Teenager in Großbritannien Mit Löffeln gegen Zwangsheirat

Die britische Regierung warnt vor einem Anstieg von Zwangsheiraten in den Sommerferien. Eine Hilfsorganisation gibt betroffenen Teenagern Tipps, wie sie in letzter Minute entkommen können. Das empfohlene Werkzeug: ein Löffel.
Löffel (Symbolfoto): Metalldetektoren auf Flughäfen sollen anschlagen

Löffel (Symbolfoto): Metalldetektoren auf Flughäfen sollen anschlagen

Foto: Bebeto Matthews/ AP

London - Es ist ein simpler Trick, doch er kann junge Frauen möglicherweise vor einer ungewollten Ehe bewahren. Die britische Hilfsorganisation Karma Nirvana rät Teenagern, die fürchten, für eine Zwangsheirat ins Ausland gebracht zu werden, einen Löffel oder einen anderen Metallgegenstand in ihrer Kleidung zu verstecken. So würden die Metalldetektoren an Flughäfen ausschlagen, und ihr Abflug könnte in letzter Minute verhindert werden.

Karma Nirvana betreibt eine Telefon-Hotline für Opfer von Zwangsehen. Eigenen Angaben zufolge erreichen die Organisation pro Monat etwa 600 Hilferufe. "Wenn Jugendliche anrufen, die nicht genau wissen, wann oder ob sie zwangsverheiratet werden, raten wir ihnen, einen Löffel in ihrer Unterwäsche zu verstecken", sagte Karma-Nirvana-Sprecherin Natasha Rattu dem "Independent" . Sie wisse von vielen Mädchen, die diesen Trick erfolgreich angewendet hätten, um von ihrer Familie getrennt zu werden.

"Es ist ein sicherer Ausweg aus einer gefährlichen Situation", so Rattu. Denn nach dem Auslösen der Metalldetektoren würden die jungen Frauen an einen sicheren Ort bracht, wo sie "die letzte Chance haben, offenzulegen, dass sie gegen ihren Willen verheiratet werden sollen".

Fast die Hälfte der Fälle betrifft Pakistan

Die britische Regierung hatte erst kürzlich vor einem Anstieg von Zwangsheiraten in den Schulferien gewarnt. Im Sommer gebe es besonders viele Berichte über junge Menschen, vor allem Mädchen, die in den "Urlaub" in die Heimat ihrer Familien geschickt würden - und keine Ahnung davon hätten, dass sie dort zwangsverheiratet werden sollen, teilte das Innenministerium mit.

Lehrer, Ärzte und insbesondere auch Flughafenpersonal sollten die Augen offenhalten, so das Ministerium. Die Behörden riefen gefährdete junge Leute auf, Hilfe zu suchen. Die zuständige Abteilung in Großbritannien hatte im vergangenen Jahr mit rund 1500 Fällen zu tun, mehr als 400 davon allein in den Sommermonaten. Die Dunkelziffer, so die Befürchtung, dürfte deutlich höher sein. In einem Drittel der Fälle ging es um Jugendliche unter 17 Jahren. Fast die Hälfte der Betroffenen wurde nach Pakistan geschickt, elf Prozent nach Bangladesch und acht Prozent nach Indien. Das jüngste Opfer war den Angaben zufolge gerade zwei Jahre alt.

"Es ist wichtig, dass junge Menschen, die zu Familienfeiern ins Ausland reisen, erkennen, dass es ihre eigene Hochzeit sein könnte", sagte Aneeta Preem, Gründerin der Kinderschutzorganisation Freedom Charity, der BBC . "Und sie sollten wissen, wen sie kontaktieren können, falls sie sich wirklich in Gefahr befinden sollten." Freedom Charity hatte im Dezember 2012 eine gemeinsam mit der Polizei entwickelte App für Smartphones vorgestellt, die betroffenen Jugendlichen Hilfe bieten soll.

"Ich hatte den Kerl noch nie gesehen"

Welches Schicksal zwangsverheirateten Mädchen droht, darüber berichtete Sameem Ali, die im Stadtrat von Manchester sitzt, aus eigener Erfahrung. In den vergangenen 30 Jahren, seit sie als 13-Jährige in Pakistan zwangsverheiratet wurde, habe sich nur wenig an dem Problem geändert. "Ich wusste bis eine Woche vor der Hochzeit nicht, dass ich zu einer Ehe gezwungen werden sollte", sagte Ali. "Ich hatte den Kerl noch nie gesehen und wusste nicht, wo ich war."

Die einzige Chance auf eine Rückkehr nach Großbritannien sei es, schwanger zu werden, habe man ihr gesagt. Fünf Monate später brachte ihre Mutter sie zurück. Obwohl sie ein schwangeres, 14-jähriges Mädchen gewesen sei, habe niemand Fragen gestellt, noch nicht mal die Ärzte, die sie untersuchten. Lehrer müssten mit ihren Schülern über das Problem Zwangsheirat sprechen, forderte Ali. "Sonst bleibt es für die nächsten 30 Jahre ein Tabuthema."

Eine andere Frau, deren Identität zu ihrem Schutz geheimgehalten wird, sagte der Nachrichtenagentur AFP, ihr Vater habe sie zu einer Hochzeit in Indien gezwungen. Er habe gedroht, sie umzubringen, falls sie flüchten sollte. "Ich war einem völlig Fremden ausgeliefert. In der Nacht wurde ich von meinem Mann vergewaltigt. Und dieser Missbrauch ging achteinhalb Jahre meines Lebens weiter", sagte sie. Später gelang ihr die Flucht.

Die britische Regierung hatte im vergangenen Jahr Pläne für neue Gesetzesregelungen angekündigt: Demnach sollen Eltern, die ihre Kinder zwangsverheiraten, mit Gefängnis bestraft werden. Schätzungen zufolge werden pro Jahr rund 5000 Menschen in Großbritannien gegen ihren Willen zu einer Eheschließung gezwungen.

wit/AFP
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