Grundsatzurteil zur Todesstrafe 14 Hinrichtungen in USA geplant

Sieben Monaten stand die Todesmaschinerie still. Nach dem Urteil des höchsten US-Gerichts, wonach die Hinrichtung mit der Giftspritze zulässig ist, wurden jetzt zahlreiche Exekutionen angesetzt - gegen die Bedenken vieler Kritiker. Bereits am kommenden Dienstag beginnt das Töten.

Hamburg - Es gibt viel aufzuholen für die Vollstrecker. Seit September 2007 durften Todesurteile in den USA nicht mehr per Giftspritze vollstreckt werden. Eine Entscheidung die für eine regelrechten Stau in der sogenannten "Todesschlange", der Death Row, sorgte. Jetzt aber soll es wieder losgehen mit den Hinrichtungen per Todesspritze. Wie die " New York Times " berichtet, sind in den USA für die kommenden Monate 14 Exekutionen geplant - weitere sollen folgen.

Der Auslöser für die Hinrichtungspause war eine vollkommen misslungene Exekution in Florida im Dezember 2006. Damals quälte sich der Raubmörder Angel Nieves Díaz 34 Minuten lang, bis die Todesspritze endlich wirkte. Wäre alles nach Plan verlaufen, hätte er bereits nach sieben Minuten betäubt sein und schmerzlos sterben sollen.

Doch wie Ärzte feststellten war die Giftinjektion vom Henker falsch gesetzt worden. Statt in eine Vene injizierte der Vollstrecker das Gemisch in einen Muskel. Die Folge: Der Verurteilte litt unter Krämpfen, heftigen Schmerzen und erlebte bei vollem Bewusstsein, wie zuerst seine Lunge und dann sein Herz gelähmt wurden. Er starb einen qualvollen Tod.

Zwei bereits zum Tode Verurteilte nahmen dieses Ereignis zum Anlass gegen die Exekution per Giftspritze zu klagen. Die Methode sei eine "ungewöhnliche und grausame" Bestrafung, verstoße damit gegen die US-Verfassung. Weitere Hinrichtungen wurden daraufhin ausgesetzt, um eine Entscheidung des Obersten Bundesgerichts der Vereinigten Staaten abzuwarten. Im April nun haben die Richter ihren Spruch verkündet - und die Hinrichtung per Giftinjektion für rechtens erklärt.

Die Diskussion beginnt von Neuem

Für die Henker bedeutet diese Entscheidung, dass sich ihre Terminkalender nun in rasendem Tempo füllen. Bereits am 6. Mai soll in Georgia die erste Hinrichtung erfolgen, weitere fünf sind in Texas geplant, vier in Virginia, die übrigen verteilen sich auf Louisiana, Oklahoma und South Dakota.

Die Wiederaufnahme der Hinrichtungen dürfte nach Expertenmeinung zu einer neuen Runde der Diskussionen über die Todesstrafe führen. Gegenüber der "New York Times" sagte der Rechtsprofessor James R. Acker: "Wenn die Leute mit einer neuen Welle von Hinrichtungen konfrontiert werden, werden sie nicht nur die Hinrichtungsmethode hinterfragen, sondern auch, ob Hinrichtungen überhaupt durchgeführt werden sollten."

Uno fordert Stopp der Todesstrafe

Zu den erbitterten Gegnern der Todesstrafe zählt etwa die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Deren Geschäftsführer Larry Cox argumentiert, das System sei "im Kern fehlerhaft". Es werde immer offensichtlicher, wie viele "Unschuldige verurteilt und womöglich auch hingerichtet" würden. Einer davon könnte William Lynd sein. Lynd ist der erste Gefangene, der nach dem Zwangspause am 6. Mai in Georgia hingerichtet werden soll.

Amnesty International gibt an, bei den Ermittlungen gegen der als Mörder Verurteilten seien Fehler gemacht, Beweise falsch ausgewertet und interpretiert worden. Möglicherweise, sei der Mann nur des Totschlags und nicht des Mordes schuldig, womit die Verurteilung zur Todesstrafe aufgehoben werden müsste.

Zu derartigen - und oft noch viel krasseren - Fehlurteilen ist es schon mehrfach in der US-Justiz gekommen. Drei besonders deutliche Fälle hatten Ende 2007 dazu geführt, dass sich der Uno-Menschenrechtsausschuss für eine Aussetzung der Todesstrafe aussprach. Damals hatte Amnesty International dem Ausschuss drei Fälle von unschuldig zum Tode Verurteilten vorgestellt. Die darauf folgende hitzige Debatte endete mit der Forderung nach einem weltweiten Stopp aller Hinrichtungen.

3263 Verurteilte in der Warteschlange

Vertreter von Opferorganisationen hingegen begrüßen die Wiederaufnahme der Hinrichtungen. So beispielsweise William R. Hubbarth von "Justice for All", der seine Organisation vor einer Art Aufholjagd sieht. "Die Strafen die für Kapitalverbrechen verhängt worden sind sollten auch vollstreckt worden," sagt Hubbarth.

Derzeit sieht es ganz danach aus, als würde sein Wunsch in Erfüllung gehen. Nach Information der Todesstrafengegner vom Death Penalty Information Center  sollen bereits weitere neun Häftlinge die Termine zur Vollstreckung ihrer Todesurteile bekommen haben. Insgesamt, so die Organisation, warten aktuell 3263 zum Tode Verurteilte auf ihre Vollstreckung.

Etwa 360 davon sitzen allein in der kleinen Stadt Huntsville, nördlich von Houston, in der "Death Row". Texas ist traditionell der US-Staat, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Von insgesamt 42 in den USA durchgeführten Exekutionen fanden 2007 immerhin 26 in Texas statt.

Wie Menschen hingerichtet werden

Darüber, wie diese Hinrichtungen durchgeführt werden, führen die Beamten akribisch Buch, veröffentlichen ihre Statistiken auf einer eigens dafür eingerichteten Webseite . Akribisch haben die Beamten dort aufgeschlüsselt, welche Chemikalien in der Todesspritze verwendet werden und was so eine Injektion den Steuerzahler kostet: genau 86,06 Dollar.

Lieber tot als lebenslänglich eingesperrt?

Bis es allerdings soweit ist, dass die tödliche Injektion gesetzt wird, müssen die Verurteilten im Durchschnitt 10,26 Jahre in der Todeszelle warten. Eine Zeit, die für viele der Insassen offenbar zur Tortur wird.

So etwa für Jack Harry Smith, der bereits seit 30 Jahren in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet. Der jetzt 70-Jährige, der sich nur noch im Rollstuhl bewegen kann, bezeichnet lebenslange Haft als weit schlimmer als die Todesstrafe, empfindet das Gefängnis als Folter. "Wenn es meine Zeit ist zu gehen, dann ist es meine Zeit zu gehen", sagt der wegen Raubmordes Verurteilte.

Dennoch besteht Smith darauf, unschuldig zu sein - ob er das tatsächlich ist, wird wohl nie aufgeklärt werden.