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Vater des Germanwings-Co-Piloten "Er war zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv"

Vor zwei Jahren stürzte ein Germanwings-Flugzeug mit 150 Insassen ab, Co-Pilot Andreas Lubitz gilt als Alleinverantwortlicher. Sein Vater widerspricht: Lubitz sei kein depressiver Massenmörder gewesen.

Zwei Jahre nach dem Absturz eines Germanwings-Flugzeugs in den französischen Alpen hat der Vater des damaligen Co-Piloten seinen Sohn erneut in Schutz genommen. "Was ich Ihnen jetzt sage, sage ich mit großer Vorsicht", sagte Günter Lubitz. Seine Trauer unterscheide sich von der Trauer aller anderen Hinterbliebenen: "Wir müssen damit leben, dass er in den Medien als depressiver Massenmörder dargestellt wurde und wird."

Andreas Lubitz habe seine Depressionen jedoch schon sechs Jahre vor dem Absturz überwunden. "Er fand zu seiner ursprünglichen Kraft und Lebensfreude zurück", sagte Günter Lubitz. Die vielen Arztbesuche des jungen Mannes in den Jahren vor dem Absturz hätten ausschließlich mit seinem Augenleiden zu tun gehabt. "Unser Sohn war zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv."

Germanwings-Flug 4U9525 zerschellte vor exakt zwei Jahren in den französischen Alpen. Am Freitagvormittag fand auch eine Trauerfeier im westfälischen Haltern statt - der Zeitpunkt der Pressekonferenz hatte daher Kritik hervorgerufen. Lubitz sagte, er erhoffe sich an diesem Tag mehr Aufmerksamkeit für die Aussage, sein Sohn sei zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv gewesen sei: "Wir haben den Tag nicht gewählt, um die Angehörigen zu verletzen."

Die Reaktionen wären die gleichen gewesen, "egal welchen Tag wir gewählt hätten". Der Familie sei es darum gegangen, Gehör zu bekommen. "Wie alle anderen Angehörigen sind wir auf der Suche nach der Wahrheit."

Angehörige der 149 anderen Menschen an Bord hatten vor der Erklärung den Zeitpunkt als "unverantwortlich" und "geschmacklos" kritisiert. Ulrich Wessel, Schulleiter aus Haltern, nannte die Ansetzung der Pressekonferenz eine "Provokation, ein Affront gegenüber den Eltern".

Günter Lubitz hatte in den vergangenen Tagen den Ermittlern schwere Vorwürfe gemacht. "Es gab ganz offensichtlich Dinge, die man gar nicht erst ermittelt hat, vielleicht weil man sie nicht ermitteln wollte", sagte er der "Zeit". Kritische Nachfragen der Familie hätten die Behörden ignoriert. "Unser Sohn war ein sehr verantwortungsvoller Mensch. Er hatte keinen Anlass, einen Selbstmord zu planen und umzusetzen, und erst recht nicht, dabei noch 149 andere unschuldige Menschen mitzunehmen."

In einem Brief an Medienvertreter hatte Lubitz zuvor die These von der Alleinschuld seines Sohnes an dem Flugzeugabsturz in Zweifel gezogen. Auch der Luftfahrt-Journalist Tim van Beveren wirft den Ermittlern einiges vor: Es sei etwa nicht klar erwiesen, sagte er nun bei der Pressekonferenz, wer zum Zeitpunkt des Absturzes im Cockpit saß. Er kritisierte zudem, dass bei den Ermittlungen zur Unfallursache nur Ingenieure eingesetzt worden seien - aber keine Experten, die darauf spezialisiert seien, den Faktor Mensch zu analysieren.

Günter Lubitz und van Beveren bekamen von vielen Seiten Widerspruch. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) teilte mit, es gebe keine Zweifel am Abschlussbericht der französischen Behörden, wonach Andreas Lubitz den Jet absichtlich gegen ein Felsmassiv gesteuert habe. "Es gibt für uns keinen Anlass, an der Art und den Ergebnissen der Unfalluntersuchungsbehörde zu zweifeln", sagte auch ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums.

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft trat dem Eindruck entgegen, der Co-Pilot sei beim Absturz der Germanwings-Maschine 2015 gesund und lebensfroh gewesen. "Er litt seit Monaten unter Schlaflosigkeit, hatte Angst um sein Augenlicht, war verzweifelt", sagte Staatsanwalt Christoph Kumpa. Eine Woche vor dem Absturz habe Lubitz sich - ausweislich der Auswertung seines Tablet-Computers - über Suizidmöglichkeiten informiert, außerdem über das Schließsystem der Cockpit-Tür.

Zuletzt hatten die Vertreter der Hinterbliebenen des Absturzes neue Schritte angekündigt. Ein Opferanwalt will nach eigenen Angaben fünf Schmerzensgeldklagen gegen die Fluggesellschaft Germanwings einreichen. "Die bislang gezahlten Beträge sind selbst nach deutschen Maßstäben zu gering bemessen", sagte der Mönchengladbacher Anwalt Christof Wellens.

Bislang habe Germanwings für die Leiden der Opfer jeweils 25.000 Euro gezahlt, hinzu komme ein Schmerzensgeld von je 10.000 Euro für jeden nahen Hinterbliebenen. Wellen will nun mindestens eine Verdoppelung erreichen. Er vertritt nach früheren Angaben die Familien von 35 Opfern. An diesem Freitag läuft die Frist aus, Schadenersatzansprüche gegen Lufthansa gerichtlich geltend zu machen.

mxw/dpa