Gerichtsmediziner Eisenmenger Der letzte Zeuge

Er sezierte mehr als 20.000 Leichen. Darunter die von Franz Josef Strauß, Rudolf Heß, Walter Sedlmayr und erbrachte DNA-Analysen im Fall Kaspar Hauser und Martin Bormann: Der renommierte Münchner Gerichtsmediziner Wolfgang Eisenmenger legt nach 39 Jahren das Skalpell zur Seite - und macht als nächstes sein Testament.

Es sind nicht die spektakulären Fälle, die Wolfgang Eisenmenger jeden Tag auf seinem Sektionstisch vorfindet: Die meisten Leichen, die er untersuchte, sind Menschen, die niemand kennt. Die in ihrer Wohnung sterben, ohne dass es jemandem auffällt. Deswegen heißen sie auch so, "Wohnungsleichen". Aber auch Leichen oder Leichenteile in den verschiedensten Stadien der Verwesung, von einem Auto oder einem Zug überrollt, verbrannt oder misshandelt, musste Eisenmenger obduzieren.

Ihnen allen näherte sich Eisenmenger mit einem Diktiergerät in der linken Hand, in der rechten eine Pinzette oder ein Skalpell. Er besichtigte sie zunächst von außen, dann von innen. Ein Präparator öffnete für ihn deren Schädel, sägte die Schädeldecke auf, löste das Gehirn heraus.

Als einer der renommiertesten Gerichtsmediziner des Landes geht Eisenmenger nun in Rente. Kartons stapeln sich in seinem Arbeitszimmer im ersten Stock des Münchner Instituts für Rechtsmedizin in der Nußbaumstraße 26. Staub wirbelt von den mehr als 450 rechtsmedizinischen Büchern, die sich dort in den vergangenen 40 Jahren angesammelt haben. Eisenmenger thront in der Mitte. "Es schaut verheerend aus", sagt der 65-Jährige, schmunzelt und schiebt nach: "Aber eigentlich unterscheidet es sich nicht von meinem sonstigen Saustall."

Eisenmenger ist ein kleiner Mann mit kleinem Bauch, einer ovalen Brille und graumeliertem, seitengescheiteltem Haar. Unter seinem Kittel trägt er grundsätzlich Hemd und Krawatte, nie T-Shirt oder Kurzarmhemd. Schon gar nicht Jeans.

Dafür, dass er seit 39 Jahren seinen Alltag mit den Toten verbringt, ist Eisenmenger eine erstaunliche Frohnatur. Einer, der weiß, was wichtig ist im Leben. Einer, der sich klug und altmodisch-vornehm artikuliert und durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Einer, der einen unnachahmlichen Wortwitz besitzt.

Mehr als 20.000 Leichen hat Eisenmenger in seinem Leben seziert, vielleicht gar 30.000. "Ich müsste sämtliche Akteneinträge kontrollieren, um die genaue Zahl zu verifizieren." Es gibt kaum einen spektakulären Kriminalfall im südbayerischen Raum, mit dem der gebürtige Südbadener nicht befasst war. Das Einzugsgebiet seines Instituts erstreckt sich von Eichstätt bis Berchtesgaden und von Neu-Ulm bis Passau.

Vor seinem Skalpell tummelte sich die Prominenz

Auf seinem blankgeputzten Edelstahl-Sektionstisch in den weiß gekachelten Kellerräumen der Anstalt lagen der exzentrische Modezar Rudolph Moshammer und Volksschauspieler Walter Sedlmayr, von dem noch immer ein Teil der Schädeldecke in der hauseigenen Asservatenkammer aufbewahrt wird. Direkt neben dem Schädel des Münchner Arztes Otto Praun, den Vera Brühnes Liebhaber in deren Auftrag 1960 in dessen Villa ermordet haben soll.

Eisenmenger sezierte auch den bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und dessen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommene Ehefrau Marianne sowie den von der RAF ermordeten Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts. Er erstellte DNA-Analysen von NS-Reichsleiter Martin Bormann und dem angeblichen Prinzen von Baden, Kaspar Hauser.

Eisenmenger war es auch, der für die zweifelnden Angehörigen Rudolf Heß' nachkontrollieren sollte, ob Hitlers Stellvertreter Suizid begangen hatte; der die 1981 entführte Ursula Herrmann, die qualvoll in einer Holzkiste erstickte, ebenso obduzierte wie die beiden Prostituierten Traudl Frank und Fatima Grossart, die der Serienmörder Horst David tötete.

Kriminalfälle haben ihn immer mehr interessiert als der Bekanntheitsgrad einer Leiche. "Kriminalistisch kann man da mehr Pfiff reinlegen, beruflich ist das spannender", sagt Eisenmenger. Umso mehr ärgert ihn noch heute, dass er 2002 die Untersuchung einer Haarprobe des Hamburger Senators Ronald Schill auf Kokainspuren in Auftrag nahm. Als das Ergebnis eine noch empfindlichere Untersuchung erfordert hätte, wurde von Schill dies abgelehnt, so dass der Negativbefund festgeschrieben war. "Er verwehrte es uns, ein empfindlicheres Verfahren anzuwenden. Praktisch war das eine Mogelpackung."

Das Einzige, wovor es ihm noch heute graut: Maden

Misshandelte Kinder wie die kleine Karolina, die hirntot geprügelt, mit kahl rasiertem Kopf, in einer Krankenhaustoilette in Neu-Ulm abgelegt wurde, zu untersuchen, kostete ihn keine Überwindung. "Der Untersuchungsauftrag von Justiz und Polizei rückt in den Vordergrund, das Einzelschicksal und der Zustand der Leiche in den Hintergrund", sagt Eisenmenger nüchtern.

Routine und Professionalität, aber auch sein trockener Humor halfen ihm in all den Jahrzehnten davor, bei der Arbeit einen kühlen Kopf zu behalten. Zu Hause überkam es ihn oft doch. Dann musste sich seine Frau die abscheulichen Details seiner Arbeit anhören. Sie ertrug es ohne Murren.

Doch obwohl Eisenmenger nie gegen menschliches Leid abstumpfte, sich seine Sensibilität bewahrte, träumte er nur selten von seiner Arbeit. "Es war ein ungeheuer abwechslungsreicher, spannender Beruf, der mich immer begeistert hat."

Zu den Tausenden von Leichen, die er untersuchte, mussten er und seine Mitarbeiter Hunderttausende Gutachten erstellen bezüglich Vaterschaft, DNA, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und, und, und. Allein im Jahr 2007 hat sein Institut 21.000 solcher Gutachten erstellt und ist freiwillig bei Großlagen eingesprungen: So sezierte Eisenmenger nach dem Absturz der Air Lauda in Bangkok die Opfer, exhumierte eine Frau in Pakistan, arbeitete im Kosovo und entsandte Mitarbeiter nach Thailand, als dort 2004 der Tsunami gewütet hatte.

Das Einzige, wovor es ihm noch heute graut: Maden. Wenn sie eine Leiche schon so befallen haben, dass es vor Ammoniak nur so schäumt, dann ekelt sich selbst der erfahrene Professor. "Aber ich kann diesen Tierchen nicht ausweichen und so besinne ich mich auf die Logik, woher die Ekelgefühle rühren. Letztendlich ist es nichts anderes als die Metamorphose einer Fliege."

Eisenmengers Testament enthält eine besondere Überraschung

Eisenmenger hat sich vieles abgewöhnt in den Jahren - auch seinen Geruchssinn. "Ich rieche deutlich weniger als früher und muss manchmal richtig an etwas schnuppern, um einen Geruch wahrzunehmen." Bestimmte Gerüche wird er dagegen nie vergessen: Mumifizierte Leichen riechen für ihn nach Bündner Fleisch, Brandopfer nach Schinken. Den Appetit verdorben hat es Eisenmenger dennoch nie.

Eisenmenger stammt aus Waldshut, direkt an der Schweizer Grenze. Sein Vater fiel im Krieg, die Mutter zog ihn und seinen Bruder alleine auf. Sie arbeitete als Zahnärztin, schuftete ihr Leben lang hart; ohne einmal zu jammern und konnte sich dennoch bis zu ihrem 95. Lebensjahr einen trockenen Humor bewahren.

"Einer, der nichts mehr hasste als Geschwafel"

Eigentlich wollte Eisenmenger Landarzt werden, seine Frau lernte zusätzlich zu ihrer kaufmännischen Ausbildung noch den Beruf der medizinisch-technischen Assistentin. Doch das Leben bahnte sich einen anderen, "einen noch glücklicheren" Weg, wie Eisenmenger, Vater zweier erwachsener Töchter, findet.

1970 begann Eisenmenger seine Laufbahn als Gerichtsmediziner in Freiburg, zwei Jahre später wechselte er ans Institut für Rechtsmedizin an der Universität München, an der er 1989 Ordinarius wurde. In seinem Vorgänger, Professor Wolfgang Spann, fand er seinen Mentor und sein Vorbild: "Er war einer, der nichts mehr hasste als Geschwafel", erinnert sich Eisenmenger. "Wenn eines seiner Telefonate länger dauerte als fünf Minuten, wusste man, es geht um Leben und Tod."

Spann war ungewöhnliche 19 Jahre Dekan der medizinischen Fakultät und hat Eisenmenger stark geprägt. In seinem Sinne verwaltete Eisenmenger 20 Jahre lang das renommierte Institut in der Nußbaumstraße 26. Noch immer pflegt er den Kontakt mit dem heute 88-jährigen Spann, der "bisweilen mehrfach bekundete, dass er ganz zufrieden mit mir ist".

Fernsehserien, in denen Gerichtsmediziner im Mittelpunkt stehen, schaltet Eisenmenger kategorisch nicht ein. Aber er gibt zu, dass eine besondere Art von Humor in seinem Metier hilfreich sein kann. Einen Witz oder eine ironische Bemerkung während einer Sektion erlaubt er zwar, Zynismus und Sarkasmus im Zusammenhang mit Leichen duldet er dagegen nicht im geringsten. "Ich habe immer darauf geachtet, dass die Pietät bewahrt bleibt und unsere Arbeit nicht zum Gaudium verkommt."

Einer Studie zufolge wird die Hälfte aller Morde nicht aufgeklärt, weil der Arzt bei der Leichenschau nachlässig ist. Für den Raum München gilt das nicht, weil die Staatsanwaltschaft laut Eisenmenger "sehr sektionsfreudig" und die ortsansässigen Ärzte vom rechtsmedizinischen Institut regelmäßig geschult werden, was die Leichenschau angeht.

Was er anderen angetan hat, will er sich auch selbst gönnen

Tote nicht zu obduzieren, um deren Angehörige zu schonen wie im Fall des Amoklaufs von Winnenden, hält Eisenmenger für falsch. "Das ist nur eine kurzzeitige Schonung. Mit Rücksicht auf Pietät und Trauer tut man den Angehörigen nur vordergründig einen Gefallen. Oft tauchen erst später Fragen auf, die man nur anhand einer Obduktion beantworten könnte."

So sei es auch beim Olympia-Attentat 1972 gewesen, als 19 Menschen ums Leben kamen. "Da war zu entscheiden, ob man wegen des mosaischen Glaubens die Sektionen eigentlich verbietet. Wir taten es - und es erwies sich als richtig, denn im nachhinein wurden Vorwürfe laut, die Sportler hätten gerettet werden können."

Am 31. März ist Eisenmengers letzter Arbeitstag. Er wird ihn begehen wie jeden anderen auch, sezieren, diktieren, präparieren. "Am Ende werde ich mich bei jedem mit Handschlag verabschieden", sagt Eisenmenger, der über sich selbst sagt, er könne "schnell weinen". Noch aber habe sich keine Wehmut eingestellt. Auch wenn er nachts schon ein paar Mal wachgelegen hat und darüber grübelte, "ob ich das gut verkraften werde".

Dem zünftigen Abschiedsfest mit 250 Gästen, das bereits stattfand, folgt am 24. April der akademische Abschied samt Vorlesung und 600 Personen im Münchner Löwenbräukeller. Danach steht ganz oben auf Eisenmengers Erledigungszettel: "Ich werde testamentarisch verfügen, dass ich seziert werden will. Was ich anderen angetan habe, möchte ich mir auch selbst gönnen."

Auch verfügen will er, wem diese Aufgabe zuteil werden soll. Wer jene Person ist, behält Eisenmenger für sich. "Es ist jemand aus meinem Institut - und den möchte ich überraschen."

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