Gestohlene Kinderwagen Auf Beutefang bei den Baby-Boomern

Ausgerechnet im heimeligen Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg sind junge Eltern mit einer besonders gemeinen Art von Diebstahl konfrontiert: Kinderwagen-Klau. Die Zahl der gestohlenen Objekte steigt rasant - je teurer das Gefährt, desto lieber greifen die Räuber zu.

Kinderwagen als Diebesgut: Reichhaltiges Betätigungsfeld
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Kinderwagen als Diebesgut: Reichhaltiges Betätigungsfeld

Von Michael Kieffer


Berlin - Für einen "normal denkenden Bürger" klinge es absurd, sagt Polizeihauptkommissar Werner Holzfuß aus Berlin. Doch inzwischen seien Kinderwagen in der Hauptstadt ein begehrtes Diebesgut. Seit 2008 erfasst der 59-Jährige gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Kollegen Frank Müller einschlägige Anzeigen für den Berliner Polizeiabschnitt 15. In diesem Jahr sind dort schon mehr als 60 Kinderwagen weggekommen, im vergangenen Jahr waren es an die hundert. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen.

"Das Thema kam im Jahr 2007 auf", erzählt Müller. Damals sei aufgefallen, dass sich die Kinderwagen-Diebstähle häufen. Der Prenzlauer Berg - ein Stadtteil mit hoher Attraktivität für Besserverdienende im Familiengründungsalter - ist ein "reichhaltiges Betätigungsfeld" für die Täter, wie Müller meint. Kollege Holzfuß sieht es genauso: "Es ist unglaublich, was hier Mütter mit Kinderwagen herumlaufen", sagt er.

Auch in Hessen kennt man das Problem

In München und Köln sind Kinderwagen-Diebstähle bisher kein größeres Thema. Von "absoluten Einzelfällen" spricht man bei der Polizei in Hamburg. In Hessen allerdings sind im vergangenen Jahr 129 Delikte dieser Art gezählt worden. Das hessische Landeskriminalamt hatte bereits vor zweieinhalb Jahren von Diebstählen "auf hohem Niveau" berichtet. Betroffen war demnach vor allem das Rhein-Main-Gebiet.

Die Berliner Polizisten Holzfuß und Müller kennen sich inzwischen gut aus mit Kinderwagen - vor allem mit den Modellen einer Marke. "Der teuerste, der zurzeit im Umlauf ist, kommt von der Firma Bugaboo", erläutert Müller. "Wenn Sie da ein paar Accessoires dazunehmen, können Sie locker 1200 Euro loswerden." Die Verkäuferin eines Babyausstatters im Prenzlauer Berg bestätigt: Der Basispreis für diese Kinderwagen liegt bei gut 900 Euro. Polizist Müller sagt: "Wenn Sie hier durch den Prenzlauer Berg marschieren, dann werden Sie sich wundern: Jeder Zweite, Dritte hat Bugaboo. Das ist wie der Mercedes unter den Kinderwagen."

A und O: Kinderwagen mit Schloss sichern

Die Diebe bedienen sich meist in Mehrfamilienhäusern, wo die Kinderwagen in Flur oder Keller abgestellt sind. Die Beute verkaufen sie an Trödler - oder direkt an die ahnungslosen Nutzer von Internetseiten wie eBay. Für einen Kinderwagen bekommen die Gauner dort 350 bis 400 Euro, wie Holzfuß sagt.

Die geschädigten Eltern gäben zwar eine Menge Geld für die Babykutschen aus, bei der Sicherheit werde aber gespart, kritisiert Müller. Der Polizist holt ein dünnes Kabelschloss hervor, das von einem Dieb einfach durchgeknipst wurde. "Dafür braucht man keinen großartigen Seitenschneider", meint Müller. Und häufig seien die Kinderwagen überhaupt nicht gesichert.

Ein Schloss ist aber das A und O, wenn man den Schaden von der Versicherung ersetzt haben will. Zwar gebe es - anders als für Fahrräder - keine speziellen Versicherungen für Kinderwagen, sagt Rüdiger Strichau, Berater bei der Verbraucherzentrale Berlin. Bei einigen Anbietern könne man Kinderwagen aber über die Hausratversicherung schützen. Doch hier gelte: Ist der Kinderwagen nicht gesichert, müssen sich die Geschädigten grobe Fahrlässigkeit vorwerfen lassen.



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Seite 1
Wavebreaker26 31.05.2010
1. -.-
Was kauft man sich auch so einen teueren Kinderwagen. Funktional dürfte kein Unterschied zum normalen Kinderwagen bestehen. Es wird eher das Geltungsbedürfnis der Mütter befriedigt. Oder die Mütter haben ein etwas verzerrtes Bild von dem, was ihre Kinder brauchen.
Wavebreaker26 31.05.2010
2. -.-
Was kauft man sich auch so einen teueren Kinderwagen. Funktional dürfte kein Unterschied zum normalen Kinderwagen bestehen. Es wird eher das Geltungsbedürfnis der Mütter befriedigt. Oder die Mütter haben ein etwas verzerrtes Bild von dem, was ihre Kinder brauchen.
viribus, 31.05.2010
3. Es wird geklaut, was teuer ist...
Zitat von sysopAusgerechnet im heimeligen Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg sind junge Eltern mit einer besonders gemeinen Art von Diebstahl konfrontiert: Kinderwagen-Klau. Die Zahl der gestohlenen Objekte steigt rasant - je teurer das Gefährt, umso lieber greifen die Räuber zu. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,697116,00.html
Tja, geklaut wird halt alles, was einen Wiederverkaufswert hat ;) Solange bei den möglichen Betroffenen ein entsprechendes Problembewusstsein fehlt, freuts die Diebe. Man würde ja wohl kaum ein 1200 EUR Notebook oder Fahrrad irgendwo ungesichert rumstehen lassen. Jetzt heisst es einfach besser aufpassen und vorsorgen.
magheinz 31.05.2010
4. doch, es gibt Unterschiede
Zitat von Wavebreaker26Was kauft man sich auch so einen teueren Kinderwagen. Funktional dürfte kein Unterschied zum normalen Kinderwagen bestehen. Es wird eher das Geltungsbedürfnis der Mütter befriedigt. Oder die Mütter haben ein etwas verzerrtes Bild von dem, was ihre Kinder brauchen.
Es bestehen sehr wohl Unterschiede, auch funktional. Z.B. Eingebaute Moskitonetze, leicht zusammenklappbar und einfach das Gewicht sprechen meist leider für die eher teureren Modelle. Ob das Teil 9Kg oder 15Kg wiegt ist ein wesentliche Unterschied wenn man es in den 4. Stock hochschleppt. Das Zusammenklappen mit einem Handgriff ist auch nicht zu verachten und so Details wie Moskitonetz, ordentliche Räder etc weiss man erst zu schätzen wenn man sowas hat.
wortgewalt87 31.05.2010
5. #
Zitat von magheinzEs bestehen sehr wohl Unterschiede, auch funktional. Z.B. Eingebaute Moskitonetze, leicht zusammenklappbar und einfach das Gewicht sprechen meist leider für die eher teureren Modelle. Ob das Teil 9Kg oder 15Kg wiegt ist ein wesentliche Unterschied wenn man es in den 4. Stock hochschleppt. Das Zusammenklappen mit einem Handgriff ist auch nicht zu verachten und so Details wie Moskitonetz, ordentliche Räder etc weiss man erst zu schätzen wenn man sowas hat.
Richtig. Die Funktionalität ist jedoch auch bei einem angeschmuddelten Gebrauchten vorhanden (kostet nicht viel, kann man ohne Verlust weiterverkaufen, aber klar: die Design- und Farbwahl ist massiv eingeschränkt (andererseits juckt das das Kind nicht)). Nebenbei: Wenn man das Teil in den 4. Stock hochschleppt, wird es auch nicht geklaut. Verschwinden tun die Alukarrossen, die trotzdem im Treppenhaus stehen bleiben.
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