Gerichtsprozess Das Rätsel des Terrier-Todes

Hat Ilona K. ihre Hündin Susi aus dem Fenster geworfen? Oder will sie nur ihren 22 Jahre jüngeren Freund schützen, um dessen politische Karriere bei der Linkspartei nicht zu gefährden? Protokoll einer Posse vor dem Berliner Amtsgericht.

Von Uta Falck


Berlin - Susi ist tot. An einem Samstagnachmittag im November 2006 stürzte der weiß-graue Terrier aus dem sechsten Stock eines Berliner Mietshauses. Zehn Monate später muss sich Ilona K., 47, wegen des grundlosen Tötens eines Wirbeltieres verantworten. Doch statt im Berliner Amtsgericht Susis tragischen Tod zu erklären, schweigt die kleine, schmal gebaute Frau.

Sitzungssaal 110 des Berliner Amtsgerichts: Rätsel um einen toten Terrier
DPA

Sitzungssaal 110 des Berliner Amtsgerichts: Rätsel um einen toten Terrier

Redseliger ist ihr 25-jähriger Freund Michael F. Als Zeuge schildert er die schwierige Beziehung zu der arbeitslosen Pflegerin, die er vor drei Jahren in Göttingen kennengelernt hatte. "Wir haben uns oft gestritten", sagt der Student der Politikwissenschaften, der seit Anfang des Jahres Mitglied im Landesparteirat der Linkspartei.PDS ist.

"Ilona ist suizidgefährdet. Sie wälzt oft Probleme hin und her und neigt zu Kurzschlussreaktionen", sagt F. Probleme bekämpfe sie mit rezeptpflichtigen Tranquilizern und Bier. So auch an jenem Samstag, an dem es in der 34 Quadratmeter großen Wohnung in Berlins Problembezirk Neukölln wieder einmal Streit gab.

Ausgerutscht oder geworfen?

F. saß gerade am Computer, sagte er aus, als seine Freundin plötzlich mit dem Hund unterm Arm auf den Balkon ging und dort auf einen wackligen Stuhl stieg. Sofort sei er zu ihr gestürzt und habe sie ins Wohnzimmer gezerrt. "Dann war der Hund weg. Er ist ihr vermutlich aus der Hand gerutscht", sagt der große, dicke Mann mit dem flaumigen Vollbart, der sein lockiges Haar zum Zopf gebunden hat.

Amtsrichter Norbert Bäuml ist irritiert: Der Polizei hatte Michael F. noch gesagt, die Freundin habe den Hund geworfen. So steht es in den Akten. Eindringlich fragt der Richter: "Ausgerutscht oder geworfen? Das ist ein großer Unterschied!" Michael F. antwortet: "Sie hat ihn auf keinen Fall geworfen, sie hat diesen Hund geliebt." Seine Aussage sei damals falsch aufgenommen worden: "Der Beamte war nicht in der Lage, meinen Ausführungen zu folgen", erklärt der Jungpolitiker.

Es gibt noch eine andere Version der Geschichte: Ein Nachbar hatte gegenüber Pressevertretern behauptet, in Wahrheit habe F. selbst den Hund aus dem Fenster geworfen. Seine Freundin müsse nun vor Gericht den Sündenbock spielen, um die politische Karriere des Landesparteiratsmitgliedes nicht zu gefährden.

Der Richter lädt den Nachbarn als Zeugen. Der wiederholt seine Angaben: "Michael F. hat sich aus Frust an dem Hund vergriffen." Nun muss der frisch Beschuldigte nochmals in die Zeugenrolle schlüpfen. Selbstbewusst äußert F.: "Das kann ich Ihnen definitiv sagen, dass das nicht so war." Er habe da auch gar kein schlechtes Gewissen.

Aussage unter Tränen

Die Angeklagte schweigt noch immer. Der Richter verliest ihr Vorstrafenregister: Fahren unter Alkoholeinfluss, kleine Betrugstaten und Diebstähle. Verstöße gegen das Tierschutzgesetz sind nicht dabei. Der Richter will gerade die Beweisaufnahme schließen, als Verteidiger Hartwig Meyer um eine letzte Unterredung mit der Angeklagten bittet. Als die beiden wieder den Sitzungssaal betreten, will Ilona K. aussagen.

Unter Tränen erzählt sie, wie sie zu Beginn ihrer Freundschaft mit Michael F. feststellte: "Er mag Hunde überhaupt nicht." Auch Susi habe das schnell gemerkt und häufig nach F. geschnappt. "Er hat sie gehasst", sagt K. Nachdem ihr Freund einmal vom Gassigehen zurückkehrte und Susi ihn zu beißen versuchte, sei F. in Ilonas Beisein mit einem langen Messer und den Worten "Du Miststück, dich stech ich jetzt ab!" auf den Hund losgegangen.

Wenige Tage vor Susis Tod erfuhr Ilona K. etwas über ihren Freund, das sie so bedrückte, dass sie nach zehnjähriger Unterbrechung wieder zu Tabletten griff. Fast 20 Tranquilizer nahm sie in vier Tagen ein, trotzdem hätte sich das Paar "nur in der Wolle gehabt", sagt die Angeklagte dem Gericht. Als sie kurz nach halb vier Uhr nachmittags auf die Toilette ging, habe F. "wie ein Racheengel" im Türrahmen des Badezimmers gestanden und zu ihr gesagt: "Du hast den Hund über den Balkon geschmissen! Du hast deinen Hund umgebracht!" Das erzählte er später auch den Polizisten. "Er wollte mir danach auch sofort einen neuen Hund kaufen. Aber ich wollte keinen haben", sagt die weinende Angeklagte.

"Der ist jung, der hat noch was vor"

Der Richter will wissen, wer die Idee hatte, Ilona K. als Täterin auszugeben. "Das war meine Idee", sagt die Angeklagte. "Was soll ich denn machen? Der Hund ist tot!" Sie wollte nicht gegen ihren Freund aussagen, mit dem sie immer noch liiert sei: "Der ist jung, der hat noch was vor, der will in die Politik!"

Genau dieses Verhalten können weder der Staatsanwalt noch der Richter verstehen. Der Ankläger, der seinen Namen nicht nennen will, weil er bereits von seinen Kollegen wegen des Falles geneckt werde, glaubt der Angeklagten nicht, dafür jedoch ihrem Lebensgefährten: "Der hat eine plausible Geschichte erzählt." Die Angeklagte würde ihren Freund der Tat bezichtigen, weil sie die peinliche Sache verdrängen wolle. Der Staatsanwalt fordert 900 Euro (60 Tagessätze á 15 Euro) Geldstrafe.

Der Verteidiger fordert Freispruch für seine tierliebende Mandantin. Die formuliert ein letztes dramatisches "Ich war es nicht!", bevor der Richter sich zur Beratung zurückzieht. Das Urteil lautet "Freispruch". Die Aussage von Michael F. sei "nach Eindruck des Gerichts eine ganz klare Falschaussage", sagt Bäuml. Aber auch auf das Gerede der Nachbarn möchte der Richter nichts geben, und an der Schilderung der Angeklagten bleiben Zweifel. Vor allem frage er sich: "Warum ist sie immer noch mit ihm zusammen?"

Freispruch für Frauchen, keine Strafverfolgung für Herrchen, so endet das Verfahren um den Mord an Susi. Der Staatsanwalt dürfte kein Interesse an einer weiteren Strafverfolgung des Paares haben und eher froh darüber sein, auf den Gängen des Moabiter Kriminalgerichts nicht mehr die Frage beantworten zu müssen, ob er auf den Hund gekommen sei. Sollte die Tat, die laut Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden kann, jemals gesühnt werden, müsste ein neuer Prozess angestrengt werden.



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