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Ermittlungen zu Germanwings-Absturz Co-Pilot war laut Staatsanwalt fluguntauglich

Andreas Lubitz war nach Angaben der französischen Staatsanwaltschaft zum Zeitpunkt des Germanwings-Absturzes nicht flugtauglich. Der Co-Pilot sei instabil gewesen - er habe befürchtet zu erblinden.

Niedergeschlagen, instabil und psychisch krank - mit diesen Worten hat der französische Chefermittler auf einer Pressekonferenz den Co-Piloten der abgestürzten Germanwings-Maschine beschrieben. Andreas Lubitz war nach Angaben des zuständigen Staatsanwalts Brice Robin zum Zeitpunkt der Katastrophe schwer depressiv und flugunfähig.

Lubitz habe unter einer "Psychose begleitet von Sehstörungen" gelitten und befürchtet, sein Augenlicht zu verlieren, sagte Robin. "Er war nicht mehr in der Lage, ein Flugzeug zu fliegen."

Mehrere Mediziner hätten zudem an der Flugtauglichkeit des Co-Piloten gezweifelt, aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht aber nicht den Arbeitgeber des 27-Jährigen informiert. Der Co-Pilot sei im März an zehn Tagen krankgeschrieben gewesen. In den vergangenen fünf Jahren habe er 41 unterschiedliche Ärzte konsultiert. Im letzten Monat vor dem Absturz seien es sieben Besuche gewesen.

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung

Der Germanwings-Muttergesellschaft Lufthansa war bereits direkt nach dem Unglück vorgehalten worden, den Co-Piloten womöglich nicht ausreichend medizinisch überprüft zu haben. So wurde die Frage gestellt, warum Lufthansa-Mediziner den Copiloten während seiner Ausbildung 2009 für flugtauglich erklärt hätten, obwohl bekannt gewesen sei, dass er weiterhin psychologisch behandelt werden müsse. Staatsanwalt Robin kündigte nun indirekt Ermittlungen auch gegen Lufthansa und Germanwings an. Er werde drei Untersuchungsrichter beauftragen, wegen fahrlässiger Tötung zu ermitteln. Es gebe aber bisher keinerlei Beweise, dass Germanwings oder die Muttergesellschaft Lufthansa Informationen über den aktuellen Gesundheitszustand des 27 Jahre alten Copiloten gehabt hätten.

Nach Angaben einer Opfervereinigung soll es dabei um mögliche Fehler bei der medizinischen Überprüfung von Copilot Andreas Lubitz durch die Lufthansa gehen.

Lufthansa gibt sich bedeckt

Die Fluggesellschaft selbst meldete sich dazu am Donnerstagabend zu Wort: "Uns liegen derzeit keine Kenntnisse über Ermittlungen der französischen Staatsanwaltschaft konkret gegen Germanwings oder Lufthansa vor", teilte eine Sprecherin mit. Die ins Spiel gebrachten Ermittlungen richteten sich gegen Unbekannt "und nicht gegen einen bestimmten Tatverdächtigen", betonte sie.

Die Untersuchungsrichter sollen auch die Frage beantworten, "wie das Arztgeheimnis und die Sicherheit von Flügen" gewährleistet werden könnten, "wenn man einen labilen Piloten hat", so Robin.

Die Maschine der Lufthansa-Tochter Germanwings war am 24. März auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen zerschellt. Alle 150 Insassen kamen ums Leben, darunter 72 Deutsche. Den Ermittlungen zufolge hatte Lubitz, der schon länger unter Depressionen litt, den Airbus in den französischen Alpen absichtlich abstürzen lassen. Den Flugkapitän hatte der Co-Pilot zuvor aus dem Cockpit ausgesperrt.

Der Staatsanwalt hatte zuvor über vier Stunden lang in Paris mit etwa 200 Angehörigen von Opfern gesprochen, darunter Deutsche und Spanier, um sie über den Stand der Ermittlungen zu informieren. Der Präsident der Opfervereinigung Fenvac, Stéphane Gicquel, sagte danach, es gehe bei den künftigen Ermittlungen "ganz klar" um die Frage "nach Fehlern oder Versäumnissen bei der Feststellung des Gesundheitszustandes" von Copilot Andreas Lubitz "durch die Fluggesellschaft Lufthansa".


Zusammengefasst: Der Co-Pilot der in den französischen Alpen abgestürzten Germanwings-Maschine war nicht flugtauglich, sagt die französische Staatsanwaltschaft: "Er war nicht mehr in der Lage, ein Flugzeug zu fliegen." Andreas Lubitz war niedergeschlagen, instabil, psychisch krank und hatte Angst, blind zu werden. Vor der Pressekonferenz hatte der zuständige Staatsanwalt mehrere Stunden lang Angehörige der Opfer in Paris über den Stand der Ermittlungen informiert.

wit/dpa/AFP/AP