Gewalt gegen Rettungskräfte "Blut ins Gesicht gespuckt"

Ein neues Gesetz soll Angriffe auf Rettungskräfte strenger bestrafen. Was erleben die Helfer im Alltag? Ein Notfallsanitäter aus Hamburg berichtet.

Rettungswagen (Symbolbild)
DPA

Rettungswagen (Symbolbild)

Von Tanja Karrasch und


Eine Frau in Oberbayern macht sich Sorgen um ihren Sohn und ruft den Notruf, doch der junge Mann will nicht behandelt werden. Er wirft mit Tellern auf die Rettungsassistenten, mit Besteck und Glasflaschen. Der 27-Jährige lässt sich nicht beruhigen, die Retter verlassen die Wohnung und halten die Tür von außen zu. Da nimmt der Mann einen Besenstil und rammt ihn in die Tür, um die Rettungsassistenten zu verletzen. Am Mittwoch wird er vom Amtsgericht Augsburg wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung schuldig gesprochen - im Zusammenspiel mit einer anderen Verurteilung muss er für ein Jahr und zwei Monate ins Gefängnis.

Am Wochenende ruft ein Mann in Erfurt den Notarzt, weil es seiner Mutter schlecht geht. Der Mediziner kann nur noch den Tod der Frau feststellen. Da verliert der Sohn die Beherrschung und greift ein Messer. Die Rettungskräfte fühlen sich bedroht und ziehen sich zurück. Die Polizei stoppt den aufgebrachten Mann wenig später im Auto.

Zwei ganz unterschiedliche Fälle, die jedoch eines gemeinsam zeigen: Der Job als Retter kann gefährlich werden. Betrunkene, Verletzte, Menschen in Ausnahmesituationen - Rettungskräfte haben es oft mit aufgewühlten, schwer einzuschätzenden Personen zu tun.

Am Mittwoch hat das Bundeskabinett einem Gesetzesentwurf von Justizminister Heiko Maas (SPD) zugestimmt: Angriffe auf Polizisten sollen strenger bestraft werden. Maas zeigte sich empört über die hohen Fallzahlen: "Polizisten werden alltäglich brutal attackiert. Das ist völlig inakzeptabel", sagte der Minister. Doch der Gesetzesentwurf gilt ebenso für die Hilfskräfte der Rettungsdienste, der Feuerwehr und des Katastrophenschutzes. "Ein Angriff auf sie ist zugleich ein Angriff auf die öffentliche Sicherheit", heißt es in dem Entwurf.

Die Frage ist nur: Führt die Androhung härterer Strafen zu mehr Sicherheit für die Einsatzkräfte? Und was lässt sich sonst tun, um auf den anscheinend sinkenden Respekt ihnen gegenüber zu reagieren?

"Ich merkte sein Blut in meinen Augen"

Auch der Hamburger Feuerwehrmann Philipp Baumann musste körperliche Gewalt bereits am eigenen Leib erfahren. Mit einem mulmigen Gefühl rücke er vor allem nachts zu Einsätzen aus, wenn die Stichworte "hilflose Person", "Alkohol- und Drogeneinfluss" sowie "psychische Ausnahmesituation" fallen.

Einmal habe ein Verletzter ihm und zwei Polizisten "Blut ins Gesicht gespuckt". Es handelte sich um einen Patienten mit einer Messerstichverletzung, so Baumann, er habe ihn eigentlich als Opfer wahrgenommen. Der unter Alkohol- und Drogeneinfluss stehende Patient habe sich zuerst behandeln lassen, sei dann aber aggressiver geworden und habe gespuckt. "Ich merkte sein Blut auf einmal in meinen Augen und im Mund." Nach dem Einsatz ließ sich Baumann im Krankenhaus zur Sicherheit durchchecken.

Baumann konstatiert eine "Verrohung der Gesellschaft" und zunehmende Respektlosigkeit gegenüber Rettungskräften. Er spricht aus vierzehn Jahren Berufserfahrung, er ließ sich erst zum Rettungsassistenten ausbilden, studierte dann "Management der Gefahrenabwehr" und besuchte einen Ergänzungslehrgang zum Notfallsanitäter. Dem Thema Angriffe auf Rettungskräfte widmete er sogar seine Bachelorarbeit.

Heute wechseln Baumanns Schichten wöchentlich: Ist er auf dem Löschzug unterwegs, rückt er innerhalb von 24 Stunden sechs- bis achtmal aus. In einer Rettungsdienstschicht können es sogar bis zu vierzehn Einsätze sein. Ein strapaziöses Programm. Wie lässt sich verhindern, dass die Belastungen durch Angriffe noch größer werden?

Philipp Baumann
Philipp Baumann

Philipp Baumann

Baumann fordert flächendeckende Deeskalationskurse an allen Rettungsdienstschulen. "Das Thema Gewalt hat in meiner damaligen Ausbildung zum Notfallsanitäter keine Rolle gespielt", bemängelt er. Erst seit 2014 gibt es verpflichtende Ausbildungsinhalte zur Deeskalation. Diese sind aber laut Bundesgesundheitsministerium nur in der Ausbildung zum Notfallsanitäter bundesweit gesetzlich vorgeschrieben.

Die Gestaltung der dreimonatigen Ausbildung zum Rettungssanitäter hingegen ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. "In Hamburg sind zweitägige Deeskalationsschulungen Pflichtbestandteil der Grundausbildung", erklärt Werner Nölken, Pressesprecher der Feuerwehr Hamburg. Rettungs- und Notfallsanitäter werden in der Erkennung potenzieller Aggressionssituationen geschult. Das Training beinhaltet Methoden zur Stressbewältigung, zur Reflexion der eigenen Körperhaltung, Gestik und Mimik sowie zur Verbesserung von Kommunikationstechniken.

"Wenn jemand aggressiv wird, denkt er nicht über die Folgen nach"

Die Kriminologin Lara Dressler hat zur Gewalt gegen Rettungskräfte geforscht. In ihrer Doktorarbeit stellte sie fest, dass erheblicher Ausbildungsbedarf und der Wunsch nach zusätzlichen Schulungen besteht. Die Gewaltbelastung für Rettungskräfte sei noch stärker als angenommen, denn häufig würden strafrechtlich relevante Fälle gar nicht erst zur Anzeige gebracht.

Den Gesetzesentwurf von Justizminister Maas hält Dressler für sinnvoll. "Es ist ein gutes politisches Symbol, entscheidend ist aber die Anwendung", sagt sie. Auf Täter werde der Entwurf wenig Eindruck machen, so Dressler. Denn oftmals handele es sich um Affekthandlungen, die Konsequenzen der eigenen Tat würden nicht beachtet.

Baumann sieht das ähnlich. "Das wird keine Auswirkung haben", sagt er über das neue Gesetz. "Wenn jemand aggressiv wird, denkt er nicht über die Folgen seines Handelns nach."

Mit Material von Reuters



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