Großbritannien Richterin sieht systematische Verharmlosung von Missbrauch

Großbritannien will Kindesmissbrauch in der Gesellschaft aufarbeiten - endlich. An der Spitze der Untersuchungskommission steht eine Richterin aus Neuseeland. Sie geht davon aus, dass sexuelle Übergriffe systematisch heruntergespielt wurden.


In England und Wales könnte jedes 20. Kind Opfer von Missbrauch geworden sein. Das sagt Lowell Goddard, Leiterin einer Untersuchungskommission, die Kindesmissbrauch in weiten Teilen der britischen Gesellschaft aufklären soll. "Das wahre Bild könnte noch schlimmer sein."

Goddard, eine neuseeländische Richterin, startete die Untersuchung mit einem Jahr Verzögerung. Zuvor hatten zwei vom britischen Innenministerium vorgeschlagene Vorsitzende wegen Befangenheitsvorwürfen aufgeben müssen.

Im Zuge der Affäre um den ehemaligen BBC-Entertainer Jimmy Savile waren in Großbritannien verheerende Missstände quer durch alle Bevölkerungsschichten aufgedeckt worden. Entertainer, Geistliche, Politiker, Krankenhausmitarbeiter - Missbrauchsskandale gab es in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Der Polizei wird vorgeworfen, über Jahrzehnte Skandale ignoriert oder nur nachlässig ermittelt zu haben.

Unter anderem sollen neben zahlreichen Unterhaltungsstars im Umfeld der BBC der inzwischen gestorbene frühere Innenminister Leon Brittan sowie weitere hochrangige Politiker beteiligt gewesen sein. In mehreren Städten flogen Ringe von Sexualstraftätern etwa in der Taxifahrerszene auf. "Niemand, ganz gleich wie mächtig er erscheinen mag, wird unsere Ermittlungen stören", versprach Goddard.

Man habe zwar nicht die Macht, Leute wie ein Gericht zu verurteilen, sagte sie. Aber man werde nicht zögern, die Namen von Tätern zu nennen. Der Missbrauch habe "Narben hinterlassen, nicht nur bei den Opfern, sondern auch in der Gesellschaft", sagte Goddard zum Auftakt der Untersuchung.

Ein abschließender Bericht der Kommission soll erst 2020 erscheinen, es soll aber jährliche Updates geben. Opfer können anonym aussagen; früheren Staatsdienern wurde Straffreiheit zugesagt, wenn sie Missstände in Behörden offenlegen. Laut Goddard gibt es Anzeichen für systematisches Herunterspielen und Falschdarstellung bei Polizei und anderen Behörden.

ulz/dpa/AP

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