Trayvon-Martin-Todesschütze Was wurde eigentlich aus George Zimmerman?

George Zimmerman erschoss den schwarzen unbewaffneten Teenager Trayvon Martin - und wurde 2013 trotzdem freigesprochen. Seither lebt er zwischen Paranoia, Pleite und Waffenwahn.
George Zimmerman (2013): "Weißt du nicht, wer ich bin?"

George Zimmerman (2013): "Weißt du nicht, wer ich bin?"

Foto: Joe Burbank/ AP/dpa

Kaum eineinhalb Seiten umfasst der Polizeibericht. Darin das Geburtsdatum des Verhafteten (5. Oktober 1983), seine Größe (1,75 Meter), seine Adresse und der Vorwurf: Im "Streit um diverse Themen" habe er "das Opfer mit einer Weinflasche beworfen", worauf das Opfer "extrem aufgeregt" ins Auto gestiegen und "ohne Licht (abends)" losgerast sei - direkt auf einen wartenden Streifenwagen zu.

Zank unter Freunden - der Polizeibericht Nr. 201570000009 würde eigentlich schnell im Archiv des Reviers von Lake Mary verschwinden, einem Ort in Florida. Wäre da nicht der Name des Verhafteten: George Zimmerman.

Der Nachbarschaftswächter Zimmerman erschoss am 26. Februar 2012 in Sanford, unweit von Lake Mary, den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin. Es folgten Demonstrationen und Proteste gegen Rassendiskriminierung in mehreren Städten der USA.

Der Tod des 17-jährigen Trayvon Martin löste jene Debatte über Gewalt gegen Schwarze in den USA aus, die längst zur nationalen Sinnkrise eskaliert ist. Zimmerman war zwar kein Polizist, spielte aber den Möchtegern-Cop. Vor Gericht berief er sich auf Notwehr. Die Geschworenen - fünf Weiße, eine Latina - gaben ihm Recht. Zimmerman wurde ein Jahr nach der Tat freigesprochen.

Seitdem ist er selbst der Gejagte

Zimmerman und seine Familie bekamen Morddrohungen. Sie zogen um, vagabundierten durch mehrere Bundesstaaten, kamen in anonymen Kurzzeit-Bleiben unter.

Zimmermans Flucht vor der Öffentlichkeit gelang aber nur bedingt: Die Sache mit der Weinflasche ist nur der jüngste in einer Kette teils bizarrer Auftritte, mit denen Zimmerman seither Schlagzeilen machte. Das begann mit seiner handgreiflichen Scheidung kurz nach dem Prozess und mündete in die jetzige Episode - ein mutmaßlicher Verstoß gegen Floridas Gesetz Nr. 784.021: "Schwere Körperverletzung (häusliche Gewalt)."

So landete Zimmerman am 9. Januar, fast drei Jahre nach den tödlichen Schüssen auf Trayvon Martin, schon wieder hinter Gittern.

Bei seinem aktuellen "Opfer" handelte es sich um eine neue, nicht weiter identifizierte "Lebensgefährtin" - die an anderer Stelle im Polizeibericht aber auch schon wieder nur als "vormalige Lebensgefährtin" auftritt, nach "zwei (bis drei) Monaten, in denen sie eine Intimbeziehung hatten", wie ein Beamter namens S. Garfinkel akribisch notierte.

Oder, so Zimmermans Rechtsanwalt Don West: "In den letzten Monaten hatte er nicht viel Glück mit den Ladys."

Zimmermans Opfer Trayvon Martin: Erster Akt einer nationalen Sinnkrise

Zimmermans Opfer Trayvon Martin: Erster Akt einer nationalen Sinnkrise

Foto: Brian Blanco/ dpa

Glück fehlte ihm offensichtlich auch bei der Jobsuche: Seit dem Freispruch findet Zimmerman keine Arbeit mehr. Dabei schuldete er allein seinen VIP-Strafverteidigern 2,5 Millionen Dollar an Anwaltsgebühren. Er versuchte, seine schwindende Berühmtheit zu vermünzen, erwog eine Sicherheitsfirma zu gründen, ein Enthüllungsbuch zu schreiben, eine Dokusoap zu drehen. "Rebranding", nannte das sein Bruder Robert im Magazin "GQ", als sei Zimmerman ein Warenzeichen.

Doch nichts zog. Nicht mal Zimmermans Idee, sich vom schwarzen Rapper DMX in einem gezinkten PR-Boxkampf verprügeln zu lassen: Das fand selbst der dubiose Box-Promoter Damon Feldman unter seiner "Würde".

Er malte. Sein erstes Bild - ein Sternenbanner mit den Worten "Gott", "eine Nation" und "Freiheit und Gerechtigkeit für alle" - bescherte ihm Verrisse ("Malen nach Zahlen") und 100.099,99 Dollar via eBay-Auktion. Ein plumpes Porträt seiner Nemesis dagegen, der Staatsanwältin Angela Corey, hatte eine Unterlassungsklage der Agentur AP zur Folge, deren Foto er als Pinselvorlage benutzt hatte.

Zimmerman und Ex-Frau Shellie (2013): Handgreifliche Scheidung

Zimmerman und Ex-Frau Shellie (2013): Handgreifliche Scheidung

Foto: POOL/ REUTERS

Selbst der rechte Kabelkanal Fox News verlor das Interesse. Was blieb, waren immer groteskere Ausfälle, Schlaflosigkeit, Verfolgungswahn. Er hortete Waffen, wollte gewappnet sein, wenn jemand ihn angreifen sollte.

Dabei war es immer wieder Zimmerman selbst, der provozierte, allein fünfmal in 2013. Im September rief ein Autofahrer die Polizei, Zimmerman habe aus einem Truck heraus gedroht, ihn zu erschießen: "Weißt du nicht, wer ich bin?"

Kein Wunder, dass es nicht klappt mit den Ladys. Bevor sich Ehefrau Shellie scheiden ließ, rief auch sie noch mal die Polizei: Zimmerman habe sie mit einer Waffe bedroht. Die Beamten rückten in voller Kampfmontur an.

Zimmermans nächster Freundin Samantha ging es ähnlich. Nach einer Auseinandersetzung verbarrikadierte er sich vor der Polizei. Schließlich dann die Sache mit der Weinflasche, Anfang Januar. Zimmerman kam gegen 5000 Dollar Kaution frei. Sein nächster Gerichtstermin ist Mitte Februar.

Seine Adresse jedoch, die er bisher stets geheimgehalten oder durch etliche Umzüge vertuscht hatte, ist im Polizeibericht, wie bei solchen Fällen üblich, als Tatort vermerkt - und damit öffentlich. Ein neuer Umzug ist angesagt.

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Foto: LAURENT REBOURS/ AP

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