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Rudolf Rupp: Der rätselhafte Tod des Landwirts

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Getöteter Bauer "Man brauchte Geständnisse"

Im zweiten Prozess um den vermeintlich zerstückelten Bauern Rudolf Rupp bleibt der Staatsanwalt dabei: Die Familie hat den Landwirt getötet. Die Verteidigung forderte hingegen Freisprüche. Die Theorie, dass die Angehörigen den 52-Jährigen den Hunden zum Fraß vorwarfen, stamme von den Ermittlern.

War das nun überraschend, dass Staatsanwalt Ralph Reiter wieder eine Verurteilung gefordert hat - wenn auch nur für zwei der Angeklagten? Nein, es war keine Überraschung. Leider nicht.

Wer den Prozess im Fall des angeblich von seinen Angehörigen umgebrachten, zerstückelten und den Hunden zum Fraß vorgeworfenen Bauern Rudolf Rupp vor dem Landgericht Landshut verfolgt hat, musste damit rechnen.

Nicht, weil es jetzt, zehn Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden des Bauern, irgendwelche neuen Beweise für die Täterschaft der Angeklagten gibt, im Gegenteil. Nicht, dass man nun genauer wüsste, was sich in jener Oktobernacht 2001 zugetragen hat, nachdem sich der Bauer nach acht Gläsern Weißbier in seinen Mercedes setzte und, nicht ohne Blumenkübel anzurempeln, davonfuhr. Man weiß noch immer nichts.

Im Gegensatz zum Landgericht Ingolstadt, das die Ehefrau des Bauern, seine beiden Töchter und den Freund der älteren 2005 zu Freiheitsstrafen zwischen achteinhalb und zweieinhalb Jahren wegen Totschlags und durch Unterlassen begangene Beihilfe dazu verurteilt hatte, wissen die Landshuter Richter heute zwar, dass Rupp nicht mit einem Hammer erschlagen, zerstückelt und den Hunden zum Fraß vorgeworfen sein kann - weil nämlich das Auto samt zum Teil skelettierter Leiche 2009 aus der Donau gezogen worden war und sich keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung an Knochen und Torso fanden.

Schlimmer als im Fall Rupp geht es nicht

Doch die bayerische Justiz wäre nicht so, wie sie ist, hätte sie sich nicht allen Anstrengungen der neuen Verteidiger erst einmal geschlossen widersetzt. Der neuen Lage Rechnung zu tragen und den Angeklagten in einem Wiederaufnahmeprozess mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen als in Ingolstadt? Nein, abgelehnt.

Man muss schon das Können und das Durchhaltevermögen einer Verteidigerin wie Regina Rick aus München besitzen und den Mut, dem etablierten System des Rechthabens und Zusammenhaltens immer wieder die Stirn zu bieten, um ein neues Verfahren durchzusetzen. Selbst wenn es um einen GAU, einen "worst case" der Justiz, geht wie hier. Denn schlimmer als im Fall Rupp kann es kaum kommen.

Staatsanwalt Reiter warf am Donnerstag in seinem Schlussvortrag der Verteidigung vor, sie habe es sich zu einfach gemacht mit der Behauptung, die in immer neuen Versionen vorgebrachten und voneinander abweichenden und widerrufenen Geständnisse der Angeklagten seien durch Druck der Ermittlungsbeamten entstanden. Gleichzeitig musste er zugeben: "Wir haben nur wenige Beweistatsachen. Man muss sich also einen Reim aus dem Prozess-Stoff machen."

Folglich reimte Reiter ein Tatmotiv zusammen: Die Ehe der Rupps war zerrüttet, man lebte vom Verkauf des Grundbesitzes, dem sich der Bauer immer wieder entgegenstellte. Mit dem Freund der Tochter war er überdies nicht einverstanden. Also kamen die Ehefrau und der junge Mann überein: Der Rudi muss weg.

"Eine Familie, wo man sich täglich den Tod an den Hals wünschte"

Und an jenem Abend, als Rupp wieder einmal betrunken heimkam, setzte man spontan um, was man schon länger vorhatte. Man schubste Rupp die Treppe hinunter, schlug ihm mit einer Latte gegen den Hals, schaffte den jetzt Toten irgendwie ins Auto und verbrachte dieses irgendwie in die Donau. Anschließend kam man überein, welche in die Irre führenden Geschichten man der Polizei erzählen, wie man lügen und vertuschen werde, falls eines Tages die Kripo vor der Tür stehen sollte.

Fazit: Frau Rupp und der Freund der älteren Tochter haben sich des gemeinschaftlichen Totschlags schuldig gemacht. Ob die Töchter von einem ernsthaften Tatplan gewusst haben, sei fraglich "in so einer Familie, wo man sich täglich den Tod an den Hals wünschte". Also Freispruch für die eine Tochter; das Verfahren gegen die andere war wegen Schwangerschaft abgetrennt worden. Auch sie darf wohl auf Freispruch hoffen.

Dreh- und Angelpunkt der staatsanwaltlichen Argumentation, besser Spekulation, ist, dass Bauer Rupp an jenem Abend nach Hause kam. Staatsanwalt Reiter ist davon "überzeugt". Er hält nur eine Heimkehr für "vernünftig". Warum eigentlich? Weil nur diese Version zu einer Verurteilung führen kann?

Es gibt dafür keinen einzigen Beweis, außer man verlässt sich auf das, was die Angeklagten in vielen voneinander abweichenden Varianten nach stundenlangen sogenannten informellen Vorgesprächen schließlich ausgesagt - und widerrufen hatten.

Die Kripo hatte den Angeklagten kurz nach der Festnahme einen seitenlangen Fragenkatalog vorgelegt, in dem sich all jene Details fanden, die später in den sogenannten Geständnissen auftauchen. Gibt es so viel Zufall? Kaum zu glauben.

"Hat er auf den Papa eingeschlagen?"

Es ist der akribischen Arbeit der Verteidigung zu danken, dass die Entstehungsgeschichten der zum Teil höchst abstrusen Aussagen der Angeklagten in der Landshuter Hauptverhandlung nachvollzogen werden konnten. Dem Vorsitzenden Theo Ziegler gebührt Respekt, dass er dies zuließ. Das ist nicht selbstverständlich, schon gar nicht in einem solchen Fall, in dem es um die Ehre der bayerischen Justiz geht.

In ähnlichen Fällen dieses Kalibers wird ein in Aussagepsychologie versierter Gutachter hinzugezogen, um zu analysieren, wie vor allem intellektuell einfach ausgestattete oder jugendliche Personen in Geständnisse hineingetrieben werden können, verbunden mit Drohungen und Versprechungen, deren Konsequenzen sie nicht mehr übersehen.

Auf die Idee, sich solchen Sachverstands zu bedienen, statt sich nur darüber zu erregen, wie viel "Mist" die Beschuldigten erzählten, kam man nicht. Unter welchen Umständen es zu falschen Geständnissen kommt und wie man dieser Gefahr vorbeugt, schienen die Ermittler, die in Landshut als Zeugen mehr oder minder bereitwillig aussagten, nicht zu wissen. Da ist wohl Fortbildungsbedarf angezeigt. Die These, dass man doch keine Straftat zugebe, die man nicht begangen habe, ist denn doch zu billig.

Wie kam es zu den Geständnissen?

Verteidigerin Rick machte in ihrem Schlussvortrag das Gericht darauf aufmerksam, dass ein Jahr nach dem Verschwinden des Bauern noch keinerlei Tatverdacht gegen die Angeklagten bestand. Erst als der Leiter der Ermittlungsgruppe, die den Fall klären sollte, Oberstaatsanwalt Christian Veh, auf die Idee kam, der Bauer müsse heimgekommen sein, alles andere sei völlig abwegig, gerieten die Angeklagten ins Visier der Kripo. Wenn Rupp heimkam, dann muss dort etwas passiert sein, so die nächste Überlegung. Nächster Schritt: die Angehörigen in die Zange nehmen.

Da wird dann einer Halbwüchsigen gesagt: "Du bist mit deinem Freund nicht verwandt. Es passiert dir also nichts, wenn du sagst, was er getan hat. Was hat er denn getan? Hat er auf den Papa eingeschlagen?" Und wenn sie dann Unsinniges aussagt, heißt es: "So kann das aber nicht gewesen sein!"

Auch von einem angeblichen Sturzgeschehen im Treppenhaus, von dem die Staatsanwaltschaft überzeugt ist, sprachen die Angeklagten erst, nachdem die Kripobeamten ihnen entsprechende Fragen gestellt - und, laut Verteidigung, zwar falsche, dafür aber um so detailliertere - Vorhalte gemacht hatten. "Man hatte nichts", sagte Frau Rick, "also brauchte man Geständnisse!"

Der gravierendste Fehler bei der Suche nach der Wahrheit, so Verteidiger Klaus Wittmann, sei gewesen, "dass sie mit der Unwahrheit begann". Seiner Überzeugung nach sei dieses "ganze Horrorszenario" der Anklage - Inzest, Mord, Zerstückeln, Hundefraß - schon in den Köpfen der Ermittler gewesen, als sie sich Jahre nach des Bauern Verschwinden mit der Familie Rupp näher befassten.

"Sie haben ihr Leben zerstört!"

"Vielleicht kam der Bauer tatsächlich heim und ging wieder, als er von seiner Frau beschimpft wurde", sagte Wittmann. Dafür gebe es genau so viele Anhaltspunkte wie für das Heimkommen mit Treppensturz - nämlich überhaupt keinen.

Für die Verteidigung spiele es keine Rolle, ob Rupp vielleicht Selbstmord begangen hat oder nur unglücklicherweise in die Donau rollte. "Die Angeklagten haben nicht ihre Unschuld zu beweisen. Sondern Sie, Herr Staatsanwalt, müssen ihnen die Schuld nachweisen! Sie haben die Leute schon einmal hinter Gitter gebracht. Sie haben ihr Leben zerstört! Ich hatte eigentlich gehofft, dass man einmal zur Einsicht kommt und Fehler zugibt. Mit Ihrem Strafantrag haben Sie Ihrer Institution jedenfalls keinen Gefallen getan."

Die Verteidigung beantragte für alle Angeklagten Freispruch und die volle Entschädigung für zum Teil mehr als 2000 Tage Haft.

Das Gericht wird sein Urteil am Freitag verkünden.

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