Tod von Gorch-Fock-Kadettin Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen im Fall Jenny Böken wieder auf

Die Gorch-Fock-Kadettin Jenny Böken starb 2008 auf hoher See. Ein Unfall, sagten die Ermittler bisher. Doch nun prüfen Kieler Staatsanwälte, ob es nicht anders gewesen sein könnte.

Grab von Jenny Böken: Was geschah auf der Gorch Fock?
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Grab von Jenny Böken: Was geschah auf der Gorch Fock?

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Mehr als zehn Jahre nach dem Tod der Gorch-Fock-Kadettin Jenny Böken will die Staatsanwaltschaft Kiel den Fall erneut untersuchen.

Wie der SPIEGEL aus Sicherheitskreisen erfuhr, nimmt die Behörde das Todesermittlungsverfahren wieder auf. "Diese Nachricht ist überfällig", sagte Rainer Dietz, der Anwalt der Eltern. Anlass für die Wiederaufnahme ist die Aussage einer neuen Zeugin, wonach Böken Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte.

Die damals 18-Jährige war in der Nacht zum 4. September 2008 aus nicht geklärten Umständen über Bord gegangen - in der Nordsee, etwa 22 Kilometer nördlich der Insel Norderney. Elf Tage nach dem Unglück fand man die Leiche im Meer. Die Ermittler gehen von einem tödlichen Unfall aus, bereits im Jahr 2009 legten sie den Fall zu den Akten.

Eltern zweifeln an Unfallversion

Die Eltern drängten bisher vergeblich auf neue Ermittlungen. Im Jahr 2012 wies das Oberlandesgericht Schleswig Klageerzwingungsanträge gegen Angehörige der Marine ab. Ein Antrag auf Wiederaufnahme der Todesermittlungen scheiterte 2015. Im September 2018 präsentierte die Familie eine neue Zeugin und stellte einen weiteren Wiederaufnahmeantrag, der nun zum Erfolg führte. Die Zeugin wurde im April von der Staatsanwaltschaft befragt.

Die Eltern zweifeln an der Unfallversion und sehen zahlreiche Ungereimtheiten. Die Staatsanwaltschaft sei befangen. Einen Antrag der Eltern, Kiel den Fall zu entziehen, wies die Generalstaatsanwaltschaft Schleswig indes erst in diesem Jahr ab. Man sehe keine Befangenheit, hieß es.

"Bis heute fragen wir uns, was in der besagten Nacht eigentlich passiert ist", schrieb Vater Uwe Böken im Januar auf der Seite "change.org". Anlass war eine Onlinepetition zur Wiederaufnahme, die 140.000 Unterstützer fand.

Über die neue Zeugin ist wenig bekannt. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Kiel teilte im April mit, es handele sich um einen ehemaligen Kameraden von Böken, der später sein Geschlecht gewechselt habe. Böken-Anwalt Rainer Dietz erklärte, die Zeugin sei auf die Eltern zugekommen.

Gab es Streit um ein Sex-Video?

Die Frau, damals Bundeswehrsoldat, will demnach im Sommer 2008 bei einer Party in Düsseldorf Sex mit Jenny Böken gehabt haben. Man sei betrunken gewesen. Es hätte jemand gefilmt. Das Sex-Video sei später auf der Gorch Fock kursiert. Jenny Böken soll gedroht haben, den Vorfall zu melden.

Die Zeugin war nicht bei der Marine. Sie behauptete dem Anwalt zufolge, sie habe nach dem Tod der Kadettin Besuch von drei Marinesoldaten bekommen, die zum Zeitpunkt des Unglücks mit Böken auf der Gorch Fock waren. Die drei hätten durchblicken lassen, Böken sei mit Gewalt zu Tode gekommen.

Der Staatsanwaltschaft dürfte es nun vor allem darum gehen, zentrale Angaben der Zeugin zu überprüfen. Die Aussage der Frau allein wird vermutlich kaum als Beleg für ein Gewaltverbrechen taugen können - schon deshalb, weil sie nicht an Bord war.



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