Gruseliges Videovermächtnis Das Paket des Killers

Der Killer von Blacksburg hat ein gruseliges Testament hinterlassen: ein "Manifest" mit Videos und Fotos, das er während seines Amoklaufs eiskalt in den Briefkasten steckte. Es offenbart die kranke Seele eines Psychopathen - und die Mankos der Gesellschaft.

New York - Das Päckchen erreichte die zentrale Poststelle des TV-Networks NBC am Rockefeller Center wegen einer falschen Postleitzahl auf dem Umschlag erst gestern. Es war eine Express-Sendung, adressiert an die Nachrichtenabteilung. Inhalt: eine DVD mit 43 Fotos und 23 QuickTime-Videos, daneben ein langes "Manifest". Es waren die letzten Worte des Killers von Blacksburg, Cho Seung-Hui.

"Ihr hattet hundert Milliarden Chancen und Wege, diesen Tag zu vermeiden", murmelt Cho, 23, mit leblosen Augen in die Kamera, eine schwarze Baseballmütze rücklings aufgesetzt. "Aber ihr habt beschlossen, mein Blut zu vergießen. Ihr habt mich in eine Ecke gezwungen und mir nur eine Option gelassen. Die Entscheidung war eure. Nun habt ihr Blut an euren Händen, das sich nie abwaschen lässt." Poststempel der Botschaft aus dem Jenseits: Montag, 9.01 Uhr. Cho hatte sie während seines Amoklaufs abgeschickt - seelenruhig, nach den ersten zwei Morden, aber noch vor der zweiten Welle.

Auf den ersten Blick ist dies der digitale Abschiedsbrief eines Massenmörders, eines Psychopathen mit Wahnvorstellungen. "Beunruhigend, sehr beunruhigend", gruselte sich Steve Capus, der Präsident von NBC News, der das Päckchen persönlich dem FBI übergab. Bei näherem Hinsehen aber offenbaren sich neue, dramatische und nicht unbedingt bequeme Hintergründe dieser Bluttat, wie sie auch schon in anderen Entwicklungen gestern durchschimmerten.

"Ihr habt mein Herz verwüstet, meine Seele vergewaltigt und mein Gewissen in Brand gesetzt", sagt Cho. "Ihr habt gedacht, es sei nur das Leben eines erbärmlichen Jungen, das ihr auslöscht." Wieder und wieder gibt er anderen die Schuld an seiner Tat, für deren Opfer er keinerlei Mitgefühl zeigt. Ein Großteil des Materials besteht aus Schimpfwörtern.

"Gestört" und "depressiv"

Einmal bezieht er sich auf "Eric und Dylan" - wohl Eric Harris und Dylan Klebold, die beiden Amokläufer, die vor fast exakt acht Jahren an der Columbine High School in Colorado zwölf Mitschüler, einen Lehrer und dann sich selbst erschossen und dies ähnlich rechtfertigten.

Auch Cho sah sich selbst offenbar als "Opfer" von Übergriffen, Anfeindungen oder anderen Missetaten, die er aber nicht weiter präzisiert - ein "Opfer", das zum Täter wurde. Eine US-Psychologin mutmaßte gestern, dies seien klassische Merkmale eines Menschen, der "belästigt" wurde, womöglich sexuell: "Dies war ein Hilferuf." Auch Susan Lipkins, Expertin für Gewalt an Schulen und unter Jugendlichen, kam das allzu bekannt vor: Sie diagnostizierte "paranoide Schizophrenie" als Folge echter oder eingebildeter Leiden.

Doch natürlich wird nicht jeder, der psychische Probleme hat, gleich zum Massenmörder, Hilferufe nicht zu Amokläufen. Chos Weg vom stillen, gestörten Studenten zum Schlächter unschuldiger Kommilitonen war ein Prozess, der sich offensichtlich über viele Jahre hinzog - unter den Augen der Behörden.

Das bestätigten auch frühere Enthüllungen des Tages. Cho war schon 2005 aufgefallen, nachdem sich zwei Studentinnen über ihn beschwert hatten. Er landete als "gestört", "depressiv" und selbstmordgefährdet kurz in der Psychiatrie. Dann wurde er an die Virginia Tech University zurückgeschickt, die von weiteren Schritten absah. Akte geschlossen.

"Ich werde nicht länger wegrennen"

Dabei waren das erste Zeichen, dass im Hirn des als Sonderlings und "Einzelgängers" bekannten Chos Düsteres gärte. Die Lehrer bemerkten auch etwas. Nikki Giovanni, eine beliebte Englisch-Professorin und prominente Schriftstellerin, schmiss Cho wegen seines destruktiven Benehmens aus ihrer Klasse. "Er war gemein. Er versuchte, mich zu tyrannisieren. Er versuchte, die Klasse zu tyrannisieren."

Macht sie sich heute Vorwürfe? "Ehrlich, ehrlich, ehrlich", beteuerte Giovanni gestern Abend, "ich glaube nicht, dass irgendeiner von uns eine Ahnung hatte, dass es so weit kommen würde. Ich sehe es als tragisch, nicht augenfällig." Einige Studenten dagegen wollen es im Nachhinein geahnt haben. "Wir haben nur darauf gewartet, dass er etwas anstellt", sagte Chos Klassenkameradin Stephanie Derry der Universitätszeitung "Collegiate Times".

Déjà-vu: Der Außenseiter, der zum Rächer mutiert - ob wegen Missbrauch, aus sozialen Gründen oder aufgrund einer unbehandelten Geistesstörung: Es ist ein altes Motiv und kaum US-spezifisch. Auch wenn die Gesellschaft hier lieber Gewinner ehrt und solche, die sich der traditionellen Gruppendynamik anpassen, an Schulen und Colleges zum Beispiel Football-Spieler und Cheerleader, die "Jocks" und "Homecoming Queens". Andere werden schnell beiseite geschoben und allein gelassen mit ihrem Groll.

Normale Menschen stecken sowas weg. Cho dagegen bezieht sich in seinem markerschütternden Video-Geständnis auf ungenannte Zuwiderhandlungen, die er nicht länger ertragen wolle. "Ich hätte dies nicht tun müssen", kündigt er den Amoklauf an. "Ich hätte gehen können. Ich hätte fliehen können. Aber nein, ich werde nicht länger wegrennen."

Ähnlich narzisstisch-selbstmitleidige Worte kamen auch von den Mördern von Columbine. Und von Barry Loukaitis, der 1996 im US- Bundesstaat Washington drei Menschen erschoss. Und von Mitchell Johnson und Andrew Golden, die 1998 in Arkansas vier Mitschülerinnen und eine Lehrerin umbrachten. Letztere zwei Täter waren 13 und 11 Jahre.

Wenn Scherze zu Misshandlung werden

Und schon hat Blacksburg in den USA neue Fragen aufgeworfen: Wie lassen sich gepeinigte, womöglich gefährliche Jugendliche besser identifizieren, betreuen, behandeln und letztlich sicher in den Griff bekommen?

"Im ganzen Land haben wir Menschen, die auf diese Weise leiden", sagt Lipkins. Die Psychologin hat sich in ihrer Forschung ausgiebig mit dem "erniedrigenden, einschüchternden und psychisch gefährlichen" Phänomen des "Hazings" befasst - an Misshandlung grenzende "Scherze", mit denen "soziale Gruppen ihre Hackordnung wahren", eben auch an Schulen und Unis. Doch niemand kümmere sich angemessen um das Problem.

Ein gefährliches Pflaster: Die Schuld für Blacksburg liegt natürlich nicht bei den wahren Opfern, den 32 toten Studenten und Lehrern. Das findet auch Franklin Graham, der Sohn des legendären US- Massenpredigers, der gestern den Campus von Virginia Tech besuchte: "Wir sind zu weit gegangen, wenn es darum geht, jemandem eine zweite, eine dritte, eine vierte Chance zu geben", sagte er über die Psycho-Historie des Killers Cho.

Website des Waffenladens zerstört

War Cho wirklich ein "Opfer", womöglich nur in der eigenen Wahnvorstellung, das zum Täter wurde? Die Fachleute dürften sich darüber in den nächsten Tagen die Köpfe heiß reden. Einer ist jedenfalls froh, dass die Diskussion sich etwas verlagert: John Markell, der Besitzer des Waffenladens "Roanoke Firearms", in dem sich Cho seine halbautomatische Glock-Pistole und 50 Patronenschachteln gekauft hatte.

Markell musste seine Website jetzt wegen Vandalismus stilllegen und fürchtet sogar um sein Leben: "Ich habe zwei telefonische Morddrohungen bekommen." Dabei liege die Mitschuld doch ganz woanders: "Da hat jemand seinen Geisteszustand übersehen", sagt er über Cho, und es klingt fast erleichtert.

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