Golf von Aden Piraten entführen deutschen Tanker vor Somalia

Piraten haben vor der Küste Somalias erneut einen großen Tanker gekapert. An Bord der "Longchamp" befinden sich der Reederei zufolge 13 Besatzungsmitglieder. Es soll einen heftigen Schusswechsel gegeben haben.


Nairobi - Bei dem gekaperten Tanker handelt es sich um die unter deutschem Management stehende "MV Longchamp". Das Schiff soll flüssiges Erdgas geladen haben. Es ist bereits das Dritte, das in diesem Jahr gekapert wurde.

Die jetzt entführte "Longchamp" auf einem Archivbild vor Gibraltar
BS Shipmanagement

Die jetzt entführte "Longchamp" auf einem Archivbild vor Gibraltar

Das Management des Tankers, Bernhard Schulte Shipmanagement, war auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu Auskünften nicht bereit. Alle Kräfte seien derzeit ins Krisenmanagement involviert, hieß es; das Unternehmen verwies auf seine Website. Dort steht, das Schiff sei in den frühen Morgenstunden des Donnerstags im Golf von Aden von Piraten entführt worden. Sieben Entführer befänden sich an Bord. Die Piraten hätten die Besatzung gezwungen, Kurs auf Somalia zu nehmen.

Die Piraten konnten das rund 3500 Tonnen große Schiff in den frühen Morgenstunden kapern, obgleich es in einem internationalen geschützten Konvoi fuhr und die indische Marine noch einzugreifen versuchte, sagte ein Sprecher des Hamburger Schiffsfinanzierers MPC. Der Kapitän des Schiffes habe in einem kurzen Telefonat erklärt, alle 13 Besatzungsmitglieder seien wohlauf.

Das knapp 100 Meter lange Schiff war unterwegs von Europa nach Asien. Es habe den Suez-Kanal durchquert und eigens einen Tag gewartet, um sich dem Konvoi anzuschließen, sagte der Sprecher. Er gehört der Gesellschaft MPC Steamship, wird aber von Bernhard Schulte bereedert. Gechartert hatte die "Longchamp" eine Reederei aus dem liberianischen Monrovia. Das Schiff fährt allerdings unter der Flagge der Bahamas.

Der Tanker sei nun aus dem Konvoi ausgeschieden und steuere auf die somalische Küste zu, sagte der MPC-Sprecher. Er rechne mit einer Lösegeldforderung. Das Schiff sei versichert gegen die Folgen von Krieg, Terrorismus und Piraterie.

Nach Angaben eines Vertreters der Organisation Seafarers Assistance Programme im kenianischen Nairobi befanden sich an Bord des Schiffes 13 Besatzungsmitglieder, zwölf Philippiner und ein Indonesier. "Es gab einen heftigen Schusswechsel", sagte Andrew Mwangura, Leiter der kenianischen Sektion der Organisation. Es werde jedoch davon ausgegangen, dass die Besatzungsmitglieder unversehrt seien.

Wie ein Sprecher der Bundeswehr auf ddp-Anfrage sagte, seien laut offizieller Lesart "keine deutschen Rechtsgüter betroffen", da das Schiff weder unter deutscher Flagge unterwegs gewesen sei, noch Deutsche an Bord gewesen seien.

Der Frachter hatte es den Angaben zufolge versäumt, sich bei der Anti-Piraten-Mission "Atalanta" anzumelden. Seit Ende Dezember stellt die Bundeswehr eine Fregatte für diesen Einsatz, mit dem die Europäische Union verstärkt gegen die Piraten am Horn von Afrika vorgehen will. Eine indische Fregatte, die in der Nähe war, sei wieder abgedreht, hieß es.

Derzeit gibt es laut Website von Bernhard Schulte Shipmanagement keinen Kontakt zu Mannschaft oder Kidnappern. Es seien keine Lösegeldforderungen eingegangen. Auch gebe es keine Berichte über Verletzte oder Tote.

Die "M/T Longchamp" wurde 1990 in Japan gebaut, ist circa hundert Meter lang und 16 Meter breit.

Somalische Piraten attackierten im vergangenen Jahr insgesamt 111 Schiffe - 42 davon kaperten sie entlang der 3000 Kilometer langen somalischen Küste.

Die immer dreister agierenden Seeräuberbanden konnten dabei geschätzte 30 Millionen Dollar Lösegeld für gekaperte Schiffe erbeuten.

Nach dem drastischen Anstieg solcher Überfälle haben 14 Staaten Kriegsschiffe in die Region geschickt. Auch die deutsche Fregatte "Karlsruhe" ist seit Ende Dezember im Rahmen der EU-Mission "Atalanta" im Golf von Aden.

Erst am Mittwoch hatten französische Soldaten vor der Küste Somalias neun bewaffnete Seeräuber festgenommen.

Hintergrund: Alles zum Piratenangriff
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Moderne Piraterie
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See.

Seit 1992 sammelt das Internationale Schifffahrtsbüro (IMB) Meldungen über Seeräuber und wertet sie aus. Als Zahl der Übergriffe 2008 registrierte das IMB 293 Piratenangriffe, elf Prozent mehr als im Jahr davor. 49 wurden entführt, 32 Crew-Mitglieder verletzt, elf getötet, 21 werden vermisst.

Interessierten sich Seeräuber einst nur für den Schiffstresor, nehmen sie inzwischen Geiseln oder kapern ganze Frachter. Sie operieren oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Golf von Aden
SPIEGEL ONLINE
Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika um den Golf von Aden. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. SPIEGEL ONLINE zeigt in einer Grafikstrecke, wie in der Region die Zahl der Übergriffe zugenommen hat...
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, mit 2,4 Millionen Einwohnern. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel.

Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren. Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl.
Anti-Piraterie-Mission "Atalanta"
Die Anti-Piraterie-Mission der EU am Horn von Afrika heißt nach Atalanta, einer Jägerin aus der griechischen Mythologie. Sechs Kriegsschiffe, ein Versorger und drei Aufklärungsflugzeuge bekämpfen Piraten vor der somalischen Küste, um die freie Seefahrt in der Region zu gewährleisten. Die Bundeswehr hat dafür bis zu 1400 Soldaten und die in der Region liegende Fregatte "Karlsruhe" zur Verfügung. Nach den Einsatzregeln der EU-Operation darf die Marine Piratenschiffe nicht nur abdrängen oder aufbringen, sondern im Notfall auch versenken.
Wirtschaftliche Folgen
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Alternativroute um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.
Flüssiges Erdgas
Flüssiges Erdgas (LNG) ist auf -161 Grad Celsius abgekühltes und verflüssigtes Erdgas. Die klare, farblose Flüssigkeit ohne Geschmack und Geruch lässt sich verhältnismäßig gut transportieren, nicht zuletzt weil das Volumen des Gases auf ein Sechshundertstel sinkt. Bislang wird nur ein geringer Teil des weltweiten Erdgases auf diese Weise transportiert, doch dürften nach Expertenschätzungen LNG-Transporte stark zunehmen, vor allem in Asien. In flüssiger Form ist der Stoff weder explosiv noch brennbar. Gefahr droht bei Lecks, wenn die Ladung aus den Tanks austritt, wieder gasförmig wird und sich mit der Luft mischt. Explosionsgefahr besteht bei einer Konzentration des Gases zwischen 5 und 15 Prozent.

ala/Reuters/AP/dpa/ddp/AFP



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