Opfer von Clan-Kriminalität "Dass die ihre Strafe kriegen, ist das Einzige, was mich am Leben hält"

Immer wieder fallen Angehörige des polizeibekannten Goman-Clans aus Leverkusen mit Betrugstaten auf. Schwerer als der finanzielle Schaden wiegen bei den Opfern oft die psychischen Folgen.

Uwe Laukner
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Seine Wohnung im nordrhein-westfälische Hilden verlässt Uwe Laukner nur noch selten. Der Hartz-IV-Empfänger hat jeden Lebensmut verloren, seit er Opfer eines perfiden Betrugs geworden ist. "Dass die ihre gerechte Strafe kriegen, ist das Einzige, was mich im Moment am Leben hält. Sonst hätte ich mir schon längst einen Strick genommen", sagt der 57-Jährige SPIEGEL TV. "Die", damit meint Laukner eine Bande mutmaßlicher Berufsverbrecher um die berüchtigte Großfamilie Goman aus Leverkusen. Zusammen mit weiteren Komplizen soll der mehrfach einschlägig vorbestrafte Michael Goman, 42, den arglosen Mann regelrecht ausgenommen haben.

Alles beginnt im Jahr 2016, als Uwe Laukner das Haus seiner verstorbenen Mutter verkaufen will.

Der Alkoholiker ist in schlechtem körperlichen Zustand, möchte zu seinem Bruder ins Erzgebirge ziehen. Mit dem Geld aus dem Hausverkauf will er sich dort niederlassen, denn in Hilden hat Laukner niemanden mehr.

Die Abwicklung des Geschäfts überlässt er Ursula P., einer Bekannten, der er vertraut. Was er nicht ahnt: Die Frau steckt mit Michael Goman, Spitzname "Don Mikel", unter einer Decke. Goman hat großes Interesse an Laukners Haus. "Ich war zu der Zeit niemals richtig nüchtern. Und dann kam Frau P. und sagte, ich solle die Vollmacht unterschreiben, damit sie in meinem Namen verhandeln könne. Sie würde sich um alles kümmern", sagt Laukner. Er unterschreibt.

Im Video: Die Geschäfte der Großfamilie Goman

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"Der ist zu dumm zum Scheißen", sagt Ursula P. damals zu Michael Goman über Laukner.

Was sie nicht ahnt: Die Polizei hört das Telefonat ab. Die beiden wittern wohl ihre Chance, die Hilflosigkeit des Mannes auszunutzen. Vor dem Notar-Termin für den Hausverkauf, so erzählt es Laukner, habe Ursula P. ihm noch eine Flasche Wodka geschenkt. Betrunken verkauft Laukner das Haus für 322.000 Euro an einen mutmaßlichen Strohmann Gomans. Die Immobilie sei weit mehr wert, notieren Ermittler in einem Vermerk.

Kurz nachdem die Verkaufssumme auf Uwe Laukners Konto geflossen ist, räumt es Ursula P. nach Polizeierkenntnissen mithilfe ihrer Vollmacht gleich wieder leer. Ein Teil der stattlichen Beute, so der Verdacht der Fahnder, sei zurück an Goman geflossen. Ursula P. bestreitet die Vorwürfe, Michael Goman wollte sich gegenüber SPIEGEL TV nicht äußern. Und Uwe Laukner? Er träumt noch immer von den Erlebnissen, die ihn wirtschaftlich und psychisch ruinierten.

Der Fall in Hilden ist keine Ausnahme. Seit Jahrzehnten fallen zahlreiche Mitglieder der Großfamilie Goman immer wieder mit Straftaten im gesamten Bundesgebiet auf, häufig geht es um Betrügereien. Besonders ältere und hilfsbedürftige Menschen passen ins Beuteschema der Straftäter. Eine Sonderkommission der Kölner Polizei, Codename "Bischof", ist Teilen des Clans in einem aufwendigen Verfahren nun auf den Fersen. Seit einer Razzia im März sitzt Michael Goman in Untersuchungshaft.

Wie aus den Ermittlungen deutlich wird, hinterlassen die Clan-Leute bei ihren Opfern nicht nur erhebliche finanzielle Schäden. "Weit schwerer als der Verlust des Geldes wiegt oft die psychische Komponente", sagt ein Kölner Kriminalist. "Das Vorgehen der Täter gleicht in vielen Fällen einer seelischen Vergewaltigung. Häufig wird über Monate ein persönliches Verhältnis zu den betagten Opfern aufgebaut, um das entwickelte Vertrauen dann irgendwann schlagartig auszunutzen. Daran zerbrechen Menschen", ergänzt ein Beamter aus Norddeutschland, der sich seit Jahren mit dem Milieu beschäftigt.

Nach vorsichtigen Schätzungen der Ermittler gehören der Großfamilie Goman allein in Nordrhein-Westfalen rund 1000 Menschen an, viele davon sind polizeibekannt.

Die Gomans sind laut Fahndern nur einer von mehreren auffälligen Roma-Clans, deren Angehörige zwar oft auf großem Fuß leben, meist aber keiner geregelten Arbeit nachgehen. "Zu sagen, 'nicht alle sind kriminell', geht eigentlich am Thema vorbei", so ein Beamter. "Natürlich gibt es in diesen Kreisen auch einige Personen, die nicht als Straftäter erfasst sind. Trotzdem ist das eine abgeschottete Parallelgesellschaft mit eigenen Werten und Regeln, in der die allermeisten die kriminellen Strukturen mittragen." Wer Beute mache, erfahre Anerkennung, auch das stütze das System. "Genauso verhält es sich, wenn die Oma auf die Enkel aufpasst, damit die Kinder Straftaten begehen können", so der Polizist. "Alle wissen Bescheid - und alle machen mit."

Manche Täter zeigen Reue vor Gericht, doch echtes Mitleid mit ihren Opfern haben wohl die wenigsten. Zu oft werden Täter, die einmal erwischt wurden, erneut auffällig mit ähnlichen Delikten. Was zählt, ist die Beute; alles andere: Nebensache. Das zeigt auch ein Fall aus dem Jahr 2014, als eine Bande von vier Männern und einer Frau aus dem Goman-Clan über ein Jahr lang Rentnerinnen mit sogenannten Schockanrufen terrorisierte. Das älteste Opfer war 91 Jahre alt.

In der Ermittlungsakte wird beschrieben, wie man vorging. Ein Anrufer der Gruppe gab sich am Telefon als Arzt aus, der eine schreckliche Nachricht überbringen müsse. Ihr Sohn, ihre Tochter sei verunglückt und liege im Koma. Ein Bein müsse womöglich amputiert werden, nur eine schnelle Behandlung vermöge es noch zu retten. Da die Krankenkassen nicht so schnell zahlten, müssten die Angerufenen mit einem fünfstelligen Betrag in Vorleistung gehen. Geschockt und überrumpelt zahlten einige Frauen. "Also wollen Sie Ihrer Tochter nicht helfen?", keifte der angebliche Arzt, wenn ein Opfer zögerte.

"Es war die schrecklichste Erfahrung meines Lebens", erinnert sich Herta F. aus Düsseldorf an das Trauma des Anrufs. Lange Zeit habe sie nicht richtig schlafen können. "Besonders die ersten Wochen danach waren der reinste Horror", sagt die zum Tatzeitpunkt 73-Jährige. 2015 wurden die Täter zu Haftstrafen verurteilt. Wie die Telefonbetrüger über ihre Geschädigten dachten, offenbaren Protokolle aus überwachten Gesprächen. "Fotze", "ausgekochtes Schwein" und "Missgeburt" waren einige der Ausrücke, die der Anführer der Gruppe damals für betrogene, hochbetagte Rentnerinnen verwandte.

Auch Michael Goman, der Hauskäufer im Hildener Fall, muss sich in den kommenden Monaten in mehreren Prozessen vor dem Landgericht Köln den umfassenden Vorwürfen der Staatsanwaltschaft stellen. In einem ersten Verfahren wegen eines Teppichbetruges wurde Goman letzte Woche in Köln zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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