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Ungelöster Mordfall Die unbekannte Tote von Gifhorn

An Weihnachten 1994 wurde nahe Gifhorn eine Frau brutal ermordet - bis heute ist unbekannt, wer sie war und wer sie ermordet hat. Einem ehemaligen Kriminalhauptkommissar lässt das keine Ruhe.
Von Florian Frei

Der Feldweg ist gesäumt von knorrigen Bäumen, unscheinbar führt er an Feldern entlang. Jürgen Schmidt, 62, Zwirbelbart, schreitet ihn ab. "Da hat das Auto gehalten", erzählt er als sei es gestern gewesen, als seien die Spurensicherer gerade erst abgezogen. "Hier waren die Blutspuren, und da fanden wir die ausgeschlagenen Zähne des Opfers. Hier die Schleifspuren."

Dann geht er ein paar Schritte, zeigt auf eine Stelle nahe dem Weg: "Und da lag sie, in einem Wasserloch."

Am 2. Weihnachtstag 1994 wurde hier im Osten Niedersachsens, zwischen den Ortschaften Eickhorst und Thune, eine weibliche Leiche gefunden. Ihr Gesicht war zertrümmert.

Jürgen Schmidt war 25 Jahre Leiter der Kripo des Landkreises Gifhorn, seit Oktober ist er pensioniert. Der 1. Kriminalhauptkommissar hat jeden Mord in seinem Zuständigkeitsbereich aufgeklärt. Bis auf einen, bis auf den Mord an jener Frau, der ihn bis heute nicht loslässt.

Niemand meldete sich

Je mehr Ermittler über ein Mordopfer wissen, desto mehr wissen sie über den möglichen Täter. Morde ohne Vorbeziehung sind die Ausnahme. Doch was tun, wenn man nicht weiß, wer das Opfer war?

Alle Versuche, die Tote aus dem Tümpel zu identifizieren, liefen ins Leere: keine Papiere, keine persönlichen Gegenstände, keine besonderen körperlichen Merkmale, die Fingerabdrücke nirgendwo gespeichert. Kein Zeuge hatte etwas gesehen. Die Polizei rekonstruierte das Gesicht der Frau, veröffentlichte einen Aufruf. Niemand meldete sich.

Zwischen 25 und 30 Jahre jung, eins fünfzig groß, asiatischer Herkunft. Der Täter schlug mit einem Gegenstand auf sie ein, der sowohl eine spitze Kante hatte,als auch einen Griff. Wahrscheinlich ein Beil. So verletzte er die Frau derart schwer, dass sie gestorben wäre, hätte er sie auf dem Feldweg zurückgelassen. Er zerrte sie aber mehr als 25 Meter weit und legte sie in dem Tümpel ab. Das Opfer hatte keine Kraft mehr, sich aus dieser Lage zu retten. Die Gerichtsmediziner stellten Ertrinken als Todesursache fest.

Das ist so gut wie alles, was die Polizei weiß. Die Ausführung der Tat deutet auf einen Mann hin, damals vielleicht zwischen 25 und 35 Jahre alt. Schmidt glaubt, dass von dieser Person womöglich noch immer eine Gefahr für andere ausgeht. Der Mord in Gifhorn ist vielleicht nicht die einzige Gewalttat des Mannes.

Über Hintergründe und Motiv wird bis heute spekuliert. Eine Verbindung ins thailändische Rotlichtmilieu können die Ermittler zwar nicht völlig ausschließen. Aber nichts weist darauf hin, dass das Opfer zum Zeitpunkt des Todes als Prostituierte gearbeitet hat. Eine Theorie: Der Mörder wollte die Frau in der Tatnacht vielleicht dazu zwingen. Als sie sich widersetzt, brachte er sie um.

Der seltsame Vermisstenfall

Kurz nach der Tat, am 27. Dezember, meldete ein 40-jähriger Mann aus Winsen/Aller eine befreundete Thailänderin als unauffindbar. Ihr Name: Ganya Thielke. Die Vermisste, verheiratet mit einem Deutschen, galt als Glücksspielerin und ging bundesweit der Wohnungsprostitution nach. Im Milieu nannte sie sich Noc. Der Mann aus Winsen/Aller hatte Heiligabend mit ihr verbracht und sie dann nach Hannover gefahren. Seitdem ist die 33-Jährige verschwunden, bis heute. Zufall?

Die Ermittler gingen von einem Zusammenhang aus, doch das Alter von Thielke stimmte nicht mit dem des Opfers überein. Thielke hatte zudem eine markante OP-Narbe, und die Fingerabdrücke von ihrem Tagebuch waren mit denen der Leiche nicht identisch. Auch DNA-Proben von Thielkes Familie in Thailand erbrachten keinen Treffer.

Trotzdem könnte es eine Verbindung geben: Zeugen wollen Thielke und die unbekannte Tote zusammen gesehen haben. In Chinarestaurants in Wolfsburg, mal in männlicher, mal in weiblicher Begleitung. Kannten sich die beiden Frauen?

Jürgen Schmidt hält das mittlerweile für wahrscheinlich: "Auch wenn es einige Fakten gibt, die gegen einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen sprechen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass hier eine Verbindung besteht."

Schmidt schließt nicht aus, dass Thielke in der Mordnacht auf dem Feldweg anwesend war. Vielleicht sogar als Mittäterin. Eine Theorie: Ganya Thielke musste untertauchen: Spielschulden, Ärger im Milieu. Und lebt seit dem Mord unter der Identität der unbekannten Toten.

"Mancher spricht erst nach Jahren"

Liegt die Lösung des Mordfalles also in der Klärung des Vermisstenfalls? Seit 23 Jahren findet Schmidt keine Antwort. Und keine Ruhe. Er hält engen Kontakt zu seinen Nachfolgern in der Polizeiinspektion Gifhorn. Alle Spuren, Hinweise, Aussagen haben die Ermittler immer wieder akribisch geprüft. Dank der Fortschritte in der Kriminaltechnik konnten sie Täter-DNA von den Schuhen des Opfers sichern. Wenn es einen Verdächtigen gibt, kann er damit überprüft werden. Aber es gibt keinen Verdächtigen. Noch nicht.

Denn Schmidt hält den Fall am Köcheln: "Wer nicht versucht, solche Täter zu kriegen, der ist nicht mit Leib und Seele Kriminalist." In der neuen Fahndungssendung "Ungeklärte Fälle - Deine Hilfe zählt" (Mittwoch, 29. März 2017 um 20.15 Uhr bei RTL II, produziert von SPIEGEL TV) spricht Schmidt über den brutalen Mord und die mögliche Verbindung zum Vermisstenfall Ganya Thielke und hofft auf neue Hinweise.

Der Ex-Kripo-Chef glaubt, dass Medienpräsenz eventuelle Mitwisser oder sogar den Täter in Unruhe versetzen können: "Mancher, der etwas weiß, der spricht erst nach Jahren. Das ist für viele keine einfache Entscheidung." Er ist überzeugt: Irgendjemand kennt die Wahrheit über die unbekannte Tote von Gifhorn. Irgendjemand trägt seit 23 Jahren ein Geheimnis mit sich herum. Und irgendwann wird er oder sie beichten wollen.

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