Messerattacke von Grafing Wahllose Gewalt

Noch am Montag war Paul H. in einer psychiatrischen Klinik, dann machte er sich auf den Weg nach Bayern und stach vier Menschen nieder. Was trieb den 27-Jährigen? Eine Spurensuche in Bayern und Hessen.

Tatort in Grafing
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Tatort in Grafing

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Es sind rund 50 Meter vom Gleis am Bahnhof Grafing bis zum Bürgersteig vor dem Bistro Mussini. 50 Meter, die Paul H. am frühen Morgen genügten, um vier Menschen niederzustechen. Spurenfahnder haben auf die Pflastersteine am Gleis und den Asphalt am Bahnhofsvorplatz Dutzende nummerierte Rechtecke gesprüht. 81, 82, 83 und immer so weiter. Die Kästchen markieren die mutmaßlichen Fuß- und Blutspuren, die der 27-Jährige hinterließ.

Es war sehr früh am Morgen, noch vor Sonnenaufgang, als Paul H. wohl unvermittelt begann, auf Passanten einzustechen. Einen Mann griff er in einer stehenden S-Bahn an, einen weiteren auf dem Bahnsteig. Zwei Radfahrer bekamen offenbar von der Gewalttat mit, wollten helfen. Paul H. stach auf dem Bahnhofsvorplatz auf sie ein, ihre Fahrräder liegen noch am Mittag auf dem Asphalt.

Der erste Notruf ging gegen 4.50 Uhr ein, Polizisten konnten Paul H. vor dem Bahnhof festnehmen. Er war barfuß, in seinem Gürtel klemmte ein Messer mit einer zehn Zentimeter langen Klinge, eine Art Survival-Messer, sagt Polizeivizepräsident Günther Gietl später.

Ein 56-Jähriger überlebte die Attacke nicht, ein weiterer Mann wurde schwer verletzt, zwei wiesen erhebliche Stichverletzungen auf.

Was treibt einen Menschen zu solch einem Gewaltausbruch? Erste Meldungen ließen vermuten, es könnte sich um einen islamistisch motivierten Anschlag handeln. Nach Angaben der Polizei rief Paul H.: "Ungläubiger, du musst jetzt sterben!", Zeugen wollten "Allahu-Akbar" ("Gott ist groß")-Rufe gehört haben.

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Messerattacke an S-Bahnhof: Der Angriff von Grafing

Ende Februar hatte eine Jugendliche in Hannover einen Bundespolizisten am Hauptbahnhof niedergestochen, offenbar weil sie ihn als Repräsentanten der ihr verhassten Bundesrepublik töten wollte. Das Mädchen verkehrte in salafistischen Kreisen und sympathisiert mit dem Gedankengut des "Islamischen Staates". Paul H., ein mit Kalkül handelnder, radikaler Nachahmungstäter?

Die bisherigen Erkenntnisse sprechen dagegen. Es gebe keine Hinweise auf eine politische Radikalisierung des 27-Jährigen, erklären die Ermittler. Paul H. habe sich bei seiner Vernehmung wirr ausgedrückt. Er sprach demnach über einen Glaubenswechsel zum Islam, das müsse aber noch geklärt werden. Außerdem soll Paul H. in der Vergangenheit Drogen konsumiert haben.

Video: Angreifer hatte offenbar psychische Probleme

So ist Paul H. derzeit kein Fall für den Generalbundesanwalt, sondern für Ärzte: Er soll nun untersucht werden, um seine Schuldfähigkeit zu klären.

Es ist nicht das erste Mal, dass der 27-Jährige Kontakt zu Psychiatern hat.

Paul H. kommt aus Hessen, aus einem Ort rund 350 Kilometer entfernt von Grafing: In der Altstadt von Grünberg wohnt er mit seinem Bruder in einem weiß getünchten alten Eckhaus mit recht kleinen Fenstern. An der Tür fehlt das Namensschild, handgeschrieben mit schwarzem Filzstift steht "keine Zeitung oder Werbung". Der jüngere Bruder wird am Mittag von der Polizei vernommen, die Spurensicherung ist im Haus.

Der Großvater rief die Polizei

Die Nachbarn erzählen, dass Paul ein geselliger Typ sei, handwerklich geschickt, ein Schreiner. Er habe gesagt, er wolle das Haus renovieren. Dass Paul mit Drogen zu tun hatte, hat sich bei den Nachbarn herumgesprochen.

Die Familie H. ist hier verwurzelt. Die Großeltern wohnen zwei Ecken weiter. Vorgestern, so der Großvater, sei die Situation eskaliert, so dass er die Polizei holte. Schon da redete Paul H. offenbar wirr. Die Beamten empfahlen eine ärztliche Behandlung, auch wenn sie keine Anzeichen für eine Fremd- oder Selbstgefährdung sahen.

Paul H. kam am Sonntag in die psychiatrische Klinik Gießen. Lange blieb er nicht: Am Montagvormittag verließ er sie wieder und machte sich mit dem Zug auf den Weg nach Bayern.

Nach Angaben der Ermittler kam er am Montagabend in München an. Er hielt sich am Bahnhof auf, sein Geld habe für ein Hotelzimmer nicht gereicht. Noch in der Nacht, das zeigten Videoaufnahmen, sei er mit einem Zug nach Grafing gefahren, gegen 1 Uhr sei er dort angekommen und am Bahnhof geblieben. Bis er begann, loszustechen.

"Dieses Sicherheitsgefühl ist erschüttert"

Der Tatort war wohl so zufällig ausgewählt wie die Opfer, bisher sind keine Verbindungen zwischen Paul H. und der Stadt bekannt.

Details, die kaum an ein bewusst gesteuertes Handeln glauben lassen. Ob Paul H. zur Tatzeit unter Drogeneinfluss stand, ist noch unklar. Er gab gegenüber den Ermittlern selbst an, in der Vergangenheit Cannabis konsumiert zu haben. Es ist aber kein Strafverfahren gegen ihn im Zusammenhang mit dem Besitz von Betäubungsmitteln bekannt. Bei der Festnahme wurden bei ihm keine Drogen gefunden.

Am Mittwoch soll Paul H. dem Ermittlungsrichter vorgeführt werden. Ihm wird Mord sowie versuchter Mord in drei Fällen vorgeworfen.



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