Australische Chorjungen missbraucht Ex-Finanzchef des Vatikans muss im Gefängnis bleiben

Er war einer der mächtigsten Männer im Vatikan und enger Vertrauter von Papst Franziskus - dann wurde der australische Kardinal George Pell wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Sein Berufungsantrag scheiterte nun.

George Pell: Vorwürfe gehen zurück in die Neunzigerjahre
William WEST/AFP

George Pell: Vorwürfe gehen zurück in die Neunzigerjahre


Einer Höchststrafe von 50 Jahren war der ehemalige Finanzchef des Vatikans, der australische Kardinal George Pell, im März noch entgangen. Stattdessen bekam er sechs Jahre. Doch auf eine vorzeitige Haftentlassung kann er vorerst nicht hoffen. Pell muss wegen Missbrauchs von zwei minderjährigen Chorknaben im Gefängnis bleiben.

Der Oberste Gerichtshof in Melbourne bestätigte am Mittwoch eine Verurteilung aus erster Instanz. Auf Grundlage dieser Entscheidung kann der 78-Jährige frühestens im Jahr 2022 aus der Haft entlassen werden.

Pell war Finanzchef des Vatikans. Im März war er als ranghöchster Geistlicher in der Geschichte der katholischen Kirche wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt worden. Gegen die Entscheidung hatte er Berufung eingelegt. Er weist alle Vorwürfe zurück.

Die Anschuldigungen reichen in die Jahre 1996/97 zurück, als Pell gerade Erzbischof von Australiens zweitgrößter Stadt Melbourne geworden war. Die beiden Chorknaben waren damals 13 Jahre alt. Einen der Jungen zwang Pell nach Überzeugung des Gerichts zum Oralsex.

Eines der mutmaßlichen Missbrauchsopfer war 2014 an einer Überdosis Heroin gestorben und hatte sich nie zu den Vorfällen geäußert. Der heute 35-jährige Überlebende war in dem Prozess der entscheidende Belastungszeuge.

Erwartet wird, dass Pell die nächste Instanz anruft

Der Supreme Court - das höchste Gericht des Bundesstaats Victoria - lehnte die Berufung gegen das Urteil des Geschworenengerichts nun ab. Die Entscheidung der drei Berufsrichter fiel allerdings nicht einstimmig aus, sondern mit einer Mehrheit von 2:1.

Pells Anwälte hatten angebliche Verfahrensfehler angeführt, um die Verurteilung des Kardinals zu kippen. Diese Anträge wurden von den drei Richtern einstimmig zurückgewiesen.

Vor dem Gerichtsgebäude rief ein Opfervertreter nach der Entscheidung: "Hallelujah, das ist der Beweis, dass es einen Gott gibt." Pell äußerte sich in einer von der katholischen Kirche veröffentlichten Stellungnahme "enttäuscht" über das Urteil. Seine Anwälte wollen nun prüfen, ob sie vor Australiens High Court ziehen.

Pells Opfer ließ über seine Anwältin erklären, er sei erleichtert über die Entscheidung des Gerichts. Der Prozess habe ihn sehr mitgenommen: "Die Reise hat mich an Orte gebracht, von denen ich in meinen dunkelsten Momenten nicht glaubte, zurückkehren zu können."

Australiens Premierminister Scott Morrison kündigte an, dem Kardinal solle ein australischer Ehrenorden entzogen werden. Aus dem Vatikan hieß es, Pell habe stets seine Unschuld beteuert und das Recht, beim High Court Berufung einzulegen.

jok/ala/dpa

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