Justizopfer Gustl Mollath »Ich würde am liebsten das Land verlassen«

Gustl Mollath war über Jahre zu Unrecht in einer Psychiatrie untergebracht – nun erscheint ein neues Buch über seinen Fall. Der 64-Jährige sagt: »Ich möchte in Deutschland nicht bleiben müssen.«
Gustl Mollath (Archivbild): »Auf dieses Land ist überhaupt kein Verlass«

Gustl Mollath (Archivbild): »Auf dieses Land ist überhaupt kein Verlass«

Foto: Alexander Heinl/ dpa

Justizopfer Gustl Mollath will weg aus Deutschland. »Ich würde am liebsten das Land verlassen«, sagte der 64-Jährige in München anlässlich des Erscheinens eines neuen Buches mit dem Titel »Staatsverbrechen – Der Fall Mollath« an diesem Montag. »Auf dieses Land ist überhaupt kein Verlass«, so Mollath. Das Buch wurde von dem Juristen Wilhelm Schlötterer verfasst.

Derzeit lebt Mollath in Norddeutschland, wo er nach eigenen Angaben versucht, Fuß zu fassen. Langfristig wäre er aber »froh, wenn ich irgendein Plätzle auf der Welt finden würde. Ich möchte in Deutschland, vor allem in Bayern, nicht bleiben müssen.« Mit Blick auf die Bundestagswahl im September und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte er: »Ich werde dieses Mal erstmals wieder wählen können dürfen und muss damit rechnen, dass Söder der nächste Kanzler ist. Das beschleunigt meinen Wunsch, das Land zu verlassen.«

Der Nürnberger Mollath wurde 2006 nach einem Prozess wegen angeblicher Gewalt gegen seine Ehefrau in die Psychiatrie eingewiesen – zu Unrecht, wie sich Jahre später in einem Wiederaufnahmeverfahren herausstellte. 2747 Tage hatte er bis dahin in der Psychiatrie verbracht.

»Es war kein Justizirrtum, es war ein Staatsverbrechen.«

Buchautor Wilhelm Schlötterer

Seiner Geschichte über Schwarzgeldgeschäfte seiner Frau, die als Bankerin arbeitete, glaubte niemand. Sie wurde stattdessen als Beleg angefügt für seine Verwirrtheit und Paranoia. Sein Fall wurde später wieder aufgerollt, er kam raus aus der Psychiatrie. Behörden und Politiker – allen voran die damalige bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) – gerieten unter Druck.

Autor Schlötterer, der maßgeblich daran beteiligt war, dass Mollath den Kampf gegen die bayerische Justiz aufnahm und gewann, zeichnet den Fall nach. Der Jurist erhebt in seinem Buch einmal mehr schwere Vorwürfe gegen bayerische Politiker. »Es wird anderen Leuten auch übel mitgespielt hier in Bayern, aber der Fall Mollath war ein Exzess«, sagte Schlötterer nun. »Es war kein Justizirrtum, es war ein Staatsverbrechen.«

Der frühere Beamte Schlötterer ist seit Jahrzehnten Gegenspieler mächtiger CSU-Politiker. Als Finanzbeamter machte er sich Anfang 1993 bei der Aufklärung der sogenannten Amigo-Affäre einen Namen, die zum Sturz des damaligen Ministerpräsidenten Max Streibl (CSU) führte.

Und auch heute noch sieht er in der CSU-Spitze quasi den Ursprung allen Übels – besonders im Fall Mollath. Die Partei regiere einfach schon zu lange und zu unkontrolliert im Freistaat. »Die CSU ist seit Jahrzehnten hier an der Macht und die Justizinstitution völlig abhängig«, sagte Schlötterer.

»Nach meiner Einschätzung konnte sich der Fall Mollath nur in Bayern zeigen und in keinem anderen Bundesland. Hier ist die Staatsanwaltschaft fest in politischer Hand. Das schafft eine Neigung der Justizorgane, sich nur nach dem Winde zu richten.« Er gehe davon aus, dass die Schwarzgeldgeschäfte vertuscht werden sollten, weil der Freistaat Bayern an der Bank beteiligt war.

Auch wenn der Fall Mollath ein Schlaglicht auf Missstände im Maßregelvollzug in Bayern geworfen habe – geändert hat sich seither aus Sicht von Schlötterer und Mollath viel zu wenig. »Das ist wie mit einem wilden Hund: Dem schmeißt man kurz einen Knochen hin, damit er ruhig ist, und kümmert sich dann nicht weiter um ihn. Eine tatsächliche Verbesserung sehe ich nicht.«

Das inzwischen von Georg Eisenreich (CSU) geführte bayerische Justizministerium sieht die Sache anders als Mollath und Schlötterer: »Die bayerische Justiz hat sich mit der damaligen Kritik intensiv auseinandergesetzt«, teilte ein Sprecher mit. Er verwies darauf, dass der Freistaat »wesentlich daran mitgewirkt« habe, »strukturelle Defizite der bundesgesetzlichen Regelung zur Unterbringung in psychiatrischen Krankenhäusern« aufzuarbeiten.

Knapp 2900 Menschen in Bayern im Maßregelvollzug

Inzwischen sehe die Strafprozessordnung – nach Darstellung des Ministeriums auch dank bayerischer Initiative – vor, dass untergebrachte Menschen regelmäßig von externen Sachverständigen begutachtet werden, an deren Qualifikation nun »erhöhte Anforderungen« gestellt würden.

Ende 2019 befanden sich nach Angaben des bayerischen Sozialministeriums 2884 Menschen im Freistaat im Maßregelvollzug. Im Jahr davor waren es 2772, Ende 2017 waren es 2489. Wer wegen einer psychischen Erkrankung untergebracht wurde, verbrachte 2019 im Schnitt 5,42 Jahre in der Psychiatrie, Suchtkranke blieben dort durchschnittlich 1,42 Jahre.

Mollath, der mehr als sieben Jahre lang in der Psychiatrie saß, hat nach einer juristischen Auseinandersetzung vor dem Landgericht München I insgesamt rund 670.000 Euro Entschädigung vom Freistaat bekommen, gefordert hatte er ursprünglich 1,8 Millionen.

wit/dpa
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