Gerichtshof für Menschenrechte Italien muss Opfer von häuslicher Gewalt entschädigen

In Italien ging ein Mann auf seine Frau los - und erstach den zu Hilfe eilenden Sohn. Nun urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte: Die Behörden hätten das verhindern müssen.

Symbolbild Häusliche Gewalt
DPA

Symbolbild Häusliche Gewalt


Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die italienischen Behörden für das tödliche Ende eines Falls von häuslicher Gewalt verantwortlich gemacht. Polizei und Justiz seien ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen, die Klägerin und ihren Sohn vor dem gewalttätigen Ehemann zu schützen, entschieden die Straßburger Richter in einem Verfahren gegen das Land.

Nach jahrelangen Misshandlungen war der Mann im September 2013 im nordostitalienischen Remanzacco mit einem Messer auf seine Frau losgegangen. Dabei erstach er den gemeinsamen Sohn, der seine Mutter schützen wollte.

Beschwerden ignoriert

Die 1965 geborene Frau hatte sich erstmals im Juni 2012 bei der Polizei über ihren alkoholkranken Mann beschwert, der sie geschlagen hatte. Im August griff er sie mit einem Messer an und zwang sie zum Geschlechtsverkehr mit seinen Freunden.

Die um Hilfe gerufenen Polizisten belegten den Angreifer wegen illegalen Tragens einer Waffe mit einem Bußgeld und rieten der Frau, nach Hause zu gehen. Sie ging stattdessen ins Krankenhaus, wo die Ärzte ein Schädeltrauma und zahlreiche Verletzungen am Körper diagnostizierten.

Drei Monate lang wurde sie von einer Frauenschutzorganisation aufgenommen. Anschließend schlief die Frau teilweise auf der Straße, bevor sie von einer Freundin aufgenommen wurde und schließlich eine Wohnung anmieten konnte.

Der Ehemann verfolgte sie jedoch weiter. Im September 2012 zeigte die Frau ihn wegen Körperverletzung, Misshandlung und Bedrohung an und bat die Behörden dringend, sie und ihre Kinder zu schützen. Erst im April 2013 wurde sie von der Polizei erstmals befragt.

Situation der Straflosigkeit

Am Tag der tödlichen Tat drang der Mann um fünf Uhr morgens in die Familienwohnung ein. Im Januar 2015 wurde er wegen Mordes und Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Richter urteilten, durch die Untätigkeit der Behörden sei eine Situation der Straflosigkeit entstanden, die letztlich zum Tod des Sohnes geführt habe.

Der Gerichtshof wertete den Fall auch als Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot. Häusliche Gewalt, deren Opfer meist Frauen seien, werde in Italien noch immer sozial und kulturell toleriert. Das Land Italien muss der Klägerin nun 40.000 Euro zahlen.

(Lesen Sie hier eine Geschichte über Fälle von häuslicher Gewalt in Italien).

sms/dpa/AFP

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insgesamt 14 Beiträge
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werner-brösel 02.03.2017
1. Sicherlich auch
interessant unter dem Aspekt, daß in Russland die Verfolgung häuslicher Gewalt gerade aufgeweicht worden ist.
nichtsalsverdrus 02.03.2017
2. 40.000?
40.000 € sind wohl ein Witz? Da fehlt doch mindestens eine Null. Insofern sind auch die EU-Richter deutlich zu kurz gesprungen.
omanolika 02.03.2017
3. Unbezahlbares Zeichen
Häußliche Gewalt ist ein gewaltiger Missstand, und leider ziemlich ausgeprägt in manchem Land, daher ist es gut, dass Gerichte sich so trauen, ja genau auf dieses "Tabuthema" zu schauen! 40.000 Euro können zur Wiedergutmachung natürlich nie reichen, aber unbezahlbar ist, das damit vom Gerichtshof gesetzte Zeichen....
watch15 02.03.2017
4. Na dann können wir hier in Deutschland gleich weitermachen
Ein Staatsanwalt möchte einen jungen Mann zur Behandlung in eine geschlossene Abteilung einer Nervenklinik einweisen. Der Gutachter hält dies jedoch für nicht notwendig ... er kann sich ja auch so behandeln lassen. Nun ersticht dieser junge Mann in seinem Wahn zwei Menschen ... so der jüngsten, aktuellen Nachrichtenlage zu entnehmen. "Die Behörden" ... "Der Staat" ... nennen wir die Verantwortlichen doch einmal beim Namen und holen sie raus aus der Anonymität und zieht sie für Fehlentscheidungen zur Verantwortung!
wolf76 02.03.2017
5. Opfer meist Frauen
So schlimm dieser Einzelfall auch ist, mich stört die stetige Verallgemeinerung, die das Bild vom schlagenden Mann und der hilflosen Frau zementiert. Gerade bei häuslicher Gewalt, gibt es doch nun schon genügend Untersuchungen, die Belegen, dass diese pauschale Aussage falsch ist. Richtig ist, dass Frauen häussliche Gewalt viel häufiger zur Anzeige bringen und so solche Statistiken entsehen. Das verzerrt aber die Realität. Jeder Mann, der bei häuslicher Gewalt die Polizei ruft, läuft Gefahr selbst per Gewaltschutzgesetz vor die Tür gesetzt zu werden. Ein Mann als Opfer gibt es nicht.
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