Göhrde-Morde Das Rätsel der vergrabenen Damenschuhe

Kurt-Werner Wichmann soll fünf Menschen ermordet haben. Doch womöglich tötete er noch öfter. Ermittler prüfen weitere Fälle - und gehen der Frage nach, warum der Verdächtige so viele Frauenschuhe vergrub.

action press

Von


Ein kleiner Raum im Keller der Lüneburger Polizeidirektion. Die Betonwände sind dick, einst war hier ein Weltkriegsbunker. Sogar einen Atomkrieg, heißt es, hätte man hier unten überlebt. Handyempfang gibt es nicht.

Hier lagern sie, die Asservate des Friedhofsgärtners. Die Polizei ist überzeugt, dass Kurt-Werner Wichmann mindestens fünf Menschen getötet hat. Vielleicht waren es noch viel mehr.

Im Asservatenraum hat die Polizei Gegenstände zusammengetragen, die sie im Haus Wichmanns fand. Der rostige Griff eines Revolvers, der Kotflügel eines Pkw, ein Koffer. Dutzende Plastikkisten, gestapelt in einem Regal, enthalten weitere Gegenstände. Sie alle sind Teil eines großen Puzzles, an dem die Polizei seit Jahrzehnten arbeitet.

Fotostrecke

10  Bilder
Göhrde-Morde: Tod im Staatsforst

Kurt-Werner Wichmann ist in zwei aufsehenerregende Mordfälle verstrickt. Morde, für die bis heute kein Täter verurteilt wurde - doch die mit hoher Wahrscheinlichkeit Wichmann begangen hat.

Im Frühjahr 1989 wurden kurz hintereinander zwei Paare im Staatsforst Göhrde bei Lüneburg umgebracht. Wenige Monate später verschwindet die Lüneburger Fotografin Birgit Meier. Erst Jahrzehnte später wurde klar: Wichmann hat die fünf Menschen offenbar getötet. Das legen im Fall der Göhrde-Morde DNA-Spuren nahe; die Leiche Meiers wurde im Haus Wichmanns gefunden, ein Tropfen ihres Bluts fand die Polizei in einem Ford, den Wichmann geleast hatte.

Noch gut 200 "Cold Cases" werden überprüft

Wichmann kann sich zu den Vorwürfen nicht mehr äußern. 1993 verursachte er bei Heilbronn einen Verkehrsunfall. In seinem Kofferraum lagen Maschinenpistolenteile und Munition - er kam in U-Haft. In seiner Zelle erhängte Wichmann sich am 25. April 1993 mit dem Anstaltsgürtel.

Beiden "Cold Cases", wie lange ungelöste Fälle genannt werden, geht inzwischen eine Lüneburger Einheit nach. Die "Ermittlungsgruppe Göhrde" durchsuchte das Grundstück Wichmanns im vergangenen Jahr drei Wochen lang. Sie rissen eine Terrasse auf, ein Bagger hob den Garten aus, gut 400 Gegenstände trugen die Ermittler aus dem Haus.

Gut ein Jahr nach den Grabungen in Wichmanns Haus hat die Lüneburger Polizei zu einer Pressekonferenz geladen. Zuvor hatte die "Ermittlungsgruppe Göhrde" eine Art Täterprofil von Wichmann erstellt. Darin steht, wo er wann lebte, welches Auto er fuhr, wie er bei den Taten vorging, die man ihm vorwirft. Das Dokument schickten die Ermittler an deutsche und ausländische Polizeidienststellen.

Etliche Dienststellen antworteten, inzwischen prüft die Polizei Verbindungen zu 236 Fällen. Es geht um Tötungsdelikte, Vergewaltigungen, Vermisstenfälle. Zehn Prozent habe man schon wieder verworfen. Doch es bleiben noch immer gut 200 Fälle übrig, in denen Wichmann der Täter gewesen sein könnte.

Es geht um den Ruf der Polizei

Der Aufwand zeigt, wie ernst die Polizei die Fälle nimmt. Außerdem, das darf man annehmen, ging es auch darum, den eigenen Ruf wiederherzustellen. Vor allem an den Ermittlungen im Fall Birgit Meier gab es Kritik. Der Durchbruch etwa gelang nicht der Polizei, sondern dem Bruder des Opfers: Wolfgang Sielaff. Der ehemaliger Hamburger LKA-Chef und sein Team gruben Meiers Leiche aus. (Lesen Sie hier mehr darüber.)

Große Neuigkeiten verkünden die Ermittler bei der Pressekonferenz nicht. Doch die Arbeiten an Wichmanns Haus förderten eine Leidenschaft des Friedhofgärtners zutage, die den Beamten zu Denken gibt. Jürgen Schubbert, Leiter der "Ermittlungsgruppe Göhrde", formuliert es so: "Warum vergräbt jemand mit Begeisterung Damenschuhe?"

Asservate in der Lüneburger Polizeidirektion
Jean-Pierre Ziegler/ SPIEGEL ONLINE

Asservate in der Lüneburger Polizeidirektion

Mehrere Schuhe hätten sie auf dem Grundstück Wichmanns gefunden. Man kann sie sich auf der Website der Polizei ansehen. Rote Stiefel, eine Plüschpantoffel und einen braunen Cowboyschuh holten die Ermittler aus der Erde. Die Polizei weiß nicht, wem sie gehören. Und ob sie einst von Mordopfern getragen wurden.

Von einer Sache sind sie überzeugt: dass Wichmann nicht allein handelte. Die Staatsanwaltschaft führt bei den Göhrde-Morden einen Unbekannten als Beschuldigten. "Einen, der noch unter uns ist", sagt Ermittlungsleiter Schubbert.

Der Mann sei schon im September 2017 zu einer Vernehmung eingeladen worden. Über seinen Anwalt ließ er mitteilen, dass er sich nicht äußern wolle.


Anmerkung: Wir haben den Nachnamen Birgit Meiers korrigiert.



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.