Großbritannien Furcht vor einer dritten Terrorzelle

Die britische Polizei befürchtet neue Anschläge durch eine dritte Terrorzelle. Sie soll unabhängig von den Attentätern der ersten beiden Bombenserien agieren. Auf dem Flughafen Heathrow wurde eine Reisetasche mit gefälschten Papieren gefunden.


Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen in London: Dritte Terrorgruppe soll unterwegs sein
REUTERS

Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen in London: Dritte Terrorgruppe soll unterwegs sein

London - Eine dritte Gruppe gewaltbereiter Extremisten sei noch auf freiem Fuß und plane weitere Attentate auf "weiche Ziele" in London, berichtete die "Sunday Times" unter Berufung auf Sicherheitskräfte. Die Polizeiführung habe am Mittwoch auf einer Sondersitzung entsprechende Informationen erhalten, woraufhin am Donnerstag etwa 6000 Polizisten zur Sicherung der britischen Hauptstadt abkommandiert worden seien.

Die dritte Gruppe agiere unabhängig von den Attentätern der ersten beiden Bombenserien, stünden aber in Verbindung mit einigen der mutmaßlichen Täter vom 21. Juli, berichtete die "Sunday Times". Ein Ermittler sagte der Zeitung, die Festnahmen vom Freitag seien "nur die Spitze des Eisbergs". "In Kürze kommt etwas ziemlich Großes auf uns zu. Es gibt ein großes Netzwerk, das zerschlagen werden muss." Die britischen und italienischen Behörden hatten am Freitag alle drei damals noch gesuchten mutmaßlichen Attentäter vom 21. Juli festgenommen. Der vierte Mann ist seit Mittwoch in Gewahrsam.

"Jemand muss in Panik gewesen sein ..."

Unterdessen wurde der Fund einer Reisetasche mit zahlreichen gefälschten Papieren am Londoner Flughafen Heathrow bekannt. Ein Taxifahrer habe die Tasche bereits am Donnerstag auf einem Standstreifen in der Nähe des Gelände gefunden, berichtete die Boulevardzeitung "News of the World" am Sonntag. In ihr seien unter anderem 19 falsche Pässe für eine pakistanische, indische, britische, nepalesische und südafrikanische Staatsangehörigkeit gewesen. Fotos von denselben Männern seien in mehreren Ausweisen gewesen. Viele Pässe hätten falsche Visa enthalten.

In der mit einem Schild der Fluglinie Qatar Airways gekennzeichneten Tasche habe sich zudem ein Brief an einen Moslem im nordenglischen Dewsbury befunden, berichtete das Blatt weiter. Aus Dewsbury stammt einer der Selbstmordattentäter vom 7. Juli. Andere Unterlagen verwiesen demnach auf Leeds, aus dem zwei weitere Selbstmordattentäter kamen. Ein Mitarbeiter des britischen Innenministeriums sagte dem Blatt: "Die Reisetasche könnte eine sehr bedeutsame Entdeckung sein. Jemand muss wirklich in Panik gewesen, um so viel potentielles Beweismaterial einfach wegzuwerfen."

Nach den beiden Anschlagsserien in London hat die britische Polizei insgesamt 28 Menschen festgenommen. Elf von ihnen seien noch in Haft, teilte Scotland Yard gestern in der britischen Hauptstadt mit. Im Zuge der Ermittlungen seien 14 Adressen in London und zwei in Birmingham durchsucht worden. Rund 8500 Dokumente und 35.000 Überwachungsvideos seien geprüft worden. Insgesamt komme die Polizei auf 5300 "Aktionen und Operationen".

Suche nach dem Motiv

Der in Italien gefasste mutmaßliche Londoner Attentäter Osman Hussain, dessen Name auch mit Hamdi Isaac angegeben wird, hat nach eigenem Bekunden keine Verbindung zum internationalen Terrornetzwerk al-Qaida. Dies habe der aus Äthiopien stammende Brite Vertretern der italienischen Behörden gesagt, meldete die italienische Nachrichtenagentur Ansa am Sonntag. Auch zu den drei Pakistan stammenden Attentätern vom 7. Juli und einem zum Islam konvertierten Jamaikaner mit britischem Pass stand er nach eigener Aussage nicht in Kontakt. Hussain gilt als einer der Attentäter der fehlgeschlagenen Anschlagsserie vom 21. Juli.

Er sei in einem Fitnessstudio im Londonder Stadtteil Notting Hill angeworben worden, sagte Hussain laut Ansa den Ermittlern. "Mir ist gesagt worden, dass wir unsere festgenommenen Leute rächen müssen, die nach den Bomben vom 7. Juli ins Gefängnis geworfen wurden", zitierte ihn die Nachrichtenagentur. Auf ein Zeichen hin hätten er und die anderen die Tat ausgeführt. Es habe sich lediglich um eine "Demonstration" gehandelt. Ziel sei es gewesen, Aufsehen zu erregen. Er habe niemanden töten wollen.

Hussain sagte weiter, für den Bau der Bomben seien Düngemittel und Säure verwendet worden. Es sei aber etwas schief gegangen. Er selbst habe sich am Bein verletzt, weil die Säure während des Transports ausgelaufen sei.

Laut Ansa gehen die italienischen Ermittler davon aus, dass Hussain nicht aus einem "heiligen religiösen Zorn" heraus handelte, sondern vielmehr die erste Anschlagserie nachahmen wollte, bei der exakt zwei Wochen vorher 56 Menschen ums Leben gekommen und etwa 700 Menschen verletzt worden waren. Bei den Anschlägen vom 21. Juli auf drei U-Bahnhöfe und einen Bus war niemand zu Schaden gekommen. Die Sprengsätze waren teilweise nicht richtig detoniert.

"Wir wollten nur Terror verbreiten"

Einem Bericht der italienischen Zeitung "La Repubblica" zufolge nannte Hussain in der Vernehmung den Irak-Krieg als Motiv. Hussain sagte den Angaben zufolge, Anführer der Gruppe sei ein Mann namens "Muktar" gewesen. Dabei könnte es sich um Muktar Said Ibrahim handeln, einen der am Freitag in London festgenommenen Verdächtigen.

"Muktar zeigte uns Bilder vom Irak-Krieg", sagte Hussain. Er habe den anderen auch gezeigt, wie man Bomben baut. Andere Menschen sollten dabei aber nicht getötet werden. Die Zeitung "La Repubblica" zitierte Hussain mit den Worten: "Muktar hat uns gesagt, wir sollten vorsichtig sein. Wir wollten nicht töten, wir wollten nur Terror verbreiten."

Hussain wurde am Freitag in der Wohnung seines Bruders in Rom festgenommen und am Samstag intensiv verhört. Seine vom Gericht bestellte Anwältin erklärte, er werde sich einer Auslieferung nach Großbritannien allem Anschein nach widersetzen.

Die britische Regierung will nach den Terroranschlägen von London konkrete Schritte für bessere Beziehungen zu muslimischen Gemeinden unternehmen. Wie eine Sprecherin des Innenministeriums am Sonntag mitteilte, sollten im August in verschiedenen Städten acht Treffen von Ministervertretern und den Leitern islamischer Gemeinden stattfinden. Dabei solle über die Probleme der muslimischen Bevölkerung gesprochen, sagte die Sprecherin. Am 20. September sollten dann bei einem Runden Tisch mit Innenminister Charles Clarke und Muslimvertretern konkrete Lösungsvorschläge erarbeitet werden.

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