Prozess um Goldmünzendiebstahl in Berlin Die verdutzten Wachmänner

Wie kamen die Täter ins Bode-Museum? Wie fanden sie den Weg zur Goldmünze? Der Diebstahl der "Big Maple Leaf" macht einen Aufpasser bis heute fassungslos. Ein anderer gilt selbst als Beschuldigter.

Angeklagte mit Anwälten (Archiv)
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Angeklagte mit Anwälten (Archiv)

Von Wiebke Ramm


"Das hat mich fertig gemacht", sagt Thomas Sch. vor dem Landgericht Berlin. "Sie müssen was gesehen haben! Sie müssen was gehört haben!". Ständig sei ihm das gesagt worden. "Habe ich aber nicht", sagt er: "Nichts gesehen, nichts gehört."

Es war sein erster Nachtdienst allein im Bode-Museum. Gegen 4 Uhr beendete er am 27. März 2017 seinen dritten Rundgang. Er schaute auf den Monitor in der Wache und sah Seltsames. Im zweiten Obergeschoss leuchteten Türen rot auf, das Signal, dass sie unverschlossen waren. Er konnte sich das nicht erklären. Er war sicher, dass er sie zugeschlossen hatte. Dann aber hätten sie auf dem Monitor grün leuchten müssen.

Thomas Sch. informierte die Mitarbeiter der Hauptwache und machte sich auf den Weg, um nachzuschauen, was da los war. Oben sah er, dass mehrere Türen mit Keilen offengehalten wurden. "Es muss jemand im Museum sein", habe er über Funk durchgegeben. Die Hauptwache schickte zwei Mitarbeiter zu ihm. Einer von ihnen war Hardy B., der noch heute unter dem Eindruck der Erlebnisse jener Nacht steht.

Die Wachmänner gingen durch die Flure im zweiten Obergeschoss. Plötzlich habe Hardy B. Schmutz am Boden bemerkt. Er folgte der Spur. "Und da sah ich die große Katastrophe", sagt Hardy B., 56, vor Gericht. Die 100-Kilo-Goldmünze war weg. Die Polizei vermutete die Diebe noch im Haus. Eine Einsatzhundertschaft durchkämmte das Gebäude. Doch die Täter waren weg, die Goldmünze auch.

Hardy B. kann es noch immer nicht fassen, dass den Dieben ein derartiger Coup gelungen ist. Die Fragen lassen ihn nicht los: Wie konnten die Täter von dem ungesicherten Fenster im Umkleideraum wissen? Wie konnten sie sich in den unübersichtlichen Räumen des Bode-Museums zurechtfinden? Es sind dieselben Fragen, die auch die Richter beschäftigen. Die Staatsanwaltschaft meinte zwischenzeitlich, in der Person von Wachmann Thomas Sch. die Antwort zu haben.

Sein Haus wurde durchsucht

Der 61-Jährige geriet in den Verdacht, den Tätern die entscheidenden Hinweise gegeben zu haben. Wachmann Sch. wurde zum Beschuldigten, sein Haus, sein Grundstück, sein Auto, Computer und Handy wurden durchsucht. Die Ermittlungen gegen ihn sind noch immer nicht eingestellt. Er gilt nach wie vor als Beschuldigter. Das erfährt er an diesem Tag von der Vorsitzenden Richterin.

Die Fragen der Richter, der Staatsanwaltschaft und Verteidiger muss Thomas Sch. als Beschuldigter nicht beantworten. "Ich will trotzdem was sagen", sagt er. Auch einen Anwalt hat er nicht mitgebracht. Erst in jenem Monat habe er angefangen, im Bode-Museum als Wachmann zu arbeiten. Es habe zu wenig Leute gegeben, da habe man ihn ins Bode-Museum versetzt. Begeistert sei er darüber nicht gewesen.

Was er über seine Aufgaben als Wachmann berichtet, weicht in manchen Details von den Aussagen anderer Zeugen ab. Ein Verteidiger erwischt ihn schließlich bei einer Lüge. Direkt nach der Tat soll Thomas Sch. die Polizei zunächst beschwindelt haben. Er hatte angegeben, bei seinem letzten Rundgang sowohl die zweite als auch die erste Etage kontrolliert zu haben. Tatsächlich war er aber nicht im ersten Stock, nur im zweiten. Das gestand er wenig später auch der Polizei.

Verteidiger Hansgeorg Birkhoff will nun wissen, warum er erst gelogen hat. "Ich war dermaßen durch den Wind", sagt Thomas Sch. Birkhoff ermahnt ihn, die Wahrheit zu sagen. Dann konfrontiert er ihn mit seiner protokollierten Aussage bei der Polizei. Dort gab Sch. an, dass er fürchtete, Ärger mit seinen Chef zu bekommen, wenn er sagt, dass er nur im zweiten Stock war. "Ja, das war schon so, dass ich Angst hatte, Ärger zu kriegen", räumt er schließlich ein.

"Absolut irreal"

Es gibt weitere Unstimmigkeiten. Mal sagte Thomas Sch. aus, er habe den Tatort verändert, in dem er die Keile entfernt und die Türen wieder verschlossen habe. Nun sagt er, er habe die Türen nicht angerührt. Dies sei auch die Order von der Hauptwache gewesen und daran habe er sich gehalten. Nach Angaben eines Verteidigers soll es allerdings einen Zettel geben, den der Zeuge noch in der Tatnacht geschrieben hat. Darauf soll er selbst notiert haben, dass er die Keile, mit denen die Türen fixiert waren, entfernt hat. Thomas Sch. schweigt. Dann sagt er: "Ich weiß es heute nicht mehr."

Hardy B., sein damaliger Kollege von der Hauptwache, ist sich jedenfalls sicher, dass die Türen offen standen, als er mit Thomas Sch. und dem zweiten Kollegen die Ausstellungsräume betrat. Der Anblick habe sich ihm eingebrannt. Weil er nicht fassen konnte, was er sah. "Wieso stehen die Türen auf? Das war für uns absolut irreal."

Vielleicht könnten die vier Angeklagten Licht ins Dunkel bringen. Denis W. hat als Aufseher im Bode-Museum gearbeitet. Er soll Wissam, Ahmed und Wayci Remmo entscheidende Hinweise gegeben und ihnen laut Anklage das Fenster in der Umkleide geöffnet haben, durch das die Täter ins Museum eingestiegen sein sollen. Alle vier sind wegen Diebstahls im besonders schweren Fall angeklagt.

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