Prozess gegen Gustl Mollath Platt gemacht

Die Reifen von Unternehmern, Anwälten, Ärzten soll Gustl Mollath zerstochen haben. In einem Brief hatte er die Betroffenen der Verschwörung gegen sich bezichtigt. Ein Geschädigter hat nun ausgesagt, wie bizarr der Angeklagte auf ihn wirkte.

Gustl Mollath: "Ich fand ihn nicht bedrohlich", sagt ein Zeuge
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Gustl Mollath: "Ich fand ihn nicht bedrohlich", sagt ein Zeuge

Von , Regensburg


Für den Gebrauchtwagenhändler Joachim Z. waren es anscheinend einprägsame Begegnungen: Vor etwa zehn Jahren habe ihn Gustl Mollath, der ihm zu dieser Zeit unbekannt gewesen sei, in seiner Firma zweimal besucht. Er habe sich als Freund aus Kindertagen vorgestellt und ihm mit einer Anzeige gedroht.

Ansonsten sei das Gespräch "kumpelhaft" gewesen, auch wenn Mollath aufgetreten sei wie Adolf Hitler - "genau der Bart, genau der Scheitel" - und über die amerikanisch-jüdische Weltverschwörung monologisiert habe. "Nicht mein Weltbild", sagt Zeuge Z.

Mollath habe gesagt, er sei auf der Flucht, vor der Polizei und den Banken und vor seiner Frau. Bei seinem zweiten Auftritt in der Firma habe Mollath ein Bündel Geldscheine dabeigehabt und gefragt, ob er einen Geländewagen kaufen könne. "Damit könnte er auch mal durchs Gelände abhauen, wenn es eng wird." Nur eins sei Z. gänzlich unglaubwürdig erschienen: Mollath habe behauptet, er stehe im Kontakt mit Harald Schmidt. "Er würde ihm Briefe schreiben, und Harald Schmidt würde ihm im Fernsehen antworten."

Ein neuer Tag, ein neuer Zeuge im Gerichtsdrama um Gustl Mollath, 57. Deutschlands berühmtester Ex-Psychiatriepatient muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung an seiner Ex-Frau und wegen der Sachbeschädigung an Dutzenden von Reifen im Wiederaufnahmeverfahren vor dem Regensburger Landgericht verantworten.

"Wie war das mit den Reifen?"

Den Zeugen Z. hat das Gericht als einen der Geschädigten geladen. "Also, wie war das mit den Reifen?", will die Vorsitzende Richterin wissen. Einige Zeit nach Mollaths Besuch, berichtet Z., habe er an einem Wintermorgen auf seinem Geschäftsgelände über 50 Reifen platt gefunden, einige an Fahrzeugen, andere im Reifenlager. Darunter Transportreifen, "extra verstärkt. Da braucht man zum Zerstechen ein Spezialwerkzeug".

Bei einer polizeilichen Vernehmung im Jahr 2005 hatte Z., wie DER SPIEGEL berichtete, angegeben, Mollath habe ihm einen angeschliffenen Schraubenzieher gezeigt. Er habe gesagt: Allen, die gegen ihn seien, werde es noch leidtun, er sei bereit sich zu wehren. Das bestätigt Z. auch vor dem Regensburger Landgericht. Trotzdem habe er bei seinen platten Reifen zunächst keinen Zusammenhang mit Mollath gesehen. "Ich fand ihn nicht bedrohlich." Erst nach und nach habe sich dann herausgestellt, dass "rund um die Mollath-Scheidung" Bekannten und Freunden Reifen zerstochen worden seien.

Alle auf ähnliche Weise, so erklärt es Kommissar G., der damalige Ermittler: mit einem spitzen Werkzeug, an der Flanke, sodass die Luft langsam entweicht. Allerdings hat G. die Reifen selbst nicht gesehen, er kennt nur die Berichte von Kollegen. Einige Geschädigte beschrieben einen Schlitz, andere einen kleinen Einstich, andere haben gar nichts gesehen. Gebrauchtwagenhändler Z. untersuchte einige Reifen und fand winzige punktförmige Einschnitte an der Flanke. "Aber die Polizei hat sich für meine Reifen nicht interessiert."

So kommt es, dass die Art der Beschädigung im Wiederaufnahmeverfahren kaum noch zu beweisen sein wird. Kein Reifen wurde aufgehoben, es gibt keine Fotos, erst recht keine Gutachten. Warum nicht? Kommissar G. erklärt, Reifenstechereien gehörten in der Großstadt zum "täglichen Brot". Dass es sich um eine Serie handelte, habe man "erst später zusammengebracht".

Ein Brief brachte die Polizei auf Mollaths Spur

Und zwar durch einen Brief, den Mollath im August 2004 an einen Anwalt schrieb. Das Dokument habe die Polizei auf Mollaths Spur gebracht. (Lesen Sie hier das Originaldokument) Darin nennt er, weit vor dem Einsetzen der Reifenstecher-Serie, die Namen etlicher Geschädigter als Beteiligte einer angeblich gegen ihn gerichteten Verschwörung. Der Empfänger des Briefs, ebenfalls ein Opfer der Serie, hatte sich später an das Schreiben erinnert und es der Polizei übergeben. "Da hat sich der Verdacht aufgedrängt, der Herr Mollath könnte mit der Sache zu tun haben."

Der Anwalt hatte angegeben, an seinem Wagen sei die Reifenluft beim Fahren auf der Autobahn entwichen. "Das war dann schon eine schlimmere Sache", sagt der Kommissar. Man habe deshalb eine Überwachungskamera eingerichtet. Die fing Bilder eines Mannes ein, der sich an einem Auto nach den Reifen bückte. Heute sind nur noch Einzelbilder des Videos als schlecht erkennbare Kopien vorhanden. Das Stechen selbst ist darauf nicht zu sehen, und für den Tag der Aufnahme ist in Polizeiprotokollen kein Reifenschaden verzeichnet, wie Verteidiger Gerhard Strate herausarbeitet.

Das ganze Video zeigte die Polizei damals Mollaths Frau Petra M. Sie konnte ihren Mann nicht eindeutig identifizieren, aber nach ihren Angaben passte der Bewegungsablauf, und er habe auch eine ähnliche Mütze und einen Mantel wie die Person auf dem Film. In Mollaths Haus fand die Polizei daraufhin entsprechende Kleidung. "Da hat sich der Kreis immer mehr verdichtet auf den Herrn Mollath", sagt Kommisar G.

Anwälte, Immobilienhändler, Psychiater treten als Zeugen auf

Der Reihe nach treten die Opfer der Reifenstechereien zehn Jahre später als Zeugen auf. Anwälte sind darunter, die mit der Mollath-Scheidung zu tun hatten, ein Immobilienhändler und seine Frau, die nach eigenem Bekunden weder Petra noch Gustl Mollath kannten, ein Psychiater, von dem Mollath sich nach eigenem Bekunden nicht begutachten lassen wollte.

Auch ein Gerichtsvollzieher tritt auf, er hatte zerkratzte Scheiben an seinem Fahrzeug. Ernst H. berichtet, er habe damals mehrmals Pfändungen bei Mollath durchgeführt, im Auftrag von dessen Ex-Frau. Petra M. hatte gerichtlich bestätigte Forderungen gegen ihren Mann. "Die Pfändung war zulässig", bestätigt der Gerichtsvollzieher dem Gericht. Das Gesamtvolumen? "In Euro auf alle Fälle über 100.000." H. nahm die Ferraris mit. Im Haus, das Mollath in Interviews als Villa eines erfolgreichen Unternehmers und Millionärs beschrieben hat, habe er nichts gefunden, was von Wert gewesen sei. "Alles war übersät mit Papieren und Büchern."

Ob er keine kostbaren antiken Möbel gefunden habe, die man mit heruntergelassenen Rollläden vor Sonnenstrahlen schützen müsse, will der Oberstaatsanwalt wissen; damit hatte Mollath bei Gericht seine von vielen Zeugen beobachtete Lichtscheu erklärt.

Gerichtsvollzieher H. schüttelt den Kopf: "Nein."

"Wertvolle Teppiche?"

"Nein. Das war ein Nullachtfuffzehn-Haushalt."

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harms555 17.07.2014
1. Internen Revisionsbericht der HVB
lesen (steht im Netz). Zwar sind die Namen geschwärzt, jedoch gibt schon der Umfang und die Richtigkeit von Mollaths Angaben einen erschreckenden Überblick für seine "Auszeit".
townsville 17.07.2014
2.
Das Herr Mollath reichlich verwirrt und cholerisch war (ist?) dürfte offensichtlich sein. Ob er derart gefaehrlich war (ist?), dass man ihn jahrelang in der geschlossenen Psychatrie unterbringen musste (müsste), scheint eher zweifelhaft. Aber wer sich dort standhaft jeder Therapie und sogar Begutachtung verweigert, der hat halt kaum Chancen, da wieder rauszukommen, wenn er einmal drin ist.
der:thomas 17.07.2014
3. ähm...
da ist schon noch klar, dass die Zusammenhänge irgendwie aufgezeigt werden müssen? Nachdem was da steht......!
D!EH4RD 17.07.2014
4. Aha...
und was sagt uns dieser Artikel jetzt? Dass Mollath doch nicht ganz gesund ist? Das es mittlerweile viel zu lange her ist, um irgendetwas beweisen zu können?
rajo2 17.07.2014
5. Wo ist der Justizskandal geblieben?
Es scheint an der Zeit, das Bild vom angeblichen Justizskandal zu korrigieren. Als Leser kann man aus der Ferne natürlich nicht beurteilen, ob Herr Mollath sich strafbar gemacht hat oder geisteskrank und gemeingefährlich ist. Aber genügend Anhaltspunkte, um dies ernsthaft zu prüfen, gibt es ja wohl. Die Logik "wenn die Vorwürfe gegen seine Exfrau nicht aus der Luft gegriffen waren, ist dem Mann Unrecht geschehen", war noch nie richtig. Es ist doch gerade typisch für Querulanten, dass sie sich an einem tatsächlichen "Unrecht" festbeissen. Die Frage ist aber, ob sie mit Art und Mass ihrer Reaktion darauf die Grenze zu Strafbarkeit oder Gemeingefährlichkeit überschreiten. Wenn man dies Herrn Mollath jetzt nicht (mehr) nachweisen kann, ist er natürlich freizusprechen. Ein Beleg dafür, dass die frühere Entscheidung ein skandalöses Fehlurteil war, wäre dies aber nicht.
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