Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink "Coole Nummer"

Im Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink sagt einer ihrer angeblichen Peiniger aus. Eine Vergewaltigung habe es nie gegeben, behauptet er. Und inszeniert sich als Opfer.

DPA

Von , Berlin


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Sebastian Castillo Pinto ist das, was man gemeinhin einen Flegel nennt. Ständig fällt er anderen ins Wort, zappelt herum und sagt lieber Schwanz als Penis.

Am Montag hat der 33-Jährige vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin einen Auftritt, den er selbst wohl als gelungen bezeichnen würde. Immer wieder kichern auf den Rängen die Zuschauer, und selbst Staatsanwältin Corinna Gögge kann ihr Lachen einmal nicht stoppen. Da legt sie beide Hände vor den Mund, als sei ihr das peinlich.

Es ist der dritte Verhandlungstag im Fall Gina-Lisa Lohfink - und rasch wird klar, dass ein Ende des Prozesses noch längst nicht in Sicht ist. Castillo Pinto ist einer der beiden Männer, mit denen Lohfink im Juni vor vier Jahren Sex hatte. Castillo Pinto und sein Kumpan haben damals Szenen gefilmt, Schnipsel landeten später im Netz.

Für die Verbreitung bekamen die beiden Männer Strafbefehle, Lohfink aber behauptet darüber hinaus, sie sei von ihnen vergewaltigt worden. Staatsanwältin Gögge sah die Videos an und kam zu dem Schluss, es handele sich um einvernehmlichen Verkehr. Einen Strafbefehl wegen falscher Verdächtigung wollte Lohfink nicht akzeptieren. Deshalb sitzt sie nun als Angeklagte vor Gericht.

"Eine Frau, die gern Pornos dreht"

Es ist ein Verfahren, das Deutschland bewegt. Feministinnen sind erbost, auch am Montag gibt es Demonstrationen vor dem Gerichtsgebäude. Familienministerin Manuela Schwesig sprang Lohfink bei und mahnte, das Sexualstrafrecht zu verschärfen. Eindeutig aber, das zeigt auch der dritte Verhandlungstag, ist in dieser Sache gar nichts.

Als Zeuge schildert Castillo Pinto im Gossenslang, was aus seiner Sicht damals geschah. Als VIP-Betreuer feierte er demnach bis tief in die Nacht mit Lohfink und seinem Kumpel. Der hatte bereits am Abend zuvor, das bestreitet niemand, einvernehmlichen Sex mit dem It-Girl gehabt.

Gegen vier Uhr will Castillo Pinto nach Hause gefahren sein. Etwa eine Stunde später standen demnach der Kumpel und Lohfink vor der Tür.

Castillo Pinto will damals gedacht haben: "Coole Nummer." Es sei "nicht alltäglich, dass eine Frau, die gern Pornos dreht, bei einem klingelt". Lohfink sei sehr fröhlich, gut gelaunt, lebenslustig gewesen, auf keinen Fall betrunken.

Man sei schnell zur Sache gekommen. Es sei von vornherein klar gewesen, dass man zu dritt Spaß haben wollte. Lohfink habe schon kurz nach ihrer Ankunft begonnen zu strippen. Geschlagen habe er sie nicht.

Am nächsten Tag noch einmal Sex

Sämtliche Vorwürfe, die Lohfink erhoben hat, weist er zurück. Dass sie auf den Videosequenzen mehrmals "Nein" ruft und "Hör auf"? Beziehe sich nur auf das Filmen, sagt Castillo Pinto. Dass sich Lohfink fühlte wie nach K.-o.-Tropfen? Kann er sich nicht erklären. "Es hat weder eine Vergewaltigung stattgefunden, noch waren K.-o.-Tropfen im Spiel."

Als der Kumpel gegen Mittag des Folgetages gegangen sei, habe Lohfink sogar noch bleiben wollen und Champagner geordert. Dann habe man zu zweit noch einmal Sex gehabt, sagt Castillo Pinto. Erst gegen halb sechs am frühen Abend sei sie wieder gegangen - "topfit".

Castillo Pinto sagt, er fühle sich als Opfer. Und er attackiert in seiner mehrstündigen Befragung stets aufs Neue die Anwälte von Lohfink, den Marler Strafverteidiger Burkhard Benecken und seinen Kollegen Christian Simonis. Die hätten den Fall in die Medien getragen und ihn zum Bösewicht gemacht, sagt Castillo Pinto. Er werde auf der Straße als Vergewaltiger beschimpft. Mehrfach muss Richterin Antje Ebner ihn ermahnen, sachlich zu bleiben.

Lohfinks Verteidiger setzen alles daran, den Zeugen als unglaubwürdig dastehen zu lassen. Sie konfrontieren ihn mit Anzeigen einer Ex-Freundin, die ihm vorwarf, sie eingesperrt zu haben.

Eine neue Zeugin tritt auf

Und sie präsentieren eine bis dato unbekannte Zeugin: Elena H., eine 35-jährige Sekretärin. Sie behauptet, Castillo Pinto habe ihr vor zwölf Jahren K.-o.-Tropfen verabreicht und sie zu Hause missbraucht. Anzeige aber habe sie damals nicht erstattet, aus Angst, ihr glaube niemand.

Doch auch diese Aussage kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass es rein strafrechtlich für Lohfink mau aussieht. Das zeigt sich gleich zu Beginn des Verhandlungstages. Da schauen sich Richterin, Staatsanwältin und Verteidiger auf der Richterbank die Videoschnipsel an. Der Laptop zeigt vom Publikum weg, der Ton ist leise.

Gewalt will die Verteidigung auf Sequenzen erkennen, einen Schlag ins Gesicht der Mandantin. Als die Richterin Skepsis durchblicken lässt, bittet Benecken Lohfink nach vorn, die bisher auf ihrem Platz verharrt, die Finger in den Ohren.

Lohfink bekommt einen Schreikrampf, und die Richterin schilt den Verteidiger: "Wieso müssen Sie Ihre Mandantin hier so vorführen? Sie haben eine Fürsorgepflicht."

Video - Gina-Lisa Lohfink bricht in Tränen aus:

Die Sicht der Ermittler auf die Videos macht später eine Kriminalkommissarin klar, die als Zeugin aussagt: "Von Gewalt würde ich nicht sprechen." Auch wenn der Umgang der beiden Männer mit Lohfink "nicht besonders würdevoll" gewesen sei.

Am 22. August soll das Verfahren weitergehen. Die Verteidigung will noch weitere Zeugen hören, sie sollen Castillo Pinto belasten und diskreditieren. Der Fall Lohfink, er ist noch lange nicht vorbei.


Zusammengefasst: Im Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink hat Sebastian Castillo Pinto ausgesagt - einer der zwei Männer, denen Lohfink Vergewaltigung vorwirft. In Gossensprache berichtete er vom Sex zu dritt in der angeblichen Tatnacht und von weiterem einvernehmlichen Geschlechtsverkehr am Tag danach. Die Verteidigung indes präsentierte eine neue Zeugin: Castillo Pinto habe dieser Frau vor zwölf Jahren K.-o.-Tropfen verabreicht und sie zu Hause missbraucht.

Anwalt von Gina-Lisa Lohfink

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