Vorwurf des Kindesmissbrauchs Höchstes australisches Gericht spricht Kardinal George Pell frei

George Pell war zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, weil er Chorknaben sexuell missbraucht haben soll. Überraschend hat nun Australiens oberster Gerichtshof dem Berufungsantrag des ehemaligen Vatikan-Finanzchefs stattgegeben.
George Pell (im Februar 2019): Er soll noch am Dienstag auf freien Fuß gesetzt werden

George Pell (im Februar 2019): Er soll noch am Dienstag auf freien Fuß gesetzt werden

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Andy Brownbill/ AP

George Pell war der ranghöchste Geistliche in der Geschichte der katholischen Kirche, der wegen Missbrauchs verurteilt wurde. Der Richterspruch gegen ihn aus dem Frühjahr 2019 war von vielen Überlebenden von sexuellen Übergriffen durch Geistliche mit Erleichterung aufgenommen worden. Nun nimmt der Fall jedoch eine überraschende Wendung.

Der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilte Kardinal Pell kommt überraschend auf freien Fuß. Das höchste australische Gericht gab am Dienstag (Ortszeit) dem Berufungsantrag des 78-jährigen früheren Finanzchefs des Vatikans statt und verwarf die Verurteilung in allen Punkten.

Pell soll noch am Dienstag aus der Haft entlassen werden. Bei seiner Entscheidung folgte das Gericht den Argumenten der Verteidigung, die auf Schwächen in Zeugenaussagen hingewiesen hatte. In einer ersten Reaktion bezeichnete Pell die Entscheidung des Gerichts als Heilmittel gegen die "ernsthafte Ungerechtigkeit", die ihm widerfahren sei. Er hege aber "keinen Groll" gegen seine Ankläger, hieß es in einer Presseerklärung.

Die Anschuldigungen gegen Pell reichen in die Jahre 1996 und 1997 zurück, als er gerade Erzbischof von Australiens zweitgrößter Stadt Melbourne geworden war. Pell soll zwei 13 Jahre alte Chorknaben sexuell missbraucht haben, einen der Jungen zwang Pell nach Überzeugung des Gerichts im ersten Urteil zum Oralsex. Er weist die Vorwürfe zurück.

Eines der mutmaßlichen Missbrauchsopfer war 2014 an einer Überdosis Heroin gestorben und hatte sich nie zu den Vorfällen geäußert. Der heute 35-jährige Überlebende war in dem Prozess der entscheidende Belastungszeuge.

Vorwürfe der Verteidigung gegen die Anklage

Pells Verteidiger argumentierten, dass dessen Aussage nicht ausreichend war, um die Schuld des Kardinals zweifelsfrei festzustellen. Noch eines der Argumente: Nach einer Sonntagsmesse sei es unmöglich gewesen, dass ein Erzbischof fünf oder sechs Minuten in der Sakristei mit zwei Chorknaben allein war - so soll es bei einem Übergriff gewesen sein.

Bei dem anderen Fall, für den Pell verurteilt wurde, waren laut seiner Verteidigung keine Zeugen dabei. Die Anklage habe zudem die Beweislast umgedreht: Statt dass sie Pells Schuld beweist, musste die Verteidigung seine Unschuld beweisen.

Der Kardinal hatte seit Jahrzehnten hohe Ämter inne. 2014 ernannte Papst Franziskus ihn zum Finanzchef des Vatikans, Pell stand damit in der Hierarchie des Kirchenstaats auf Platz drei. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe wurde Pell aus dem Beratungsgremium des Papstes ausgeschlossen.

jok/dpa