Überfall auf Geldtransporter Mit Tempo 100 durch den Berufsverkehr

In Berlin hat der Prozess gegen drei Männer begonnen, die vor rund einem Jahr einen Geldtransporter überfallen haben sollen. Vor Gericht schilderte der Staatsanwalt die gefährliche Flucht der Täter.

Polizisten am aufgebrochenen Geldtransporter (Archiv): Die Täter mussten die Beute zurücklassen
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Polizisten am aufgebrochenen Geldtransporter (Archiv): Die Täter mussten die Beute zurücklassen

Von Uta Eisenhardt


Der Geldtransporter war in Richtung Kaufhaus "Alexa" unterwegs. Er passierte gerade eine stille Seitenstraße, als sich ein Audi Avant A6 direkt vor seine Nase setzte und ihn ausbremste. Von hinten rammte ein R-Klasse-Mercedes den Transporter - der Wagen und seine Besatzung steckten fest. Fünf maskierte Männer umringten ihn. Zwei von ihnen bedrohten mit Maschinenpistolen die beiden Fahrer.

Die anderen Täter legten Keile unter die Räder und kümmerten sich um den Hydraulik-Spreizer - ein Gerät, mit dem normalerweise die Feuerwehr Türen aller Art öffnet. Die Räuber nutzten es, um das Heck des Geldtransporters wie eine Sardinenbüchse zu öffnen. Sie waren noch dabei, das Geld in ihre Autos zu verladen, als sie die Sirenen eines Streifenwagens hörten.

Hektisch sprangen sie in ihre Autos, schlossen nicht einmal die Heckklappe des Mercedes. Beim Anfahren streifte der Audi die linke vordere Ecke des Transporters, der Mercedes die hintere linke Ecke. Dabei fiel eine Geldkiste aus dem Mercedes. In ihr befanden sich zwei Millionen Euro.

Staatsangehörigkeit: ungeklärt

Der Überfall und die folgende, rasante Verfolgungsjagd sorgten am 19. Oktober 2018 für große Aufregung. Fast ein Jahr später hat nun der Prozess gegen drei mutmaßliche Täter begonnen. Ein Verdächtiger ist noch auf der Flucht, die Identität zweier weiterer Männer ist noch unbekannt.

Vor dem Berliner Landgericht sitzt nun Suphi S., ein kräftiger, in Hauswirtschaftslehre ausgebildeter 38-Jähriger. Seine Staatsangehörigkeit ist ungeklärt, wie bei den anderen Angeklagten auch. Suphi S. soll damals den Geldtransporter aufgehebelt und den Mercedes gefahren haben. Aiman S. ist 33 Jahre alt und gibt als Beruf Gastronom an. Er soll die beiden Fahrer mit der Waffe bedroht haben. Abdallah T., 33 Jahre alt, Hotelfachmann, soll den Hydraulik-Spreizer und den R-Klasse-Mercedes besorgt haben.

Gericht in Berlin: Die Angeklagten ließen sich erst vorführen, als die Pressefotografen den Saal verlassen hatten
Paul Zinken/ DPA

Gericht in Berlin: Die Angeklagten ließen sich erst vorführen, als die Pressefotografen den Saal verlassen hatten

In seiner Anklage skizziert der Staatsanwalt Dirk Eckert den Ablauf der Flucht durch Berlin. Mitten im Berufsverkehr rasten die Täter mit Tempo 100 durch die Stadt. Dabei verursachten sie etliche Unfälle: Einem Rollerfahrer fuhren sie gegen die Wade und zerstörten die Verkleidung seines Fahrzeugs. Sie stießen mit einem geparkten VW T6 und einem LKW zusammen, bis sie in einer engen Seitenstraße von einem entgegenkommenden Fahrzeug gestoppt wurden.

Waffe war auf Dauerfeuer eingestellt

In diesem Moment griff einer der im Audi sitzenden, bislang unbekannten Täter zur Maschinenpistole, öffnete das Schiebedach und schoss auf den sich von hinten nähernden Streifenwagen. Er feuerte auf den Asphalt, das Projektil traf den Motorraum. Die Polizisten brachen die Verfolgung ab.

"Eine Langfeuerwaffe kann 600 Schuss pro Minute abgeben", erläutert der Staatsanwalt in einer Prozesspause. Die Waffe sei auf Dauerfeuer eingestellt gewesen, habe aber nach dem ersten Schuss eine Ladehemmung gehabt. "Es ist reiner Zufall, dass nichts passiert ist", sagt Eckert.

Von dem Anblick des Schützen erschreckt, setzte der entgegenkommende Autofahrer zurück. Dabei rammte er ein Verkehrsschild. Die Räuber setzten ihre Flucht fort. Der Mercedes stieß nun beinahe mit einem LKW zusammen. Abrupt soll Suphi S. gebremst und gleichzeitig das Lenkrad eingeschlagen haben. Bei diesem Manöver ging der rechte Vorderreifen kaputt und fiel von der Felge ab. Mit gebrochener Vorderachse blieb der Mercedes in einem idyllischen Hinterhof liegen - die drei Insassen flüchteten zu Fuß. Die erbeuteten fünf Millionen Euro mussten sie zurücklassen.

Kein Alibi für die Tatzeit

In einer Tiefgarage fand sich später auch das zweite Fluchtfahrzeug: Der Audi war bei einer Autovermietung unterschlagen worden. Die Polizei fand jede Menge Spuren, so auch die DNA von Suphi S. und Abdallah T. Sechs beziehungsweise sieben Wochen nach dem Überfall wurden die beiden Männer verhaftet, im Juli dann Aiman S.

Suphi S. bestreitet über seinen Anwalt, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein. Gegen ihn spricht aus der Sicht des Staatsanwalts auch ein abgehörtes Telefonat, in dem er von einer Verletzung am Fuß gesprochen hatte. Daraufhin hatten sich die Beamten das von der Tat existierende Video noch einmal ganz genau angeschaut. Dabei bemerkten sie, das zwei Tätern eine der Geldkisten jeweils auf den linken Fuß gefallen war. "Und diese Verletzung hat er sich am Tattag zugezogen", sagt Dirk Eckert. Auch ein Alibi sollen Suphi S. und Aiman S. für die Tatzeit nicht vorweisen können.

120 Zeugen werden gehört

Der Anwalt von Abdallah T. erklärt, sein Mandant habe von dem Überfallplänen nichts gewusst. Ein Mann, der ihm als "dreister Einbrecher" bekannt sei und dessen Identität er nicht preisgeben möchte, habe ihn im Oktober 2017 gebeten, für einen Lohn von 2000 Euro einen Hydraulik-Spreizer zu besorgen. Er dachte, dass das Gerät zum Aufhebeln eines Geldautomaten benötigt werde.

Im Juni 2018 habe ihn dann ein weiterer Mann gebeten, für ihn einen Mercedes vom Ordnungsamt auszulösen. Er bekäme 500 Euro dafür. "Warum macht er das nicht selbst", habe er sich gefragt, den Auftrag aber dennoch angenommen.

Der Indizienprozess wird aufwändig, 120 Zeugen sollen gehört werden. Darunter ist auch der Mann, der von seinem Balkon aus zweieinhalb Minuten lang den Überfall filmte und das Video später an eine Boulevardzeitung verkaufte. Das Video ist ein gutes Beweismittel, doch weil der Mann nicht die Polizei gerufen hat, könnte er wegen Strafvereitelung angeklagt werden.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
vox veritas 19.09.2019
1.
Ich musste nur die Überschrift lesen und wusste sofort, daß das nur in Berlin sein konnte. Solche Sachen passieren immer nur in Berlin.
boxer11 19.09.2019
2. Nichtanzeige geplanter Verbrechen nach § 138 Stgb
Ausnahmeregelung ist gegeben, wenn Behörde bereits unterrichtet ist. Da bereits ein Streifenwagen das Tatfahrzeug verfolgte. ist eine Straftat ausgeschlossen. Blick ins Gesetz tut auch Journalisten gut.
thenovice 19.09.2019
3. Strafvereitelung?
Seit wann steht der Bürger in der Pflicht, den Notruf zu wählen? Das Konstrukt "Strafvereitelung durch Unterlassen" funktioniert nur , wenn der Bürger eine Garantenstellung hätte... (13 StGB)... Diese hat er vorliegend jedoch nicht... Hätte er sie, würde das dazu führen, dass jeder Bürger jede Straftat melden müsste... So auch im Kommentar des Herrn Fischer nachzulesen...
karl gnot 20.09.2019
4. Wundert mich nicht,
vox veritas: Mir ging's ebenso und KDW und Bodemuseum fielen mir auch gleich ein.
mazzmazz 20.09.2019
5. Fein!
Danke für die mittlerweile umfänglichere Berichterstattung. Glücklicherweise wurden auf der Flucht keine Menschen verletzt. Mittlerweile wäre es wohl sicherer, Wertgegenstände in einem neutralen, weissen Minivan zu transportieren ...
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