Sich selbst tötet der Geiselnehmer mit einem Kopfschuss aus der Schrotflinte, seine Leiche wird ebenfalls im Schlafzimmer entdeckt.

Oberstaatsanwalt Gunther Spitz spricht von einer Hinrichtung und betont: "Diese Tat war so geplant." Dafür spreche die "bereitgestellte Bewaffnung und das Fesselwerkzeug". Der 53-Jährige habe gewusst, dass die Behörden die Zwangsräumung durchziehen. "Er hat den Ablauf bis hin zum Mord geplant."

"Es gab nichts zu verhindern und nichts zu retten"

Um 11.48 Uhr stürmt ein Spezialeinsatzkommando (SEK) mit Sprengmitteln die Dachgeschosswohnung mit drei Zimmern, Küche, Bad. Es habe Anzeichen für eine Rauchentwicklung gegeben, sagt Lay. Der 53-Jährige hat den Teppichboden im Wohnzimmer angezündet, bevor er sich das Leben nahm.

Die Polizei war mit rund 200 Beamten vor Ort und hatte den Tatort in dem Wohngebiet mit zwei Schulen und Kindergärten in einem Umkreis von 400 bis 500 Metern abgesperrt. Mehrere Häuserblocks, eine Schule und ein Kindergarten wurden evakuiert. Anwohner durften nicht in ihre Häuser. Für Fußgänger und Autos gab es kein Durchkommen.

Polizeipräsidentin Hildegard Gerecke spricht von einer "sehr schwierigen, hochkomplexen Situation". Die Lage sei "atypisch und schwer zu händeln" gewesen, so Spitz. "Es gab nichts zu verhindern und nichts zu retten."

Gemeldet ist der Täter im Elsass, obwohl sein Name an der Wohnungstür seiner Lebensgefährtin stand. Der Mann habe die Waffen nach bisherigem Ermittlungsstand nicht legal besessen. Polizeilich sei er bislang nur ein einziges Mal in Erscheinung getreten: 2003 wurde er wegen Diebstahls verurteilt, damals soll er ein Messer bei sich getragen haben.

Das Paar sei seit Jahren keiner Beschäftigung nachgegangen, wie die Ermittler sagten. "Ab und zu" habe die 55-Jährige Sozialleistungen wie Hartz IV erhalten, Details müssten noch "sachgerecht" aufgearbeitet werden. Die Zwangsräumung habe die persönliche Existenz des Täters ins Wanken gebracht.

Eines ist für die Ermittler klar: Eine derartige Eskalation kam unerwartet. "Mit einem solchen Verlauf war zu keinem Zeitpunkt zu rechnen", betont Oberstaatsanwalt Spitz. Es habe "keinerlei Anzeichen" dafür gegeben, dass der Mann solch eine Tat ausüben würde.

Es gebe immer wieder Einsätze, für die Gerichtsvollzieher Polizei anforderten, sagt auch Vizepolizeipräsident Lay. In diesem Fall aber habe der zuständige Gerichtsvollzieher keinen Grund für eine Gefährdung gesehen.

Noch am Dienstag, einen Tag vor der Tat, hätten Mitarbeiter der Stadt versucht, mit dem Paar Kontakt aufzunehmen, es vorzubereiten auf das, was komme, sagt Oberbürgermeister Heinz Fenrich. Doch es habe niemand die Tür geöffnet. Deshalb gebe es das freiwillige Angebot der Stadt, bei Zwangsräumungen dem Gerichtsvollzieher einen Sozialarbeiter zur Seite zu stellen - "um Kurzschlusshandlungen und Eskalationen zu vermeiden".



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