Dresdener Juwelendiebstahl »Dann explodierte das Auto unmittelbar vor meiner Nase«

Nach dem Einbruch ins Grüne Gewölbe sollen die Täter ihr Fluchtauto in einer Dresdener Tiefgarage angezündet haben. Der Schaden am Gebäude betrug mehr als 400.000 Euro. Warum auch Anwohner massiv betroffen waren.
Von Wiebke Ramm
Einer der Angeklagten im Fall des Dresdener Juwelendiebstahls (im Januar 2022): Lange Haftstrafe droht

Einer der Angeklagten im Fall des Dresdener Juwelendiebstahls (im Januar 2022): Lange Haftstrafe droht

Foto: Jens Schlueter / dpa

»Der Schaden war immens«, sagt der Polizist vor Gericht. »Mehrere Autos waren komplett zerstört.« Der Brand in der Tiefgarage im Dresdner Stadtteil Pieschen brach am 25. November 2019 etwa gegen 5.15 Uhr aus. Ein Audi S6 Avant ging in Flammen auf, drei weitere Autos wurden von dem Feuer erfasst, Dutzende andere kamen zu Schaden. Insgesamt 61 beschädigte Fahrzeuge zählten die Ermittler. Die Tiefgarage gehört zu einem Wohnkomplex. Dass die Bewohnerinnen und Bewohner relativ glimpflich davonkamen, ist wohl nur dem Zufall zu verdanken.

Im ausgebrannten Audi fanden die Ermittler Einbruchswerkzeug, einen Revolver und das Stück eines Fenstergitters vom Dresdner Residenzschloss. Durch jenes Fenster waren wenige Minuten vor dem Brand Diebe ins historische Grüne Gewölbe gestiegen. Sie erbeuteten 21 Schmuckstücke mit mehr als 4300 Diamanten und Brillanten. Mit dem Audi sollen die Täter dann zu der knapp fünf Kilometer entfernten Tiefgarage gefahren sein. Um Spuren zu verwischen, sollen sie das Auto angezündet haben. Laut Anklage sollen sie anschließend mit einem als Taxi getarnten Mercedes nach Berlin gefahren sein.

Sechs Mitglieder des Berliner Rammo-Clans müssen sich seit Januar wegen des Einbruchs ins Grüne Gewölbe vor dem Landgericht Dresden verantworten . Wegen des Brandes in der Tiefgarage wirft die Staatsanwaltschaft Abdul Majed, Mohamed, Wissam, Ahmed, und Bashir Rammo sowie Rabieh Remo nicht nur schweren Bandendiebstahl, sondern auch besonders schwere Brandstiftung vor. Als besonders schwer gilt eine Brandstiftung, wenn sie eine andere Straftat verdecken soll, ein Gebäude teilweise zerstört wird und Menschen in Gefahr geraten. Schon für diese Tat droht eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf und maximal 15 Jahren.

Was an jenem Novembermorgen in der Tiefgarage geschah, haben am Dienstag und Freitag mehrere Zeuginnen und Zeugen vor Gericht geschildert.

Eine Zeugin war kurz nach 5 Uhr in der Tiefgarage in ihr Auto gestiegen, um zur Arbeit zu fahren. Sie fuhr zur Ausfahrt und zog an einem Seil, um das Rolltor zu öffnen. Draußen, direkt vor dem Tor, habe ein Audi gestanden. Die 61-Jährige erinnert sich am Dienstag vage an einen Mann am Steuer. Ob noch weitere Menschen im Auto saßen, kann sie nicht mehr sagen. Nahezu zeitgleich seien die beiden Autos durchs Tor gefahren: »Ich raus, er rein.« Die Frau konzentrierte sich aufs Autofahren und achtete nicht darauf, wer im Audi saß. Ihr Gedanke war, dass der Fahrer vielleicht Probleme mit seinem Tiefgaragenschlüssel hatte und deshalb vor dem Rolltor gewartet hatte, sagt sie.

»Sie meinen, wenn Sie nicht gekommen wären, wären die nicht reingekommen?«, fragt Verteidiger Toralf Nöding. »Oder sie hätten auf das nächste Auto warten müssen«, sagt die Zeugin.

Dichter schwarzer Rauch aus den Lüftungsschächten

Die Verteidigung sieht durch die Aussage der Zeugin den Anklagevorwurf der gemeinschaftlich begangenen besonders schweren Brandstiftung »deutlich erschüttert«. Wenn die Einfahrt in die Tiefgarage vom bloßen Zufall abhing, dann könne es keinen gemeinsamen Tatplan gegeben haben, den Audi in der Garage anzuzünden. Das »extreme Entdeckungs- und Identifizierungsrisiko« am Rolltor widerspreche einem ausgeklügelten Plan. Die Staatsanwaltschaft will das so nicht stehen lassen und kündigt eine Stellungnahme für kommende Woche an.

Gegen 5.15 Uhr betrat am 25. November 2019 die nächste Frau die Tiefgarage. »Es roch nach Feuer«, sagt die heute 59 Jahre alte Verkäuferin am Dienstag vor Gericht. Die Alarmanlage eines Autos sei losgegangen, dann der Rauchmelder. »Dann explodierte das Auto unmittelbar vor meiner Nase. Es knallte. Dann kam ein Feuerball aus der Ecke. Dann bin ich raus. Dann knallte es noch drei-, viermal.« Draußen sei dichter schwarzer Rauch aus den Lüftungsschächten der Tiefgarage gestiegen. Körperlich blieb die Zeugin unversehrt. Psychisch hat das Erlebte Spuren hinterlassen.

Die Zeugin sagt, seit jenem Morgen könne sie nicht mehr unbeschwert Kellerräume und Tiefgaragen betreten. »Ich habe richtig Panik, wenn ich in den Keller muss.« Die Tiefgarage hätte sie wohl nie wieder genutzt, sagt sie. Sie kam nicht in die Verlegenheit: Noch heute ist die Tiefgarage gesperrt. Und im Mai 2021 zog die Zeugin aus ihrer Wohnung aus.

Von einem »Feuerball« hatte die Frau bei der Polizei laut Vernehmungsprotokoll noch nicht gesprochen. Auch den Standort des Audis kann sie vor Gericht nicht mehr zutreffend benennen.

Mehr als 400.000 Euro Schaden

Die Kammer zeigt am Freitag Fotos von der Tiefgarage. Ausgebrannte Autowracks, beschädigte Fahrzeuge, ein verschmorter Revolver und Schäden an der Betondecke und dem Boden der Tiefgarage sind zu sehen. Die Staatsanwaltschaft Dresden hat die Sachschäden an den Autos in ihrer Anklage auf exakt 171.329,88 Euro beziffert, hinzu kommen die Schäden an der Tiefgarage: 420.972,87 Euro.

»Die ganze Wohnung war voller Rauch«, berichtet ein weiterer Zeuge. Die damalige Wohnung des heute 45-Jährigen liegt im Erdgeschoss. Dichter Qualm sei durch die Lüftungsschächte über den Innenhof durch die geöffneten Fenster gezogen. Auch durch Leitungen im Badezimmer sei Rauch gedrungen. Der Zeuge und seine Frau schliefen. Sein Schwager bemerkte den Qualm und weckte beide. »Ich habe gehustet, es ging mir nicht so gut«, sagt der Zeuge.

Der Gestank in der Wohnung hielt sich hartnäckig. »Die Hälfte unserer Sachen konnten wir wegschmeißen.« Sein Auto stand in der Tiefgarage, viel übrig geblieben ist davon nicht. »Totalschaden.«

Verteidigerin Ines Kilian hält dem Zeugen am Dienstag vor, dass die Polizei »nichts, aber auch gar nichts« von Schäden in seiner Wohnung vermerkt habe. Der Zeuge schweigt zunächst. Dann sagt er: »Was soll ich dazu jetzt sagen?«

Er habe die Schäden in der Wohnung fotografiert, auch ein Video von dem Qualm habe er gemacht. Beides will er dem Gericht nachreichen, zudem seinen Arzt von der Schweigepflicht entbinden. Und seine Aussage gibt noch weiteren Anlass für Nachermittlungen. Er sagt, es seien noch ein oder zwei andere Erdgeschosswohnungen betroffen gewesen. Die Prozessbeteiligten hören davon zum ersten Mal.

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