Urteil im Mordfall Johanna Lebenslang für einen Verlierer

Das Landgericht Gießen hat den mutmaßlichen Mörder der acht Jahre alten Johanna Bohnacker zur höchstmöglichen Strafe verurteilt. Die Begründung der Kammer glich einer Abrechnung.

Peter Jülich/ DER SPIEGEL

Von , Gießen


Der Verlierer hält sein Haupt gesenkt. Der Verlierer, der Herr über Leben und Tod gespielt hat. Als einen solchen hatte Johannas Mutter den Mann bezeichnet, der am 2. September 1999 im hessischen Ranstadt ihre Tochter, damals acht Jahre alt, vom Rad zerrte, betäubte, in sein Auto steckte, womöglich missbrauchte und tötete.

Ein Verbrechen, das die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Gießen als Mord wertet, als besonders verwerfliches Verbrechen, das das Vorstellungsvermögen vieler "bei Weitem überschreiten dürfte", wie es die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze formuliert.

Die Kammer verurteilt Rick J. wegen Mordes und versuchter sexueller Nötigung sowie wegen des Besitzes von kinder- und jugendpornografischen Schriften zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Zudem stellt sie die besondere Schwere der Schuld fest. Der 42-Jährige wird demnach nur im Ausnahmefall vorzeitig freikommen.

Narzissmus, Hedonismus, Egozentrismus

Die Urteilsverkündung durchbricht um 11.03 Uhr das angespannte Schweigen in Saal 207, kein Sitzplatz ist frei geblieben, an der Fensterfront stehen Zuhörer. Johannas Mutter, Gabriele Bohnacker, legt ihre Hände vor sich auf den Tisch. Sie wirkt erleichtert.

Die Richterin will in der Urteilsbegründung auf "reißerische und schlagzeilenträchtige Elemente" verzichten, wie sie ankündigt. Es gelingt ihr nicht. Und das liegt nicht nur an den Charaktereigenschaften, die demzufolge das Wesen des Täters prägen: an Dissozialität, Narzissmus, Hedonismus, Egozentrismus, Empathiemangel und Dominanzstreben.

Es liegt dem Urteil zufolge auch an den Tatumständen: Denn das Grauenhafte geschah nicht in tiefer Dunkelheit, an einem entlegenen Ort. Es geschah am helllichten Nachmittag, bei schönstem Sonnenschein, an einem belebten Ort, als Rick J. über Johanna herfiel, die sich keiner Gefahr bewusst war. Johanna war das Zufallsopfer eines Mannes, der ein Mädchen suchte, irgendein Mädchen. Ein Mädchen, an dem er seine ausgeprägte sexuelle Abnormität ausleben wollte.

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Entführtes und getötetes Kind: Der Fall Johanna

Eine Urteilsbegründung ohne grenzenloses Entsetzen gelingt auch deshalb nicht, weil Rick J. den Kopf Johannas mit 15 Meter Klebeband 29-mal umwickelte - ihre Augen, ihre Nase, ihren Mund.

18 Jahre, drei Monate, drei Wochen und zwei Tage habe es gedauert, bis man Rick J. nach der Tat festnahm, sagt die Richterin. Seither habe er "sehr viel erzählt und umfangreiche Angaben gemacht", bei der Polizei, vor Gericht und gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen. "Die Wahrheit hat er uns nicht gesagt", konstatiert Regine Enders-Kunze.

Stattdessen habe Rick J. seine Aussagen geändert und angepasst, sobald sie mit den Ermittlungsergebnissen nicht mehr übereinstimmten. Sein Ziel: Johannas Tod als "ungewollt und versehentlich" darzustellen.

Die Richterin spricht von "bloßen Schutzbehauptungen", die in 20 Verhandlungstagen widerlegt worden seien, von "Lügen" und "lebensfremden" Schilderungen. Fakt sei aus Sicht der Kammer, dass Johanna durch die 15 Meter Klebeband um ihren Kopf erstickte, weil sich Rick J. seinem Fetisch für Fesselungen hingab.

Ansporn für die Ermittler

Für das Gericht gibt es nur zwei Möglichkeiten, warum Johanna sterben musste: Rick J. entkleidete die Achtjährige an einem abgelegenen Ort, verklebte sie zu seiner sexuellen Befriedigung und nahm in Kauf, dass sie dabei zu Tode kommt. Oder aber er verging sich an ihr und fasste den Entschluss, sie mit dem Klebeband anschließend zu töten, um die begangene Straftat zu verdecken.

Rick J. habe daher einen Mord begangen: entweder zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs oder in Verdeckungsabsicht. "Wenn man einen Kinderkopf mit 15 Meter Klebeband 29-mal umwickelt", sagt Enders-Kunze, nehme man den Tod des Kindes in Kauf. Sie blickt den Verurteilten nun lange an.

Auch Staatsanwalt Thomas Hauburger schaut immer wieder zu Rick J. Er hatte für den 42-Jährigen die Strafe gefordert, die das Gericht nun verhängt hat. "Das Urteil markiert das vorläufige Ende von extrem aufwendigen, kräftezehrenden Ermittlungen", sagt Hauburger später auf dem Flur des Gerichts. "Das Ende dieses Prozesses sollte Ansporn sein, die Akten alter Verbrechen immer wieder hervorzuholen und Altfälle nie ruhen zu lassen."

Nach der Urteilsverkündung macht Johannas Mutter, Gabriele Bohnacker, das, wozu sie sich bereits am ersten Verhandlungstag durchgerungen hat: Sie stellt sich vor einen Pulk Journalisten und spricht. Sie spricht über die "Riesenlast", die der Prozess nun von ihr genommen habe. "Das Urteil ist so, wie ich es erhofft hatte. Es gibt keine gerechte Strafe, aber die höchstmögliche."

"Das war ich ihr verdammt noch mal schuldig"

Woher hat sie die Kraft genommen, 20 Sitzungstage lang dem Mörder ihres Kindes gegenüber zu sitzen, all die schrecklichen Details der Tat anzuhören? "Ich weiß es nicht", sagt Gabriele Bohnacker. "Ich habe es mir anhören müssen, meine Tochter hat es erleiden müssen. Das war ich ihr verdammt noch mal schuldig."

Sie stellt sich ein letztes Mal der Öffentlichkeit, die zu suchen sie sich in den fast 18 Jahren der Ungewissheit gezwungen sah: Gemeinsam mit Johannas Vater hing sie Plakate auf, trat in Fernsehsendungen auf, schrieb einen offenen Brief an den unbekannten Täter. Verzweifelt suchten sie den Mörder ihres Kindes. Johannas Vater starb im Jahr 2016, bevor die Ermittler Rick J. festnehmen konnten.

In ihrem Plädoyer vor Gericht hatte Gabriele Bohnacker die Hoffnung angedeutet, ein Urteil könne Johannas Schwestern helfen, eines Tages abzuschließen. Ihre Botschaft war eindeutig: Für Eltern besteht diese Hoffnung nicht.

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