Missbrauchsprozess gegen George Pell Journalisten drohen Klagen wegen Berichterstattung

Im Zusammenhang mit dem Missbrauchsprozess gegen Kardinal George Pell galt ein Berichtsverbot für Journalisten. Einige Medien umgingen es. Das könnte für die Verantwortlichen hohe Haftstrafen zur Folge haben.

Kardinal George Pell, ehemaliger Finanzchef des Vatikans, Vor dem Gericht in Melbourne
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Kardinal George Pell, ehemaliger Finanzchef des Vatikans, Vor dem Gericht in Melbourne


Der australische Kardinal und beurlaubte Vatikan-Finanzchef George Pell ist wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Er wurde schuldig gesprochen, sich an zwei jungen Chorsängern vergangen zu haben.

Das Urteil gegen den 77-jährigen Pell war bereits am 11. Dezember gefallen, aber unter Verschluss gehalten worden. Hintergrund war ein geplanter weiterer Prozess zu anderen Vorwürfen gegen Pell. Mit dem Verbot jeglicher Berichterstattung über den im Dezember abgeschlossenen Prozess sollte verhindert werden, dass das noch laufende Verfahren beeinflusst wird.

Das Berichtsverbot war für Australien und "jede Webseite oder jedes elektronische Medium, das in Australien verfügbar ist" ausgesprochen worden. Dieses Vorgehen war weltweit wegen mangelnder Transparenz und dem großen öffentlichen Interesse kritisiert worden.

Am Dienstag dann hatte die Staatsanwaltschaft beschlossen, das zweite Verfahren nicht weiter zu verfolgen. In der Folge wurde das Verbot einer Berichterstattung über die Verurteilung vom Dezember aufgehoben.

Dennoch drohen jetzt Dutzende australische Reporter und Redakteure, wegen ihrer Berichterstattung verklagt zu werden. Ihnen wird unter anderem Missachtung des Gerichts vorgeworfen. Denn sie hatten das Verbot umgangen: Einige australische Medien hatten als Schlagzeile das Wort "Zensiert" gewählt, andere hatten anonymisiert berichtet - über einen hochrangigen Angeklagten, der eines ernsten Verbrechens angeklagt sei, über das man nicht berichten könne.

"Angesichts der potenziell unerhörten und schamlosen Rechtsbrüche drohen einigen sehr wichtigen Leuten in den Medien bei einem Schuldspruch Haftstrafen, hohe Haftstrafen", sagte der Vorsitzende Richter Peter Kidd vom County Court im Bundesstaat Victoria.

Die Höchststrafen für eine Missachtung des Gerichts liegen in Victoria bei fünf Jahren Haft und Bußgeldern von umgerechnet mehr als 60.000 Euro. Unternehmen können mit Strafgeldern bis zu einer halben Million australischen Dollar belegt werden - etwa 314.600 Euro.

32 gerichtliche Verfügungen sollen ergangen sein, berichtete die Zeitung "The Age", darunter auch an die Australian Broadcasting Corporation. "Wir stehen zu unserer Berichterstattung und allem was damit in Verbindung steht", sagte eine Sprecherin des Unternehmens. Man weise jeden Vorwurf des Fehlverhaltens entschieden zurück.

Außerhalb Australiens hatten "The Daily Beast" und die "Washington Post" das Urteil und Details zum Verfahren vermeldet, während die "New York Times" das Urteil in ihrer Printausgabe, aber nicht online veröffentlicht hatte. Eine Sprecherin der "New York Times" sagte, man habe bisher keine gerichtliche Verfügung erhalten. Die anderen Medien kommentierten die Reaktionen bisher nicht.

Berichtsverbote können verhängt werden, um ein faires Verfahren zu garantieren, Zeugen zu schützen oder Beweismittel geheim zu halten - aber auch, wenn die nationale Sicherheit gefährdet ist. Im australischen Bundesstaat Victoria kommt die Anwendung von Berichtsverboten häufiger vor als in anderen Regionen des Kontinents. Im Fall von Pell hatte die Staatsanwaltschaft den Antrag gestellt, der von der Verteidigung unterstützt worden war.

Die Beratungen über ein Strafmaß sollen nun am Mittwoch beginnen, mit einer Verkündung des Ergebnisses wird Anfang März gerechnet. Pell drohen bis zu 50 Jahre Haft. Sein Anwalt will Berufung einlegen. Der Kurienkardinal hat stets seine Unschuld beteuert.

Was wurde Pell vorgeworfen?

Ursprünglich war davon ausgegangen worden, dass sich Pell in zwei unterschiedlichen Prozessen verantworten muss:

  • In einem Fall ging es um die Missbrauchsvorwürfe aus den Neunzigerjahren, als Pell Erzbischof in Melbourne war - in dem Prozess wurde er im Dezember nach viereinhalb Wochen schuldig gesprochen. Die Jury sah es als erwiesen an, dass Pell nach einer Sonntagsmesse in der Saint Patrick's Kathedrale zwei Chorknaben in der Sakristei dabei erwischte, wie sie Wein tranken: Einen der Jungen zwang er dann zum Oralsex, dem anderen fasste er in den Genitalbereich. Im folgenden Frühjahr drückte Pell einen der Jungen gegen eine Wand in der Kathedrale und presste sich gegen dessen Intimbereich.
    Einer der Jungen von damals hatte die Vorfälle 2015 der Polizei gemeldet. Der Mann ist inzwischen über 30 Jahre alt und hatte vor Gericht umfassend ausgesagt. Das zweite Opfer Pells ist im Jahr 2014 gestorben.
  • In dem anderen Fall ging es um Vorwürfe, Pell habe in seiner Heimatstadt Ballarat Jungen missbraucht, als er dort noch einfacher Priester war; das war von 1976 bis 1980. Am Dienstag entschied die Staatsanwaltschaft aber, dieses zweite Verfahren nicht weiter zu verfolgen.

Papst Franziskus hat nach dem Urteil die Restriktionen des Vatikans gegen Pell bestätigt. Demnach darf der Kardinal sein Amt nicht ausüben und keinen Kontakt zu Minderjährigen haben. Auf weitere Konsequenzen wird aber vorläufig verzichtet. Man werde auf das Urteil im Berufungsverfahren warten. Pell habe "das Recht, sich bis in die letzte Instanz zu verteidigen", erklärte der kommissarische Vatikan-Sprecher Alessandro Gisotti in Rom und erinnerte daran, dass Pell seine Unschuld beteuert habe. Gisotti sprach dennoch von einer "schmerzhaften Nachricht".

Betroffene beschrieben nach dem Urteil, welch verheerende Folgen die Übergriffe des Geistlichen gehabt haben. Der Vater eines Missbrauchsopfers, das an einer Überdosis Heroin starb, erklärte, der Kardinal habe "Blut an seinen Händen".

Der Mann, der 1996 und 1997 als damals 13-Jähriger in der Saint Patrick's Kathedrale in Melbourne von Pell missbraucht worden war, sagte, der Prozess und seine Zeugenaussage hätten ihn sehr mitgenommen. Er habe "Scham, Einsamkeit und Depression" durchlebt und Jahre gebraucht, um zu verstehen, welchen Einfluss der Missbrauch auf sein Leben gehabt habe. "An einem gewissen Punkt verstehen wir, dass wir jemandem vertraut haben, den wir hätten fürchten müssen und wir Angst vor den Beziehungen haben, denen wir vertrauen sollten."

Der Fall Pell und die Debatte über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche bringen den Papst seit Langem in Bedrängnis. Erst vor wenigen Tagen fand im Vatikan ein Gipfel zum Thema statt. Er brachte emotionale Debatten, doch nur wenig Konkretes.

ala/AFP/AP

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