Goldmünzen-Diebstahl Des Wahnsinns fette Beute

Strafrechtlich ist der Prozess um die gestohlene Riesen-Goldmünze beendet. Doch wer ersetzt dem Eigentümer, einem Kunsthändler, seinen immensen Schaden?
Von Wiebke Ramm, Berlin
Das Bode-Museum in Berlin: Machten die Sicherheitsmängel es den Dieben zu leicht?

Das Bode-Museum in Berlin: Machten die Sicherheitsmängel es den Dieben zu leicht?

Foto: Emmanuele Contini/ imago images

Eine Axt, ein Seil, eine Schubkarre, genug Adrenalin und Insiderinformationen reichten für den Millionencoup. Niemand hielt es offenbar für möglich, dass die Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen werden könnte. Sie wog 100 Kilogramm und hatte einen Durchmesser von 53 Zentimetern. Schon das sollte reichen, um ihren Diebstahl zu verhindern. Ein Trugschluss. Die Diebe verstanden ein ungesichertes Fenster des Museums offenbar als Einladung, sich im März 2017 den Millionenschatz zu holen.

Am Donnerstag hat eine Strafkammer des Landgerichts Berlin drei Männer wegen des Diebstahls der Münze zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Einer der Verurteilten war Aufseher im Museum. An diesem Freitag nun geht es vor einer Zivilkammer des Landgerichts um die Frage, ob Sicherheitsmängel im Museum es den Dieben zu leicht gemacht haben.

Wer ihm die Millionen zahlt, spielt für Boris Fuchsmann, 73, keine Rolle. Er möchte es bloß bekommen. Der Immobilienunternehmer und Kunstsammler aus Düsseldorf ist Privateigentümer der verschwundenen Goldmünze. Er ist extra aus Düsseldorf angereist, um der Verhandlung beizuwohnen. Die Münze war bei der Allianz Versicherung mit rund 4,2 Millionen Euro versichert. Gezahlt hat die Versicherung Fuchsmann bisher nur 800.000 Euro. Fuchsmann klagt auf Zahlung der vollen Summe.

Mitschuld am Verschwinden

Die Versicherung weigert sich, sie zu zahlen. Sie gibt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der das Bode-Museum gehört, eine Mitschuld am Verschwinden der Münze. Die Goldmünze sei ungenügend gesichert gewesen. Die Stiftung sieht das anders und hat sich der Klage von Fuchsmann angeschlossen. Ihrer Ansicht nach hat die Versicherung den Schaden vollständig zu ersetzen.

Die Diebe kamen und flohen durch das einzige ungesicherte Fenster im Museum. Das Fenster im Umkleideraum für Mitarbeiter sollte eigentlich an ein Sicherheitssystem angeschlossen sein, das Alarm schlägt, wenn es geöffnet wird. Doch da es in der Vergangenheit wiederholt zu Fehlern gekommen war, hatte man die Sicherung abgeschaltet. Wie lange schon, ist unklar.

Die Mitarbeiter des Bode-Museums wussten um das Problem am Fenster. Sie lösten es unkonventionell, indem sie den Fenstergriff abmontierten. Möglicherweise, so die Vorsitzende Richterin Marianne Voigt, gingen sie davon aus, dass die kaputte Alarmanlage dann keine Rolle mehr spielte - das Fenster ließ sich ja nicht öffnen. Ein Irrtum. Tatsächlich konnte es von innen doch geöffnet werden. "Das war die Achillesferse des Museums", sagt die Richterin.

Nach Überzeugung der Kammer öffnete der Museumsmitarbeiter Denis W. das Fenster mit einem Vierkantschlüssel, wodurch er seinen Freunden Wissam Remmo, Ahmed Remmo und einem dritten Dieb den Einstieg ins Museum ermöglichte. So stellte es das Gericht am Donnerstag in seiner Urteilsverkündung dar.

In dem Zivilverfahren geht es nun um die Frage, ob das ungesicherte Fenster die Gefahr eines Einbruchs erhöht hat. Und wenn es die Gefahr erhöht hat, ob dies vorsätzlich oder fahrlässig geschehen ist. So sagt es die Vorsitzende Richterin Voigt. Zu einer Entscheidung kommt das Gericht an diesem Tag nicht. Am 17. März soll es weitergehen. Ob dann bereits ein Urteil ergehen wird, steht noch nicht fest.

Richterin Voigt deutet an, dass sie von einer sogenannten Gefahrenerhöhung ausgeht. Die entscheidende Frage sei, ob dies vorsätzlich geschah oder ob das Museum die erforderliche Sorgfalt bloß fahrlässig außer Acht gelassen habe. Im Fall des vorsätzlichen Handelns könnte der Versicherungsschutz komplett entfallen, im Falle der Fahrlässigkeit möglicherweise teilweise.

"Von Vorsatz kann keine Rede sein", sagt Anwalt Ernesto Loh, der das Museum vertritt, vor Gericht. "Kein Mensch hat sich vorstellen können, dass so etwas passiert."" Das sagt auch Eigentümer Fuchsmann. Dass seine 100-Kilogramm-Münze aus einem Museum gestohlen werden könnte, habe er nicht für möglich gehalten.

"Ein wirklich sehr besonderes Stück"

Fuchsmann hatte die Goldmünze im Jahr 2010 gekauft. Er habe die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika besucht und eines Abends im Hotel eine Annonce gelesen, dass eine der weltgrößten Goldmünzen in Wien zu ersteigern sei, sagt er. Fuchsmanns Interesse war geweckt. Zunächst habe ein spanischer Unternehmer die Münze ersteigert, er habe sie dem Käufer aber letztlich für rund 3,4 Millionen Euro abgekauft, so Fuchsmann. Er sammele eigentlich russische Kunst. Doch die Goldmünze habe ihn interessiert, weil es von ihr nur fünf Exemplare auf der Welt gibt. "Es war ein wirklich sehr besonderes Stück."

Kurz nach dem Kauf meldete sich das Bode-Museum bei ihm. Die Münze sollte der Star in der Sonderausstellung "Goldgiganten" werden. Fuchsmann willigte ein und überließ dem Museum die Münze noch im selben Jahr als Dauerleihgabe.

"Herr Fuchsmann ist davon ausgegangen, dass sie da gut aufgehoben ist", sagt sein Anwalt Achim Prior. Er habe ein Museum für einen geeigneten Aufbewahrungsort gehalten. "Es ist ein bisschen schwierig, sie zu Hause zu haben", sagt Fuchsmann und lächelt.

Nun ist die Goldmünze verschwunden. Was glaubt er, was mit ihr geschehen ist? "Sie wurde eingeschmolzen und stückweise verkauft", vermutet Fuchsmann: "Die Münze wäre im Ganzen schwer verkäuflich." Ihm jedenfalls wurde sie nach dem Diebstahl nicht erneut zum Kauf angeboten.

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