Germanwings-Absturz Lufthansa drängt Hinterbliebene zu Klage-Verzicht

Wir übernehmen weiter die Kosten für Ihre Psychotherapie - wenn Sie uns nicht verklagen. Mit diesem Angebot sorgt die Lufthansa für Empörung bei Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes.

Gedenkstätte für die Opfer des Germanwings-Absturzes
DPA

Gedenkstätte für die Opfer des Germanwings-Absturzes


Zwei Jahre und neun Monate liegt der Germanwings-Absturz in den französischen Alpen mit 150 Toten nun zurück. Doch die rechtliche Aufarbeitung ist noch lange nicht abgeschlossen. Vor dem Landgericht Essen haben in diesem Herbst fast 200 Hinterbliebene Klage gegen die US-amerikanische Flugschule der Airline eingereicht. Sie verlangen deutlich höheren Schadensersatz, als die zum Lufthansa-Konzern gehörende Fluglinie bislang bezahlt hat. Zudem könnte sich auch noch ein US-Gericht der Klagen annehmen.

Nun sorgen Schreiben der Muttergesellschaft Lufthansa an einige Hinterbliebene für Aufregung, berichtet die "Bild"-Zeitung. Im Gegenzug für die Kostenübernahme für weitere Psychotherapien müssten die Angehörigen eine Erklärung unterschreiben, in der sie auf alle Klagen gegen Unternehmen der Lufthansa verzichten und eingereichte Klagen zurückziehen würden.

Rechtsanwalt Elmar Giemulla, der im Zusammenhang mit dem Germanwings-Absturz mehr als 200 Mandanten vertritt, bestätigte dies dem SPIEGEL. Mehreren seiner Mandanten lägen solche Erklärungen vor, sie seien darüber empört gewesen. Niemand habe die Erklärung unterschrieben.

Kosten jeweils im niedrigen vierstelligen Bereich

Konkret gehe es jeweils nicht um sehr hohe Summen, erläutert Giemulla: Zwei Jahre lang, also bis Ende März 2017, sei die Lufthansa verpflichtet gewesen, die Kosten für benötigte Psychotherapien zu tragen. Im Luftverkehr gelte so lange eine "verschuldensunabhängige Haftung". Nach Ablauf der zwei Jahre habe die Lufthansa die Kostenübernahme eingestellt.

Mandanten von ihm, die danach noch auf eine Therapie angewiesen waren, seien daraufhin auf die Fluggesellschaft herangetreten und hätten daraufhin die betreffenden Schreiben erhalten. Es gehe aber um auslaufende Therapiekosten in geschätzter Höhe eines jeweils niedrigen vierstelligen Betrags.

Die Lufthansa bestreitet die Schreiben nicht, verteidigt ihr Vorgehen aber in einer Stellungnahme. Germanwings und Lufthansa würden aktuell Angehörigen der Opfer in vielen Fällen auf freiwilliger Basis Kosten für bestimmte Leistungen - wie beispielsweise therapeutische Behandlungen - erstatten. "Damit leisten Germanwings und Lufthansa über das gesetzlich verpflichtende Maß hinaus wichtige Hilfe", teilte das Unternehmen mit.

Klage in Arizona

"Zu unserem Bedauern wurden ebendiese freiwilligen Leistungen von einigen Anwälten genutzt, um juristisch gegen Unternehmen der Lufthansa-Gruppe vorzugehen. Aus diesem Grund können wir dieses freiwillige Angebot nur dann aufrechterhalten, wenn ausgeschlossen ist, dass ebendiese Leistungen nicht gegen uns verwendet werden", heißt es in der Stellungnahme.

Giemulla hält das für eine "konstruierte Begründung". Für die in der "Bild"-Zeitung zitierte Krefelder Mandantin werde in den nächsten Tagen ebenfalls Klage eingereicht, sagte der Anwalt. Sie richtet sich direkt an die Flugschule der Lufthansa im US-Bundesstaat Arizona, in der Co-Pilot Andreas Lubitz gelernt hatte. Er hatte vor zwei Jahren den Airbus den Ermittlern zufolge absichtlich gegen einen Berg in den französischen Alpen gesteuert.

Seine Ausbildung in Arizona hatte der Copilot wegen einer schweren Depression mit einer Sondergenehmigung beenden können. Hätte die Flugschule diese Umstände der Lufthansa mitgeteilt, so wäre Lubitz "mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Verkehrspilot geworden und hätte die mörderische Tat nicht begehen können", heißt es in Giemullas Klageschrift für das Landgericht Essen.

fdi/dpa

insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
unglaeubig 23.12.2017
1.
Mir stellt sich hier die Frage, wessen Vorgehen moralisch zu beanstanden ist. Die Lufthansa bezahlt freiwillig Leistungen und muss sich in unserem verqueren Rechtssystem selbstverständlich absichern, damit dieses nicht als Schuldeingeständnis gegen sie eingesetzt wird. Die Angehörigen suchen sich den Klagestandort USA mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten aus, weil dort höhere Schadensersätze zu erwarten sind und versuchen das Maximum aus dem Verlust eines Angehörigen herauszuholen...
klarafall 23.12.2017
2. @ungläubig (Post #1)
"und versuchen das Maximum aus dem Verlust eines Angehörigen herauszuholen". Es ist nicht ein "Verlust", sondern "Mord". Und dieser wäre vermeidbar gewesen, wenn man nicht einen Irren ans Steuer einer Verkehrsmaschine gelassen hätte. Eine Entschädigung in Millionenhöhe pro Opfer wäre das mindeste, was Lufthansa leisten müsste.
dasfred 23.12.2017
3. Was müssen Menschen fühlen, die ihre Angehörigen durch einen Selbstmordattentäter auf der Autobahn verloren haben
Für die Trauer der Hinterbliebenen gilt mein vollstes Mitgefühl. Aber für dieses Geschacher um Geld, nur weil der Pilot einen reichen Arbeitgeber hatte fehlt mir jedes Verständnis. Da werden Zusammenhänge konstruiert um sich an Entschädigungen, wie sie oft in den USA ausgehandelt werden zu bereichern. Man stellt sich auf den Standpunkt, das schicksalhafte Ereigniss wäre voraussehbar gewesen obwohl tausende Ereignisse, die mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit eintreten können völlig akzeptiert werden. Mit Trauerarbeit hat das nichts mehr zu tun. Einen nahen Verwandten zu verlieren kann jeden jederzeit treffen und die Folgen müssen nun mal erduldet werden. Es mutet schon fast an, als ob die Toten hier höchstpreisig vermarktet werden. Wenn ich an die vielen Hinterbliebenen denke, die ihren Verlust ohne jede Hilfe tragen müssen, dann sind die Kläger hier schon privilegiert. Mit Trauerarbeit und Moral hat das nix mehr zu tun.
xvxxx 23.12.2017
4.
Zitat von unglaeubigMir stellt sich hier die Frage, wessen Vorgehen moralisch zu beanstanden ist. Die Lufthansa bezahlt freiwillig Leistungen und muss sich in unserem verqueren Rechtssystem selbstverständlich absichern, damit dieses nicht als Schuldeingeständnis gegen sie eingesetzt wird. Die Angehörigen suchen sich den Klagestandort USA mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten aus, weil dort höhere Schadensersätze zu erwarten sind und versuchen das Maximum aus dem Verlust eines Angehörigen herauszuholen...
Vielleicht ist es eher so, dass unsere Schadensersatz und Schmerzensgeldregularien so mies sind, dass man verzweifelt zu jedem Strohhalm greift. 2 Jahre Psychotherapie... sehr toll . Armselig.
conrath 23.12.2017
5. Die Untersuchung des Unglücks. ..
...ist nicht so erfolgt, wie es Standard ist. Die BFU ist von den frz. Behörden nicht mit an der Untersuchung beteiligt worden. Die Diagnose des Co-Piloten hat kein Azt gestellt, sondern ein Ingenieur.. warum wohl? Die Liste der Fehler lässt sich fortsetzen. Die Akte des Flugzeugs ist nicht mehr vorhanden - vernichtet. Alles merkwürdig. Der Umgang der LH mit den Angehörigen ist ein Trauerspiel. Kopfschütteln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.