Afghanin aus Berlin Es klingt, als wurde sie dreimal ermordet

Yousuf und Mahdi H. sollen ihre Schwester umgebracht haben, weil sie nach ihren eigenen Vorstellungen lebte. Vor Gericht mit den schrecklichen Details der Tat konfrontiert, können die Angeklagten es kaum ertragen.
Von Wiebke Ramm
Angeklagter vor Gericht (hier im März 2022): Er will nicht hinsehen, hin und wieder tut er es doch

Angeklagter vor Gericht (hier im März 2022): Er will nicht hinsehen, hin und wieder tut er es doch

Foto: Olaf Wagner / IMAGO

Yousuf H. schaut gebannt zur Leinwand. Der 27-Jährige sitzt auf der vorderen Kante seines Stuhles, sein Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt, seine ganze Aufmerksamkeit ist auf die Fotos gerichtet, die im Gerichtssaal auf der Leinwand zu sehen sind. Es beginnt idyllisch. Die ersten Bilder zeigen einen Feldweg in der Nähe des bayerischen Dorfes Holzkirchen. Der Weg führt an Bäumen und Sträuchern entlang. Die Sonne scheint. Am Himmel sind einzelne Wolken zu sehen. Es ist der 5. August 2021 gegen 18 Uhr. Beamte der Spurensicherung sind an jenem Abend auf der Suche nach dem Leichnam von Yousuf H.s Schwester Maryam. Die Beamten haben ihr Vorgehen Schritt für Schritt fotografisch festgehalten. Die 22. Große Strafkammer zeigt die Fotos an diesem Freitag im Saal 500 des Landgerichts Berlin. Es ist eine Leichensuche in 75 Bildern.

Yousuf H. und sein Bruder Mahdi H., 23, müssen sich seit März wegen Mordes vor Gericht verantworten. Laut Anklage sollen sie ihre Schwester im Juli 2021 in Berlin getötet haben, weil die 34-Jährige eigene Entscheidungen für ihr Leben traf. Maryam H., ihre beiden Kinder und ihre Brüder waren aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Noch in Afghanistan war Maryam H. zwangsverheiratet worden, in Deutschland ließ sie sich von ihrem gewalttätigen Ehemann scheiden. Ihr Sohn sagt, nach der Trennung hätten ihre Brüder permanent versucht, seine Mutter zu kontrollieren. Der 13-Jährige sprach in seiner Vernehmung von Jahren der Gewalt, der Demütigung, der Angst. Dass seine Mutter einen neuen Freund hatte, hätten seine Onkel nicht wissen dürfen – doch möglicherweise wussten sie es längst.

Am 13. Juli 2021 verabschiedete sich Maryam H. morgens von ihren Kindern. Sie sahen ihre Mutter nie wieder. Ihr Freund meldete sie wenig später bei der Polizei als vermisst. Überwachungsvideos zeigen die Brüder H., wie sie am selben Abend am Berliner Bahnhof Südkreuz mit einem schweren schwarzen Rollkoffer in einen ICE in Richtung München steigen. Mahdi H. lebte bis zu seiner Verhaftung in Berlin, Yousuf H. im bayerischen Donauwörth. Der Verdacht der Ermittlerinnen und Ermittler: Im Koffer lag die Leiche von Maryam H.

Die Berliner Polizisten folgten der Spur des Koffers bis nach Bayern und verständigten die zuständige Spurensicherung der Polizei Ingolstadt. An diesem Freitag berichtet einer der bayerischen Beamten anhand von Fotos, wie sie sich damals vorsichtig der Stelle näherten, wo sie Maryam H.s Leichnam vermuteten. Die Fotos zeigen einen unbefestigten Weg, der einen kleinen Hang hinaufführt, ein Trampelpfad geht durchs Dickicht, dahinter ist eine kleine Lichtung zu sehen. Der Boden ist bewachsen. Nur eine Stelle ist kahl. Jemand hat einzelne Grasbüschel auf dem Erdreich drapiert und einen Ast mit Blättern darübergelegt. Es ist das Grab von Maryam H.

Sein Blick wird starr

Die Polizisten begannen zu graben. Die Kammer hört nicht auf, die entsprechenden Fotos im Gerichtssaal zu zeigen. Auf der Anklagebank wird Yousuf H. unruhig. Mit der rechten Hand beginnt er, seine rechte Schläfe zu massieren. Der Polizist aus Ingolstadt sagt, sie hätten zunächst nicht zu deuten gewusst, was da zum Vorschein kam. Sie rechneten mit einem Koffer, stattdessen legten sie erst eine Schulter, dann den ganzen Ober- und Unterkörper frei. Auf der Anklagebank hält sich Yousuf H. die Augen zu. Der Polizist spricht von Fingern, die aus dem Erdreich gucken. Mahdi H.s Blick wird starr, auf seiner Stirn bilden sich Falten, er scheint den Blick nicht abwenden zu können. Als weitere Fotos vom Fundort zu sehen sind, schaut er weg und lupft seine FFP2-Maske, um besser Luft zu bekommen.

Elisabeth Mützel, Professorin am Institut für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat die Obduktion des Leichnams geleitet. Die Kammer zeigt auch diese Fotos auf der Leinwand.

Maryam H.s Kopf war mehrfach mit Klebeband umwickelt. Am Hals ist unter dem Klebeband ein schwarzes Tuch zu sehen, vorne am Hals eng verknotet. Yousuf H. schaut schon längst nicht mehr zur Leinwand. Sein Bruder Mahdi kämpft mit sich. Auch er will nicht hinsehen, hin und wieder tut er es doch. Die Rechtsmedizinerin spricht weiter, nun von einem 16 Zentimeter breiten und »sehr tiefen« Halsschnitt.

Auch der Dolmetscher bittet um eine Pause

Es ist der Moment, als Madhi H. es nicht mehr erträgt. Immer tiefer sackt er auf seinem Stuhl zusammen. Sein Bruder Yousuf informiert seinen Anwalt, dass es Mahdi H. nicht gut geht. Die Kammer unterbricht die Verhandlung, ein Sanitäter wird gerufen. Kurz darauf gerät der Dolmetscher an seine Grenzen. Er übersetzt die Ausführungen der Rechtsmedizinerin für die Angeklagten in Farsi, dabei haben Yousuf und Mahdi H. ihre Kopfhörer längst abgelegt. Nun bittet auch der Dolmetscher das Gericht um eine Pause.

Wie wurde Maryam H. getötet? Nach Professorin Mützel kommen drei Tötungsarten in Betracht. Klebeband um Mund und Hals führt innerhalb von Minuten zum Erstickungstod; der Halsschnitt verursacht einen tödlichen Blutverlust oder eine tödliche Luftembolie, also ein Eindringen von Luft in die Blutbahn; und dann gibt es noch deutliche Hinweise darauf, dass Maryam H. erdrosselt wurde, mutmaßlich mit dem Tuch um ihren Hals, auch ein solcher Tod dauert mehrere Minuten. Die Gutachterin hält es für wahrscheinlich, dass die Frau erst erdrosselt, ihr Kopf dann bis knapp unter die Augen mit Klebeband umwickelt und ihr schließlich – während sie starb oder bereits tot war – der Hals aufgeschnitten wurde. Es klingt, als wurde Maryam H. gleich dreimal ermordet.

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