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Gewaltexzess in der Türkei Polizisten verprügeln Mutter

Die Bilder der Überwachungskamera verstören: Drei Polizisten quälen eine junge Frau auf dem Revier mit Schlägen und Tritten. Die vom Staatsanwalt gedeckte Tat hat in der Türkei jetzt eine Debatte über Polizeiwillkür ausgelöst - denn derart brutale Übergriffe sind keine Seltenheit.
Von Jürgen Gottschlich

Die Frau wird gestoßen, geschubst, sie taumelt, fällt auf den Boden, doch die drei Männer lassen nicht von ihr ab. Sie halten ihr Gesicht mit der linken Hand fest - um mit der rechten umso fester und gezielter zuschlagen zu können. Die Szene spielt sich ab auf einer Polizeistation in Izmir, im Hintergrund sind Schreibtische zu sehen und Computer.

Mehrere Minuten lang ist die Sequenz, aufgezeichnet von einer Überwachungskamera. Tatsächlich wird Fevziye Cengiz noch deutlich länger von den Beamten malträtiert. Die Online-Ausgabe der türkischen Tageszeitung "Vatan" veröffentlichte das Video zusammen mit einem ausführlichen Bericht.

Was der Artikel allein wohl nicht vermocht hätte, bewirkte der Film: Die Menschen waren zunächst geschockt, dann empört über die unsagbare Brutalität, mit der die Polizisten immer wieder auf die wehrlose Frau einschlagen, minutenlang.

Andere Medien griffen den Fall auf, die Behörden gerieten zunehmend unter Druck. Schnell stellte sich heraus, dass auch die Justiz nicht viel besser gehandelt hatte als die Polizei.

Die Wellen der Empörung schlugen so hoch, dass sich am Ende der höchste staatliche Vertreter der Provinz Izmir, Gouverneur Mustafa Cahit Kirac, zu einer Stellungnahme genötigt sah. "Das Video ist der reine Horror. Ich entschuldige mich bei Fevziye Cengiz für das Vorgehen der Polizei".

Die Frau liegt auf dem Boden, die Polizisten prügeln weiter

Fevziye Cengiz ist 37 Jahre alt, verheiratet und hat eine Tochter. Im Juli dieses Jahres besuchte die ganze Familie zusammen mit anderen Verwandten eine Musikhalle in einem Vorort von Izmir.

Plötzlich erschien die Polizei, um die Personalien aller Besucher zu überprüfen. Nachdem Murat Cengiz, der Ehemann von Fevziye, seinen Personalausweis vorgezeigt hatte, ging er zum Auto, um auch den Ausweis seiner Frau zu holen. Die Polizisten hielten das offenbar für ein Ablenkungsmanöver, begannen die Frau zu schlagen und zerrten sie in einen wartenden Polizeiwagen. "Erst auf dem Weg zur Wache und dann in der Polizeistation wurde ich ständig geschlagen und sexuell bedrängt", gab Fevziye Cengiz später zu Protokoll.

Offenbar hielten die Polizisten Fevziye Cengiz fälschlicherweise für eine Prostituierte, und offenbar wähnten sie sich dadurch im Recht. Die Beamten nahmen die Frau in Gewahrsam. Erst als ihre Familie protestierte, wurde Fevziye Cengiz freigelassen. Sie zeigte die Polizisten an.

Prompt stellten die beteiligten Polizisten ihrerseits eine Strafanzeige gegen sie - wegen aktivem Widerstand gegen die Staatsgewalt. Die Beamten behaupteten, sie seien von der Frau ebenfalls angegriffen worden.

Videomaterial verschwindet angeblich

Die Staatsanwaltschaft kannte das Video. Dennoch bereitete sie zwei Anklagen vor: eine gegen die drei Polizisten, angedrohtes Strafmaß zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren Haft. Und eine gegen Fevziye Cengiz, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt: angedrohtes Strafmaß zwischen zweieinhalb und sechseinhalb Jahren Haft.

Das Schicksal von Fevziye Cengiz ist bei weitem kein Einzelfall. "Wir beobachten seit 2005 einen kontinuierlichen Anstieg von Beschwerden über schwere Polizeigewalt", sagte Metin Bakkalci vom Menschenrechtsverein IHD der Zeitung "Vatan".

Dass das Video über die Prügel-Polizisten überhaupt zur Staatsanwaltschaft gelangte, sei ein Glücksfall, so Bakkalci. Zwar würden mittlerweile alle Polizeistationen landesweit videoüberwacht, doch in 80 Prozent aller Fälle, in denen es zu Beschwerden und Anzeigen wegen Polizeigewalt kommt, sei das Videomaterial angeblich unauffindbar.

Zafer Üskül, der frühere Vorsitzende der Menschrechtskommission des Parlaments, bestätigte gegenüber "Hürriyet Daily News" diese Entwicklung und machte dafür vor allem die Justiz verantwortlich. "Nur wenige Fälle von Polizeigewalt werden überhaupt staatsanwaltlich untersucht und noch weniger davon zur Anklage gebracht", sagte Üskül. "Und von den wenigen Polizisten, die angeklagt werden, werden dann nur zwei Prozent verurteilt".

Nachdem sich der Gouverneur bei Fevziye Cengiz entschuldigt hatte, wurden die drei Polizisten vom Dienst suspendiert. Der Prozess gegen sie soll am 15. Februar 2012 beginnen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.