Clan-Kriminalität in NRW Der Fuhrpark des "Don Mikel"

Rolls-Royce, Porsche, Mercedes: Michael Goman und sein Clan schmückten sich mit Luxuskarossen - obwohl "Don Mikel" angeblich am Existenzminimum lebte. Offenbar ließ sich das Amt jahrelang austricksen.

Durchsuchung in Leverkusen
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Behördlich-trocken notiert der Fahnder seine Beobachtungen. Aus dem Verfahren sei bekannt, heißt es in einem vertraulichen Vermerk, dass die Zielperson inzwischen auch die Griffe der Mikrowelle, des Kühlschranks und des Herds habe vergolden lassen. Michael Goman, Angehöriger des berüchtigten Goman-Clans aus Leverkusen, hat wohl eine echte Schwäche für Veredelungen in der Küche. Denn auch die Kaffeemaschine ist laut Polizei entsprechend aufgewertet worden.

Bezahlt wird die Wohnung, in der Goman lebt, zu diesem Zeitpunkt im September 2017 allerdings schon seit Jahren vom Leverkusener Sozialamt. Genauso wie der Unterhalt für seine vier minderjährigen Kinder, die in dem Apartment leben. Doch damit nicht genug.

Ermittler sind sicher: Goman, Spitzname "Don Mikel", hat in den vergangenen Jahren nicht nur seine Küche aufgehübscht, sondern für 740.000 Euro gleich das komplette Mehrfamilienhaus luxussanieren lassen, in dem noch weitere Verwandte leben.

Die Garage füllte man mit einem Fuhrpark wie bei den Superreichen:

  • ein Rolls-Royce Phantom VII (Neupreis ab 411.000 Euro)
  • ein Porsche 991 Carrera S Cabriolet (Neupreis 143.000 Euro)
  • ein Porsche Turbo S Cabriolet (Neupreis 215.000 Euro)
  • ein Mercedes SLS AMG (Neupreis ab 225.000 Euro)

Alles offenbar finanziert aus Straftaten, der Besitz verschleiert über mögliche Strohmänner. Für die Stadt Leverkusen war der Mann seit langem vermögenslos - sie zahlte, Monat für Monat. Mutmaßlicher Gesamtschaden für das Sozialamt seit 2011: 104.892,09 Euro.

Die Erkenntnisse sind Teil eines umfangreichen Verfahrens der Kölner Sonderkommission "Bischof", die Mitgliedern des polizeibekannten, weitverzweigten Roma-Clans in aufwendigen Ermittlungen auf den Fersen ist. Die Vorwürfe gegen 49 Beschuldigte: Geldwäsche, Urkundenfälschung, dubiose Immobiliendeals, Steuerhinterziehung und gewerbsmäßige Betrügereien in den verschiedensten Varianten.

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Besonders auf ältere und hilfsbedürftige Menschen hatte man es demnach abgesehen. So soll sich Michael Goman alias "Don Mikel" über Monate das Vertrauen eines vermögenden älteren Ehepaares erschlichen und es durch geschickte Manipulationen regelrecht ausgenommen haben. "Mama" und "Papa" nannte er den Erkenntnissen zufolge die Eheleute irgendwann. Immer wieder ließ sich Goman aufgrund angeblicher finanzieller Engpässe erhebliche Geldbeträge vorstrecken, die er offenbar nie zurückzahlte. Mutmaßlicher Gesamtschaden allein im Fall des Ehepaares: rund eine Million Euro.

Ständig geht es in den Ermittlungen aber auch um Sozialbetrug zum Nachteil öffentlicher Kassen. "In diesen Kreisen ist Sozialbetrug eigentlich eine Selbstverständlichkeit, da wird gar nicht groß drüber nachgedacht", sagt ein Kriminalist aus Norddeutschland, der sich seit Jahren mit kriminellen Strukturen in Roma-Clans befasst. "Das ist nicht nur bei den Gomans so, sondern bei vielen anderen auch", so der Beamte. Unrechtmäßig bezogene Sozialleistungen seien fest einkalkuliertes Einkommen in einem häufig auf Straftaten beruhenden Geschäftsmodell.

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Nach vorsichtigen Schätzungen gehören allein in Nordrhein-Westfalen rund 1000 Personen dem Goman-Netzwerk an, es ist ein kompliziertes Geflecht verwandtschaftlich verbundener Familien. Zahlreiche Angehörige des Clans sind polizeibekannt. Bundesweit, so die Schätzung erfahrener Kriminalisten, gehörten mindestens 10.000 Personen dem Milieu polnischstämmiger Roma-Gruppen an, in dem Sozialbetrug weit verbreitet sei. Angesichts dieses Ausmaßes dürfte die tatsächliche Schadenssumme um einiges höher sein, als kürzlich veröffentlichte Zahlen der Bundesagentur für Arbeit vermuten lassen.

Denn das Dunkelfeld, das legt das Verfahren der Kölner Kripo im Fall Goman nahe, ist groß. Indem Besitz- und Familienverhältnisse verschleiert werden, bleiben viele Verstöße jahrelang unentdeckt. So lebte Michael Goman alias "Don Mikel", der Hauptbeschuldigte mit einem Faible für Goldgriffe, wohl nur zum Schein getrennt von seiner einkommenslosen Ehefrau, die nach Polizeierkenntnissen gleichzeitig seine Cousine ist. Das Amt unterstützte also sowohl die Frau als auch Goman selbst mit Sozialleistungen.

Auf dem Papier war nämlich auch Goman arm wie eine Kirchenmaus. In Vermögensauskünften für Gerichtsvollzieher gab er an, nur ein altes Handy und nicht einmal eigene Möbel zu besitzen. Bargeldreserven? Nur 3,50 Euro, in der Hosentasche. Unterhaltszahlungen seien ihm leider nicht möglich, teilte Michael Goman mit, er lebe im Haus seines Vaters und werde dort mit dem Nötigsten versorgt. Ein Leben am Existenzminimum, ein Sozialfall.

Fotos in den Ermittlungsakten zeichnen dagegen ein anderes Bild: "Don Mikel" im Porsche, auf Champagnerpartys oder nach Einkaufstouren mit teurem Schmuck. Im November 2016 soll Goman eine Uhr in der Schweiz gekauft haben, eine Patek Philippe, Modell Nautilus Jumbo in Roségold, Wert: 65.000 Schweizer Franken. Seine minderjährigen Kinder, für die das Amt bezahlt, präsentierten sich auf Facebook mit Rolex-Uhren oder posierten in der Einfahrt mit einem Mercedes SLS AMG. Zugelassen waren die Autos nicht auf "Don Mikel", sondern auf mutmaßliche Strohmänner, die offenbar ihren Namen und Bankkonten für die Finanzierung zur Verfügung stellten.

Warum die Stadt Leverkusen trotz des auffälligen Lebensstils des mehrfach einschlägig verurteilten Betrügers nicht schon viel früher eigene Nachforschungen anstellte, sondern bis zu einer großen Razzia im März weiter brav zahlte, ist unklar. Wegen der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Köln wolle man sich zurzeit nicht äußern, heißt es dort.

Michael Goman sitzt seit der Razzia in Untersuchungshaft und muss sich in den kommenden Monaten in mehreren Prozessen vor dem Landgericht Köln den umfassenden Vorwürfen der Staatsanwaltschaft stellen. Sein Verteidiger wollte sich auf eine SPIEGEL-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern und verwies auf die Unschuldsvermutung.


Zusammengefasst: Die Kölner Polizei ermittelt gegen zahlreiche Verdächtige des Goman-Clans. Michael "Don Mikel" Goman soll unter anderem ein älteres Ehepaar um eine Million Euro betrogen haben. Obwohl er staatliche Hilfen bezog, lebte er offenbar in Saus und Braus. In den kommenden Monaten muss er sich in mehreren Prozessen vor dem Kölner Landgericht verantworten.

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