Gutachten Moshammer wurde von hinten erdrosselt

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Modezar Moshammer hat ein Rechtsmediziner erhebliche Zweifel an der Tatversion des Angeklagten geäußert. Danach soll Herisch A. sein Opfer entgegen eigener Angaben von hinten erdrosselt haben.


München - "Hinweise für ein gravierendes Kampfgeschehen haben sich nicht gefunden", sagte der Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger heute vor dem Münchner Schwurgericht. A. hatte angegeben, Moshammer im Streit mit einem Kabel geschlagen und erdrosselt zu haben. Laut einem Sachverständigen des Landeskriminalamts fanden sich an dem Kabel keine Spuren eines längeren Kampfes oder von Schlägen.

Mordopfer Moshammer: Krawatte, Haut und Haare in Kabelschlingen verwickelt
REUTERS

Mordopfer Moshammer: Krawatte, Haut und Haare in Kabelschlingen verwickelt

Eisenmenger erläuterte, bei der Obduktion der Leiche seien keine wesentlichen Blutergüsse an Armen oder Beinen, Fingernagelabdrücke oder ähnliche Spuren eines Kampfes entdeckt worden. Auch bei einer Untersuchung von Herisch A. habe sich kein Hinweis ergeben, "der typisch wäre für heftige Schläge mit einem Kabel". Üblicherweise entstünden doppelläufige Striemen. Der 25-jährige Iraker hatte ausgesagt, Moshammer habe im Streit um den vereinbarten Liebeslohn zuerst mit dem Kabel zugeschlagen.

Der renommierte Medizinprofessor führte aus, der Kopf des 64-Jährigen sei "dunkelbläulich-rot verfärbt" gewesen. Um den Hals habe das Kabel eine waagrechte, etwa 2,5 Zentimeter breite, so genannte Drosselmarke hinterlassen. Moshammers Krawatte, Haut und Haare seien in die Kabelschlingen verwickelt gewesen.

Schwere Verletzungen am Kehlkopf

Am Kehlkopf seien bei der Obduktion Brüche der feinen Knochen und andere schwere Verletzungen entdeckt worden, die Eisenmenger dem Gericht anhand eines Modells erläuterte. Die Art der Verletzungen spreche dafür, dass die Gewalt auf das Kabel von rechts hinten ausgeübt wurde, sagte der Mediziner.

Der Angeklagte hatte vor Gericht bestritten, dass er Moshammer das Kabel von hinten um den Hals gelegt hatte. Vielmehr sei er von der Seite an den 64-Jährigen herangetreten. Der Tathergang ist wichtig für die Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag.

Bei der Auseinandersetzung zwischen dem 25-Jährigen und dem 64-Jährigen war das etwa fünf Meter lange Verlängerungskabel in zwei Teile zerrissen. Ein etwa 2,60 Meter langes Stück hatte Moshammer vier Mal um den Hals gewickelt, als er am Morgen des 14. Januar tot aufgefunden worden war. Das restliche Kabel lag neben dem Kopf des 64-Jährigen.

"Erhebliche Zweifel an der Darstellung"

Herisch A. sagte heute: "Soweit ich mich erinnere, ist wegen Ziehens das Kabel gerissen. Ich war gestanden und Moshammer auch." Der LKA-Sachverständige Hans Stadlbauer erläuterte unter Berufung auf Tests, wenn zwei Personen im Stehen an einem derartigen Kabel zögen, zerreiße es nicht. Dazu sei ein enormer Kraftaufwand nötig, der einer Gewichtskraft von 80 bis 100 Kilogramm entspreche. "Es bleiben erhebliche Zweifel an der Darstellung, in welcher Position die Leitung gerissen sein soll."

Der Experte sagte weiter, wenn das Kabel mehrfach um den Hals einer Person geschlungen sei, klemme es sich selbst ab. Damit die Leitung reiße, müsse sich der Ziehende aber mit den Füßen abstützen, sonst werde das Gegenüber einfach über den Boden gezogen.

Der Prozess wird am kommenden Montag um neun Uhr fortgesetzt. Dann soll ein weiterer Sachverständiger gehört werden. Das Urteil wird wohl nicht wie ursprünglich geplant am 16. November verkündet, voraussichtlich wird ein weiterer Verhandlungstag benötigt.



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