Urteil im Fall Gustl Mollath Freispruch dritter Klasse

Gustl Mollath ist freigesprochen. Trotzdem steht er als Mann da, der seine Frau prügelte - und dies womöglich aufgrund eines Wahns. Schlimmer hätte das Urteil aus seiner Sicht kaum ausfallen können.
Urteil im Fall Gustl Mollath: Freispruch dritter Klasse

Urteil im Fall Gustl Mollath: Freispruch dritter Klasse

Foto: MICHAEL DALDER/ REUTERS

Nach dem Ende der Urteilsverkündung steht Gustl Mollath noch mal im Scheinwerferlicht. Medienvertreter halten ihm ihre Mikrofone ins Gesicht, er soll noch etwas sagen: Herr Mollath, sind Sie enttäuscht? Herr Mollath, werden Sie gegen das Urteil vorgehen? Herr Mollath, wie sind Ihre Zukunftspläne? Solche Sachen.

Vor fünf Wochen war Mollath unter Beifallsbekundungen ins Gericht eingezogen. Doch spätestens seit dem Ende der sorgfältigen Beweisaufnahme klatschte kaum noch einer. Es ist nichts geworden mit dem Beweis seiner Unschuld, den Mollath erringen wollte. Er ist freigesprochen worden. Aber es hat nicht mal zu einem Freispruch zweiter Klasse gereicht, aus Mangel an Beweisen. Aus dem angeblich unschuldigen Justizopfer ist ein gewöhnlicher Straftäter geworden, vielleicht auch ein psychisch kranker und damit schuldunfähiger Mann. Das wollte das Gericht nicht ausschließen.

Mollath reagierte enttäuscht und bitter, er sagte: "Ich wusste von vornherein, was ich von der bayerischen Justiz zu erwarten habe."

Zwei Stunden lang begründete die Vorsitzende Richterin Elke Escher das Urteil. Kein einziges Mal sah Mollath sie an. Er starrte ins Leere. Dabei kann er mit einem Teil des Urteils hochzufrieden sein: Das Gericht fand die Nachweise für die angeblichen Reifenstechereien "dürftig" und sprach ihn in diesem Punkt frei.

Das ist wesentlich, denn mit den Reifenstechereien fällt die Begründung für den Psychiatrieaufenthalt aus dem ersten Prozess weg. Das Nürnberger Landgericht sah es 2006 als erwiesen an, dass Mollath Dutzende Reifen zerstochen hatte - und schätzte das als gefährlich für die Betroffenen ein. Heute sah das Gericht die Indizien als nicht ausreichend an. Eine Unterbringung Mollaths in der Psychiatrie hielt das Gericht für nicht nötig und folgte damit der Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen, dass die Gefährlichkeit Mollaths nicht mehr nachzuweisen ist. Also muss er für die siebeneinhalb Jahre in der Psychiatrie entschädigt werden (Eine Chronologie des Falls lesen Sie hier).

Getreten, gebissen, gewürgt

Der Rest des Urteils aber ist für Mollath niederschmetternd. Nach der Überzeugung des Gerichts hat er im Jahr 2001 seine Frau geschlagen, getreten, in den Arm gebissen und "bis zur unmittelbar bevorstehenden oder sogar schon eingetretenen Bewusstlosigkeit gewürgt". Keine Kleinigkeit, denn Würgen bis zur Bewusstlosigkeit ist immer potenziell lebensgefährdend, darauf weist die Vorsitzende in ihrer Urteilsbegründung noch einmal hin.

Bei Mollaths Ex-Frau Petra sei "kein Motiv für eine Falschbezichtigung nachvollziehbar", sagte Escher. Im Gegenteil. Die Vorsitzende zeichnete das Bild einer Frau, die damals wenige Personen ins Vertrauen zog. "Einzuräumen, dass man misshandelt wird, ist ja auch eine Demütigung." Petra M. habe sich glaubhaften Zeugenaussagen zufolge bis zur Trennung Sorgen um ihren Mann gemacht und sich gefragt, ob man ihm helfen könne.

Und der Angeklagte? Mal hatte er behauptet, seine Frau habe sich bei einem Sprung aus dem fahrenden Auto verletzt, aber das passte nicht zu einer Bisswunde und den Würgespuren. Dann wieder sagte er, er habe sich nur gewehrt. "Das ist viel zu pauschal, um Beißen und Würgen zu erklären", stellte Escher klar. "Und anzunehmen, der Arzt habe einer ihm bis dahin fremden Person Verletzungen attestiert, die nicht da sind, dafür spricht nun wirklich gar nichts."

Dann kam die Vorsitzende zur letzten, vielleicht größten Enttäuschung für den Angeklagten: Das Gericht könne nicht ausschließen, "dass er damals aufgrund einer wahnhaften Erkrankung nicht in der Lage war, sein Verhalten zu steuern" - womöglich lagen die ganzen Psychiater doch nicht so falsch.

"Alles drehte sich um die Ungerechtigkeit der Welt"

Da war sein vehementes Eintreten für Frieden, gegen Ungerechtigkeit und gegen dunkle Machenschaften in der Finanzwelt: "Der Angeklagte kann nicht wegschauen, und das ist in gewisser Weise zu begrüßen", sagte Escher. Aber seine Empfindsamkeit verbinde sich mit Beharren und Selbstüberschätzung.

"Die Briefe an Bundestagsabgeordnete, an den Papst, an Gerhard Schröder, an Kofi Annan und an die Uno", zählte die Vorsitzende auf. "Da prangerte er Missstände an und ging wie selbstverständlich davon aus, Gehör zu finden." Dazu die bizarre Überzeugung, Harald Schmidt antworte im Fernsehen auf seine Briefe, die Behauptung, er habe die größten Friedensdemonstrationen der Welt initiiert, die verdunkelte Wohnung, das Ausbreiten der Schriften über die Nürnberger Prozesse in seiner Verhandlung vor dem Amtsgericht, das Einbeziehen der Psychiater in die angeblichen Schwarzgeldschieberkreise - all das zusammengenommen sei doch ein Anzeichen für Realitätsverlust und das Unvermögen, aus einem geschlossenen System herauszutreten.

"Alles drehte sich um die Ungerechtigkeit der Welt und illegale Geschäfte, in die er seine Frau verstrickt sah, und von denen er sie vergeblich abzuhalten versuchte", sagte Escher. "Das konnte eine Kränkung sein", so tief, "dass er nicht mehr in der Lage war, sein Verhalten zu kontrollieren."

All dies sei nur eine Erklärungsmöglichkeit, so Escher. "Wir wissen nicht, ob er aufgrund einer wahnhaften Störung so handelte oder nicht." Ohne Zweifel an seiner Schuldfähigkeit hätte das Gericht ihn schuldig gesprochen. Aber die Zweifel bestanden nun mal. "Deshalb müssen wir ihn freisprechen, in dubio pro reo", erklärte die Vorsitzende, auch wenn der Angeklagte selbst das womöglich gar nicht günstig finde: "Er sieht ja bei sich keine wahnhafte Störung."

"Nürnberg ist das Einflussgebiet meiner Frau"

Dann ist das Urteil gesprochen, ein einsames, lautes "Buh!" tönt durch den Saal, Mollath bezieht vor den Mikrofonen Stellung: "Ich will das nicht auf mir sitzen lassen", sagt er. "Ich habe meine Frau nicht angegriffen. Ich möchte dagegen rechtlich vorgehen. Man hat mich daran gehindert, wesentliche Zeugen zu laden. Da hätte ich mich gegen meinen Anwalt durchsetzen sollen. Dann hätte es vielleicht einen ganz anderen Urteilsspruch gegeben."

Und überhaupt, der Wahn: "Wenn ich 2001 darunter gelitten hätte, wie das Gericht meint, dann müsste der Wahn ja wohl heute noch da sein, wo ich doch alle Therapien verweigert hab", sagt Mollath. "Aber da ist keiner."

"Letzte Frage, Herr Mollath", ruft ein Medienvertreter, "wollen Sie jetzt wieder in Nürnberg leben?" Mollath lächelt bedeutungsvoll: "Ach wissen Sie, ich bin Realist. Man muss sehen, das ist das Einflussgebiet meiner damaligen Frau. Da wird versucht, mir was anzuhängen, und jetzt wurde von der bayerischen Justiz alles getan, damit mir dieser Nachweis nicht gelingt."

Dann eilt Mollath nach Taufkirchen, um die Entlassung einer Patientin aus der Psychiatrie feierlich zu begehen.

Die heutige Entscheidung, erklärt derweil der Sprecher des Regensburger Landgerichts, treffe keine Aussage darüber, ob Gustl Mollaths Einweisung in die Psychiatrie zu Recht oder zu Unrecht erfolgt war. Das Urteil von 2006 sei schlicht auf einer anderen Beweisgrundlage entstanden. "Gegen den heutigen Freispruch", erklärt er weiter, "kann der Herr Mollath keine Revision einlegen", etwa weil ihm die Begründung nicht passt.

Es bleibt abzuwarten, ob Gustl Mollath dies hinnehmen wird.

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