Mutmaßlicher Antisemitismus-Vorfall in Leipzig Hunderte Menschen solidarisieren sich mit Musiker Ofarim

Wegen einer Kette mit Davidstern soll Gil Ofarim in Leipzig Anfeindungen ausgesetzt gewesen sein. Der Musiker erwägt eine Anzeige. Am Abend nahmen Hunderte Menschen an einer Kundgebung vor dem Hotel teil.
»Gegen jeden Antisemitismus«: Solidarität mit Musiker Ofarim und Jüdinnen und Juden in Deutschland – auch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hotels

»Gegen jeden Antisemitismus«: Solidarität mit Musiker Ofarim und Jüdinnen und Juden in Deutschland – auch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hotels

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Dirk Knofe / dpa

Nach Antisemitismus-Vorwürfen haben sich am Abend Hunderte Menschen vor dem »Westin Hotel« Leipzig versammelt, um Solidarität mit dem Musiker Gil Ofarim und Jüdinnen und Juden in Deutschland zu zeigen. Die Polizei schätzte die Teilnehmerzahl zunächst auf den »mittleren dreistelligen Bereich«, wie eine Sprecherin sagte.

Irena Rudolph-Kokot vom Bündnis »Leipzig nimmt Platz«, das zu der Aktion aufgerufen hatte, sagte, dass der antisemitische Vorfall extrem wütend mache und nicht unwidersprochen bleiben dürfe: »Wir solidarisieren uns mit allen Jüdinnen und Juden, denen das in Deutschland immer noch viel zu häufig passiert«. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hotels hielten während der Kundgebung vor dem Hoteleingang ein Banner, auf dem die Flagge Israels zu sehen war.

Hunderte versammeln sich zu einer Solidaritätskundgebung

Hunderte versammeln sich zu einer Solidaritätskundgebung

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Dirk Knofe / dpa

In einem Instagram Video hatte Ofarim zuvor berichtet, dass ihn ein Mitarbeiter im Leipziger »Westin Hotel« aufgefordert habe, seine Kette mit einem Davidstern einzupacken. Dann dürfe er einchecken.

Zuvor sei am Hotelempfang wegen technischer Probleme eine lange Schlange entstanden. Ofarim sagte, er habe sich eingereiht – mit seiner Davidstern-Kette um den Hals. »Das steht mir zu. Mache ich schon mein Leben lang«, sagte Ofarim in dem Video. Immer wieder seien Personen vorgezogen worden. Als er nach 15 Minuten an der Reihe gewesen sei, habe er gefragt, was das solle. Der Hotelmitarbeiter habe ihm die Antwort gegeben: »Um die Schlange zu entzerren«, dabei habe Ofarim ja selbst darin gestanden.

Daraufhin habe »irgendeiner aus der Ecke« gerufen, dass er seinen Stern einpacken solle. Auch der Hotelmitarbeiter habe gesagt: »Packen Sie Ihren Stern ein.« Der Davidstern ist eines der bekanntesten Symbole, die mit dem Judentum verbunden werden. Während des Nationalsozialismus wurden Jüdinnen und Juden gezwungen, eine Abwandlung des Davidsterns als Kennzeichnung auf der Kleidung zu tragen. Es war eine der letzten entrechtenden und stigmatisierenden Maßnahmen der Nationalsozialisten vor Beginn der Deportation.

Ofarim erwäge nun, Strafanzeige zu stellen. Das teilte sein Management mit. Bisher habe es keine offizielle Entschuldigung seitens des Hotels gegeben.

Ofarim müsse die Vorkommnisse erst einmal verdauen und sei sichtlich schockiert, so das Management. »Heute wäre der Geburtstag seines Vaters gewesen, deshalb möchte er zu diesem Thema auch erst einmal keine weiteren persönlichen Interviews geben.« Der Tag sei generell schon schwer genug für ihn. Man bitte um Nachsicht und Verständnis.

Vielfache Reaktionen auf Twitter

Olaf Hoppe, Sprecher der Leipziger Polizei, sagte, dass die mutmaßliche Aussage des Hotelangestellten für ihn »klar antisemitisch« sei. Die Polizei werde Inhalte des Videos an die Staatsanwaltschaft weiterleiten, die eine strafrechtliche Relevanz prüfe. Je nach Ergebnis werde dann weiter ermittelt oder nicht. Wie Hoppe weiter erklärte, war die Polizei bei dem Vorfall nicht vor Ort. Mit Ofarim habe man bislang nicht gesprochen. Die Behörde kenne sein Video und habe es gesichert.

Ein Sprecher der Westin-Kette sagte auf SPIEGEL-Anfrage, das Hotel nehme die Angelegenheit sehr ernst. »Wir versuchen mit allen Mitteln, Herrn Ofarim zu kontaktieren, da wir dringend herausfinden müssen, was hier passiert ist.« Das Hotel respektiere und unterstütze alle Gäste und Mitarbeiter »unabhängig davon, welcher Religion sie angehören«.

In den sozialen Medien wurde Ofarims Video vielfach geteilt. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, schrieb in einem Statement bei Twitter, dass die Anfeindung erschreckend sei. Es sei zu hoffen, dass das Hotel personelle Konsequenzen ziehe. Er hoffe ebenso, »dass wir künftig auf Solidarität treffen, wenn wir angegriffen werden«.

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Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sprach von einem »unfassbaren Fall von Antisemitismus« und einem Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). »Eine rasche Antwort des Hotels ist überfällig. Aus unserer Sicht kann das nicht folgenlos bleiben«, schrieb die Bundesstelle auf Twitter.

Die Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Lea Rosh, sagte laut Mitteilung, dass dem Musiker die uneingeschränkte Solidarität des Vereins gelte. »Juden waren in Deutschland schon mal in Hotels unerwünscht. Das war 1933. Wir fordern eine lückenlose Aufklärung und personelle Konsequenzen.«

Der Pianist Igor Levit schrieb an das Hotel gerichtet: »Shame on you«.

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Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) schrieb bei Twitter, dass Ofarim am Montagabend Gast einer Aufzeichnung im Auftrag des Senders gewesen sei. Was er anschließend aus dem Hotel schildere, sei zutiefst beschämend.

Auch Kevin Kühnert, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, äußerte sich auf Twitter zu dem Video. »Ich glaube, hier wäre Kommunikation notwendig und angemessen«, schrieb er an das Hotel gerichtet: »Geht ihr den Vorwürfen nach? Und wenn sie sich bewahrheiten, wie geht das Unternehmen mit Antisemitismus um – reaktiv, aber auch präventiv?«

Auch sächsische Politikerinnen und Politiker äußerten sich. Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) hofft darauf, dass der Musiker Anzeige erstattet, damit man den Vorgang polizeilich untersuchen könne: »Sachsen ist ein weltoffenes Land.«

Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) schrieb bei Twitter, es mache ihn wütend, was Ofarim widerfahren sei. Er spreche für die übergroße Mehrheit der Menschen in Sachsen, wenn er sich stellvertretend für die antisemitische Demütigung entschuldige. »Wir haben noch viel zu tun in Sachsen!« Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) zeigte sich bei Twitter bestürzt. »Antisemitismus darf keinen Platz haben. Nicht offen, nicht verdeckt. Nicht in Sachsen, nicht in Deutschland, nirgendwo.«

bbr/dpa
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