Gesuchter Häftling "Milliarden-Mike" Erst angegrillt, dann ausgebüxt

"Milliarden-Mike" ist untergetaucht, die Polizei fahndet mit Hochdruck nach dem Betrüger. Wie konnte der Hamburger Häftling seinen Aufpassern überhaupt entkommen? Behörden und Augenzeugen widersprechen sich.

Peter Mike Wappler auf einem Fahndungsfoto: "Nur spärliche Hinweise"
Polizeidirektion Lübeck

Peter Mike Wappler auf einem Fahndungsfoto: "Nur spärliche Hinweise"


Lübeck/Hamburg - Auf dem Grill lagen Bauchfleisch, Würste und Schnitzel. Im Garten, hinter dem Haus hatte Beate P., 59, einen großen Tisch gedeckt. Sie wollten Geburtstag feiern, den ihres Halbbruders Peter Mike Wappler, 54, den man in Hamburg auch unter einem anderen Namen kennt: "Milliarden-Mike".

Der notorische Betrüger und Dauerinsasse der Justizvollzugsanstalt (JVA) im Hamburger Stadtteil Fuhlsbüttel kam am vergangenen Freitag zu Besuch nach Lübeck und brachte zwei Beamte mit, die auf ihn aufzupassen hatten. "Es sollte ein besonderer Tag werden", sagte Beate P. SPIEGEL ONLINE. Und das wurde es auch, denn Mike Peter Wappler konnte fliehen und wird seitdem von der Polizei gesucht.

Die Frage ist: Wie konnte das geschehen?

"Niemand was gedacht"

Es gibt zwei Versionen, wie sich die Flucht des Schwerverbrechers zugetragen hat, die eine stammt von Beate P., der Gastgeberin des Grillfestes mit offenem Ende. Demnach saßen zehn Familienmitglieder im Garten und speisten gemeinsam mit den Beamten der JVA. Mehrfach sei ihr Halbbruder vom Tisch aufgestanden und zur Toilette gegangen, schon am Morgen habe er über Magenschmerzen geklagt. "Dabei hat sich ja niemand was gedacht", so P.

Aber als Wappler gegen 13 Uhr von einem Toilettenbesuch nicht mehr zurückgekehrt sei, hätten sich die anwesenden Justizvollzugsangestellten doch gewundert. "Nach 15 Minuten ist dann einer von ihnen in das Haus gegangen, um nachzuschauen", behauptet Beate P.

Der Beamte habe den Häftling nicht auf der Toilette angetroffen, woraufhin ihn P. in das Obergeschoss des Hauses geschickt habe. Dort sei ein zweites Badezimmer, aber kein Wappler. Der andere Beamte habe währenddessen mit der Familie am Tisch gesessen und gewartet, sagt P.

Vor der Tür gewartet

Die Hamburger Justizbehörde bestreitet diese Darstellung. Ihren Angaben zufolge ging Wappler mit einem Beamten zur Toilette. Der Aufpasser habe vor der Tür gewartet und nach zwei bis drei Minuten geklopft. Als er keine Antwort erhalten habe, habe er die unverschlossene Tür geöffnet und in einen leeren Raum geblickt. Er rief demnach seinen Kollegen zu Hilfe und durchsuchte gemeinsam mit einem Familienmitglied Haus und Garten. Der andere Beamte habe die Polizei und die JVA informiert, hieß es von offizieller Stelle.

Die Unstimmigkeiten in den Darstellungen konnte sich die Justizbehörde nicht erklären. "Wir werden die Beamten mit den neuen Angaben konfrontieren", sagte eine Sprecherin SPIEGEL ONLINE. Dienstrechtliche Konsequenzen seien nicht ausgeschlossen.

Wie also gelang "Milliarden-Mike" die Flucht?

Der 54-jährige Häftling sei aus dem Toilettenfenster der Erdgeschosswohnung im Stadtteil Moisling gesprungen, seine durchtrennten Fußfesseln habe er am Fluchtort zurückgelassen, sagen Polizei und Justiz.

"Ich glaube, er ist einfach aus der Eingangstür gegangen", sagt Beate P. "Das Toilettenfenster war zu. Und warum sollte er da rausklettern, wenn gleich neben dem Bad die Tür ist?"

"Spärliche Hinweise"

Bisher seien "nur spärliche Hinweise aus der Bevölkerung" bei der Polizei eingegangen, sagte ein Sprecher. Diese würden nun schrittweise überprüft. Wappler gilt nicht als gemeingefährlich. Nach Angaben der Hamburger Justizbehörde wurde er wegen Urkundenfälschung und Betrugs zu sechs Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Am 25. Oktober, also eine Woche nach seiner Flucht, wäre die Haftstrafe verbüßt gewesen.

Insgesamt saß Wappler 17 Jahre seines Lebens in "Santa Fu" - wegen diverser Betrugsdelikte. Zuletzt war er im Jahr 2000 freigelassen worden. Er gründete daraufhin eine Modelagentur an der Elbchaussee, arbeitete als Boxpromoter, wollte allen zeigen, wie gut es ihm ging. Wappler prahlte mit seiner Brillanten-Rolex, fuhr teure Autos und trug bündelweise Bargeld mit sich herum. Wenig später nannte man ihn "Milliarden-Mike".

"Er ist zwar ein Edel-Betrüger, aber er hat doch viele Freunde draußen", sagte ein Mithäftling SPIEGEL ONLINE. Wenn es ihm gelänge, seine Prunksucht im Zaum zu halten, werde er nur schwer aufzuspüren sein. "Der ist schlau." Am Tag seiner Flucht sei Mike morgens etwas unruhig gewesen, weil sich der Gefangenentransport verspätet habe. "Aber er hat uns gesagt: 'Die Familie hat den Grill schon angeschmissen.' Da haben wir uns nichts weiter gedacht."

Beate P. sorgt sich nun um ihren Halbbruder, der schwer erkrankt sein soll. Auch sie wisse nicht, wo Mike sich aufhalte. "Wahrscheinlich werde ich ihn sehr lange nicht sehen können", sagt sie. "Aber ich freue mich auch wahnsinnig für ihn: Jetzt kann er sich endlich einen guten Arzt suchen."



insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
syracusa 18.10.2010
1. einen Titel für den Beitrag
Zitat von sysop"Milliarden-Mike" ist untergetaucht, die Polizei fahndet mit Hochdruck nach dem Betrüger. Doch wie konnte der Hamburger Häftling seinen Aufpassern überhaupt entkommen? Behörden und Augenzeugen widersprechen sich. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,723785,00.html
Was ich nicht kapiere: der entbüxte Häftling wurde wegen Betrugs zu Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Wieso kann denn jemand, der nicht-gewalttätige Straftaten begangen hat, zu Sicherheitsverwahrung verurteilt werden? Haben wir in Deutschland etwa auch schon sowas wie das 3-Strikes-Law in vielen US-Bundesstaaten (http://de.wikipedia.org/wiki/Three_strikes)?
mailverwertung 18.10.2010
2. Sicherheitsverwahrung
Zitat von syracusaWas ich nicht kapiere: der entbüxte Häftling wurde wegen Betrugs zu Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Wieso kann denn jemand, der nicht-gewalttätige Straftaten begangen hat, zu Sicherheitsverwahrung verurteilt werden? Haben wir in Deutschland etwa auch schon sowas wie das 3-Strikes-Law in vielen US-Bundesstaaten (http://de.wikipedia.org/wiki/Three_strikes)?
Genau diese Frage hatte ich mir gestern auch gestellt, nur im Google habe ich Nichts gefunden ... ausser ein paar Berichten was das für ein witziges Kerlchen ist :-) Sicherheitsverwahrung für Betrug ... das stinkt doch schon !
donbilbo 18.10.2010
3. Herrlich
Berufsverbrecher bekommen also Freigang für Familienfeiern und können dann auch noch fliehen, weil sich die Justizvollzugsbeamten fröhlich plaudernd am gedeckten Tisch bedienen.
distributer 18.10.2010
4. Sehr interessant...
Zitat von syracusaWas ich nicht kapiere: der entbüxte Häftling wurde wegen Betrugs zu Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Wieso kann denn jemand, der nicht-gewalttätige Straftaten begangen hat, zu Sicherheitsverwahrung verurteilt werden? Haben wir in Deutschland etwa auch schon sowas wie das 3-Strikes-Law in vielen US-Bundesstaaten (http://de.wikipedia.org/wiki/Three_strikes)?
Ich habs nochmal herausgesucht, weil der Link nicht geht. http://en.wikipedia.org/wiki/Three_strikes_law Demanch wurden schon Leute fuer "shop lifting" (Ladendiebstahl) zu 25 Jahren Haft verurteilt. Das findet man unten bei "Controversial results". Das gleiche gibt es auch schon in den UK, allerdings straeuben sich die Richter das durchzusetzen: http://www.independent.co.uk/news/uk/crime/judges-reluctant-to-use-three-strikes-law-figures-show-577948.html p.s. ich bin auch schon bei einem Strike in UK fuer das Pinkeln in der Oeffentlichkeit (Hecke). ;)
WolArn 18.10.2010
5. Sicherheitsverwahrung
Fand ich auch etwas seltsam, aber auch weil darüber keine genauen Details berichtet wurden, warum usw. Aber wo er doch schon so oft wegen Betrugs im Gefängnis gesessen hat, und man deshalb von vorne herein damit rechnen muß, daß er gar nichts anderes im Sinn hat, als nach der Haft weiterhin zu betrügen, gibt es anscheinend gar keine andere Alternative mehr, als eine anschließende Sicherheitsverwahrung. Irgendwie müßen ja die Bürger bzw. die nächsten Opfer vor diesem Unverbesserlichen geschützt werden. Und irgenwie finde ich seine Einstellung und seine Prunk-Sucht krankhaft, also sollte er solange in Sicherheit behandelt werden, bis er irgendwann einsichtig wird und wieder gesund wird.
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