Verteidiger über Gutachter im Goldmünzendiebstahl "Dann hat er hier im Saal nichts verloren"

Im Prozess um den Berliner Goldmünzendiebstahl machte ein zentraler Gutachter eine schwache Figur. Das Gericht hält an ihm fest, lässt aber Zweifel am Beweiswert seiner Arbeit durchblicken.

Angeklagte mit Verteidigern (Archiv): Schwieriger Indizienprozess
DPA

Angeklagte mit Verteidigern (Archiv): Schwieriger Indizienprozess

Von Wiebke Ramm


Die Verteidigung im Prozess um den spektakulären Diebstahl der Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum erhebt schwere Vorwürfe: Verteidiger Stefan König wirft einem Gutachter "unseriöse, voreilige und voreingenommene Vorgehensweise" vor. Er spricht von einem "pseudowissenschaftlichen" Vorgehen des Sachverständigen, der selbst vor einer Lüge vor Gericht nicht zurückschrecke.

Angeklagt sind drei Mitglieder der arabischen Großfamilie Remmo und ein Schulfreund, der zur Tatzeit im Bode-Museum als Aufseher arbeitete: Wayci, Ahmed und Wissam Remmo sollen die Goldmünze im Wert von 3,75 Millionen Euro in der Nacht auf den 27. März mithilfe von Denis W. aus dem Museum gestohlen haben. Es ist ein Indizienprozess. Und laut Anklage sollte das digitalforensische Gutachten von Professor Dirk Labudde von der Hochschule Mittweida ein weiteres Indiz dafür liefern, dass die Angeklagten die Täter sind.

Labudde hatte an zwei Verhandlungstagen mittels computergestützter Technik versucht zu erklären, warum es sich seiner Ansicht nach bei den drei Personen, die Überwachungskameras nahe des Museums in der Tatnacht an einem S-Bahnhof filmten, um Wissam, Ahmed und Wayci Remmo handelt. Es war ein eher unglücklicher Auftritt. Verteidiger König stellte vergangene Woche den Antrag, Labudde im Namen seines Mandanten, Wissam Remmo, als befangen abzulehnen. An diesem Donnerstag schlossen sich alle anderen Angeklagten dem Ablehnungsantrag an.

Angeklagter mit O-Beinen?

Es geht um O-Beine. Labudde will Wissam Remmo anhand eines "schräg gestellten unnatürlichen Fußgelenkwinkels" erkannt haben. Der Digitalforensiker schloss aus dieser Fußstellung auf O-Beine des Angeklagten. Als Beleg für seine These wertete der Gutachter das Foto eines Turnschuhs, der bei Wissam Remmo sichergestellt wurde. Auf dem Foto wollte er an der Sohle des Schuhs einen O-Bein-typischen Abrieb erkannt haben. Erst im Gerichtssaal hielt Labudde die echten Schuhe in den Händen - und musste einräumen, dass es den von ihm beschriebenen Abrieb an der Sohle gar nicht gibt. Was er für Abrieb hielt, war Schmutz.

Auf die Frage der Verteidigung, worauf er seine Behauptungen stütze, dass die seltsame Fußstellung auf O-Beine hindeute, hatte Labudde erklärt, er habe darüber mit einem befreundeten Orthopäden gesprochen. Erst auf vehementes Nachhaken der Verteidigung räumte er ein, dass das nicht die Wahrheit sei. Mit dem Orthopäden habe er nicht vor, sondern erst nach Fertigstellung des Gutachtens gesprochen.

Dass der Sachverständige "bewusst Schlüsse auf zweifelhafter Tatsachengrundlage und ohne belastbare eigene wissenschaftliche Expertise zum Nachteil des Angeklagten gezogen hat", mache seine Voreingenommenheit gegenüber Wissam Remmo deutlich, heißt es in Königs Ablehnungsantrag. Labudde habe das Gericht sogar "belogen" und erst spät eingeräumt, "dass er bei Erstellung seines Gutachtens überhaupt keine Nachfrage bei einem kompetenten Wissenschaftler oder einer kompetenten Wissenschaftlerin gehalten hat".

"Big Maple Leaf": Goldmünze im Wert von 3,75 Millionen Euro
REUTERS

"Big Maple Leaf": Goldmünze im Wert von 3,75 Millionen Euro

Labuddes Vorgehen sei "offenbar am von ihm gewünschten Ergebnis orientiert", seinen Mandanten "als vermeintlichen Mittäter der Goldmünzendiebstahls zu überführen". Hansgeorg Birkhoff, Verteidiger von Denis W., pflichtet König bei: "Ein Sachverständiger hat sein Gutachten wahrheitsgemäß zu erstatten, und wenn er nicht die Wahrheit sagt, dann hat er hier im Saal nichts verloren."

Labudde hatte sein Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft erstellt. Nun räumt auch Staatsanwalt Thomas Schulz-Spirohn "teilweise ungeschickte Äußerungen" des Sachverständigen ein. Doch nur weil der Verteidigung das Ergebnis nicht passe, lägen noch keine Gründe für eine Besorgnis der Befangenheit vor.

Nach einer Pause weisen die Richter den Ablehnungsantrag als unbegründet zurück. Die Kammer unter Vorsitz von Richterin Dorothee Prüfer bewertet den Auftritt Labuddes mit viel Nachsicht. Dem Sachverständigen fehle es womöglich einfach an Erfahrung, ein Gutachten vor Gericht zu erstatten. Doch zwischen den Zeilen lassen die Richter erahnen, dass auch sie Zweifel am Beweiswert des Gutachtens haben. "Qualitativ inhaltliche Mängel sind keine Frage der Befangenheit", heißt es in ihrem Beschluss. Und: "Eine möglicherweise oberflächliche Arbeitsweise begründet noch keine Befangenheit."

Tränen im Verhör

Begonnen hatte der Verhandlungstag mit der Zeugenaussage eines Polizisten, der im Juli 2017 bei der Festnahme von Denis W. dabei war. Bis Oktober 2017 war der damals 19-Jährige in Untersuchungshaft. "Ich kann mich erinnern, dass er geschockt gewirkt hat", sagt der Kriminalbeamte. Der Verdacht gegen Denis W. habe sich aus dessen Arbeit als Aufseher im Bode-Museum und durch seine Bekanntschaft mit mindestens einem Remmo ergeben. Tatsächlich habe Denis W. eingeräumt, Ahmed Remmo aus der Schulzeit zu kennen. Es sei jedoch nur eine lose Bekanntschaft. Er treffe ihn nur selten, habe nicht einmal seine Handynummer und begehe mit ihm auch keine Straftaten, habe Denis W. beteuert.

Später am Tag seien seine Eltern bei einer weiteren Befragung anwesend gewesen. Der Vater habe an seinen Sohn appelliert, mit der Polizei zu kooperieren. Seine Mutter habe geweint. "Dann begann Denis W. zu weinen. Er sagte, dass er was sagen würde, wenn er was wüsste." Doch zum Diebstahl der Goldmünze sagte er nichts. Auch vor Gericht macht er von seinem Recht Gebrauch zu schweigen. Ebenso wie die drei angeklagten Remmos. Auch sie schweigen.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.